Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 25 (16.6.1885)
- Date
- 1885-06-16
- Page
- Seite 396 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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396 Aus der Provinz Posen 31. Mai.! Lol-Nidre und der 2V. Liwau. Vorbemerkung der Redaktion. In der Braunschweiger Rabbinerversammlung 1814 wurde einstimmig beschlossen, das Kol Nid re am Eintrit des Abends des Versöhnungstages, weil es schon so vielen Anstoß erregt hat und sowohl in nichtjüdischen wie jüdischen Kreisen falsch aufgefaßt werden kann, ohne doch eine wesentliche Bedeutung zu besitzen, zu streichen und durch ein anderes Gebet in hebräischer Sprache oder durch einen deutschen Gesang zu ersetzen, wobei immerhin die dem Volke theuere Melodie bewahrt werden könnte. Erst langsam, wie alle Reformen, brach sich auch dieser Beschluß nur sehr allmählig Bahn, bis er gegenwärtig bereits in einer großen Zahl solcher Synagogen ausgeführt worden, die überhaupt Reformen zugelafsen haben. Gerade deshalb halten wir cs für Pflicht, dem folgenden Artikel hier Raum zu gewähren. Was das Kol-Nidre betrifft, so ist cs im geonischen Zeitalter entstanden, nicht aber aus den babylonischen Akademien hervorgegangen, wo dasselbe auch nicht üblich wurde. Seiner Einführung widersetzten sich in der Mitte des neunten Jahrhunderts noch fünf Geonim, wogegen R. Palta Gaon dafür war. Wir stellen über dasselbe, um einen gewiß unparteiischen Zeugen heranzubringen, die Worte des I)r. Leopold Zunz in seinem „gottesdienstlichen Borträgen der Juden", Seite 376, her: bz, womit der Gottesdienst am Abend des Versöhnungs-' festes beginnt, und in welchem die Gemeinde alle freiwilligen Gelübde der Einzelnen — nach Einigen aus dem verfloffenen, nach Anderen aus dem angetretenen Jahre — für unverbindlich erklärt, damit den unvorsätzlichen Ucbertretern keine Sünde deshalb zugerechnct werde. Bekannt ist der Mißbrauch, den Judenfeinde mit dieser Sitte trieben, um den jüdischen Eid zu verdächtigen. Schon Rabbi Jerucham ben Meschullam, der vor 560 Jahren in der Provence lebte, nennt diejenigen Bösewichter und Unwissende, welche durch Kol-Nidre ihre Verbindlichkeit gegen den Nächsten für aufgehoben oder gar auf die Zukunft für nichtig halten und erklärt solche Menschen für unfähig, ein Zeugniß abzulegen. Mehrere, die sich auf diese Art vergangen, seien elendiglich umgekommen (rr~^n zin ed. 1516 f. 118)". — Hinsichtlich der jüngsten Aeußcrungen der Antisemiten betreffs der Eide bei den Juden, so gehören sie zu den Auswüchsen des Hasses und der Unwissenheit, an denen diese Leute so reich sind. Abgesehen von den zahllosen Stellen der heiligen Schrift — von den zehn Geboten angefangen — und des Talmuds, in welchen der Meineid als eines der sträflichsten Verbrechen gebrandmarkt wird, ist überhaupt der Bestand einer großen Genossenschaft ohne die Heiligkeit des Eides gar nicht denkbar. Eide werden ja nicht blos zwischen den Anhängern verschiedener Religionen und Nationalitäten geschworen, sondern auch zwischen Glaubensgenoffen selbst. Eine laxe Auffaffung des Eides würde also moralisch und materiell von der größten Gefahr für eine Glaubensgenosienschaft sein. — Lassen wir nun den Herrn Correspondenten aus der Provinz Posen sprechen: „Angesichts der jüngsten antisemitischen Auslassung über den Unwerth der Eide der Juden erscheint es denn doch nicht ganz angemessen, die Hände in den Schooß zu legen. Ja, cs kann sogar zugegeben werden, daß es nun und nimmermehr gelingen werde, den Antisemitismus eines befferen zu überzeugen, da er gar nicht gewillt ist, seine vermeintliche Ansicht aufzugebeu. Es sollen daher diese Zeilen um so weniger den Zweck haben, den Antisemitismus zu bekehren, als dieser Zweck von begabteren und bewährten Kräften als aussichtslos bereits aufgegeben ward. Nichtsdestoweniger wollen wir iudeß die Hoffnung nicht fallen lassen auf den Eintritt der Zeit, wo uns wenigstens die Gerechtigkeit nicht versagt werden wird, daß wir Juden, gerade in Bezug auf Eide, den andern Confessionen mindestens nicht nachstehen. Bis dahin wollen wir aber auch zugleich bedacht bleiben, alle diejenigen Quellen zu verstopfen, aus denen, wenn auch ohne ihre Schuld, gerade dieselben Vorwürfe hergeleitet werden, die uns so unverdient gemacht! werden. Als eine solche Quelle müssen wir das, leider in den meisten Gemeinden noch immer an dem Vorabend des Bersöhnungsfestes zum Bortrag gebrachte stück bezeichnen, das, keine Spur von Gebet enthaltend, die anscheinend rein profane Erklärung niedcrlegt, unseren Gelübden, Eiden u. s. w. ihren Werth von vornherein abzusprcchen. Es ist keinen Augenblick von sachverständiger Seite unterblieben, darauf hinzuweisen, daß mit dieser Erklärung nur freiwillig eingegangene Gelübde und Verbindlichkeiten gemeint sind, die sozusagen Gott gegenüber abgegeben worden und somit ausschließlich und allein religiösen Inhalts sind, daß sie keineswegs aber solche umfaßt, die, den Menschen gegenüber, auf den weltlichen Verkehr Bezug haben, und die auch daher augenscheinlich gerade von den Juden mit der größten Peinlichkeit heilig gehalten werden. Taß es diesem zweifelhaften Stücke trotzdem gelungen ist, an die Spitze aller Gebete des vorabendlichen Gottesdienstes des Bersöhnungsfestes gestellt zu werden und demselben sogar den Namen zu geben, ist merkwürdig und nur zum Theil mit der ihm eigenen, jedem Zuhörer weich sich einschmeichelnden Melodie zu erklären. Was dagegen den Inhalt und die Form dieses '~r>: >z stückes betrifft, behalten wir uns vor, sobald diese Angelegenheit Anklang finden sollte, den Nachweis aufzufrischen, den