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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1885-06-16 · Heft 25 (16.6.1885) · p. Seite 395

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
49 (1885)
Issue
Heft 25 (16.6.1885)
Date
1885-06-16
Page
Seite 395 (sequence 3)
Language
German
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395 j M Thatsachen in ihrem Innersten umfaßt wird. Es sind eben die neuere Zeit an die Stelle jenes im Ehemals so herrschendie veränderten Anschauungen, die hierin als die leitenden den Motivs gesetzt? Die religiöse Ueberzeugung. Sie Impulse sich kenntlich machen. In der vergangenen Zeit ist es, welche in den Geistern lebendig ist, sie im Judenthume war das vorherrschende Motiv bei unfern Vätern: die |yurd)t feftfjäXt und ihnen die religiöse Befriedigung verschafft. Diese vor der göttlichen Strafe bei der Verletzung irgend Ueberzeugung stützt sich aus die drei großen Eigenschaften einer Satzung. Schon in die Kindessccle wurde diese des Judenthums, nämlich auf die Ursprünglichkeit unserer Furcht eiugesenkt und beherrschte die Bekenner des Jndcw thums durch ihr ganzes Leben. Wir brauchen nicht hervorzuhcben, was wir in diesen Skizzen schon mehrfach betonten,' daß diese Furcht die Befriedigung über erfüllte Pflichten, über oft schwer getragene Opfer, und die Erhebung der Seele in der Verrichtung gottesdienstlicher Akte und eultueller Vorschriften durchaus nicht ausschloß. Diese Furcht vor der göttlichen Strafe schädigte die Liebe zu Gott, die Zuversicht auf seine Lenkung und die Hingebung an seinen Willen durchaus nicht. Aber sie war doch das herrschende Motiv, welches die sorgfältigste Beobachtung jeder überkommenen Satzung hütete und selbst die nur absichtslose oder fahrlässige Uebcrtretung einer solchen die Seele mit Schrecken erfüllen ließ. Sie war ein Prvduet des ganzen talmudischen Systems, welches die Religionsübung in ein -Ins verwandelt und deshalb die Minima, mit welchen eine Uebcrtretung erfolge, genau festgesetzt hatte; das ferner zur Verhütung einer Gcsetzcsvcrlctzung durch Häufung von abgeleiteten Vorschriften ein „Zaun" um das Gesetz gezogen, das endlich die Verletzung eines leichteren Gesetzes für gleichwerthig mit der eines schweren erklärte, weil nach dein bekannten Ausspruch mau nicht wisse, welcher Lohn auf die Erfüllung und welche Strafe auf die Uebcrtretung eines leichten oder schweren Gesetzes erfolge. Mit dem Ende des vorigen und dem Beginn des jetzigen Jahrhunderts änderte sich, zuerst langsam, dann rascher, in immer mehr Individuen diese -Anschauung. Ich erinnere mich, um ein Beispiel anzuführen, aus meiner Kindheit, daß in meiner Vaterstadt nur ein einziger Jude es wagte, am Sabbath die eine Hälfte seines Ladens offen zu halten, was ihm sehr verargt rvrirde. In meinem 14. Jahre kam ich nach einer anderen Stadt und fand daselbst unter 10 jüdische» Gewölben nur noch zwei am Sabbath geschlossen: und einige Jahre später in einer dritten Stadt waren etwa 40 mit einer einzigen Ausnahme am Sabbath geöffnet. Ana lvges ergab sich aus anderen rituellen Gebieten. Dies sind Thatsachen, die aus der Volksseele unmittelbar hervorgegangen; kein Lehrer des Jndenthums — in Europa wenignens — hat bis heute der Entheiligung des Sabbaths das Wort geredet, sondern alle Reformer unter den Rabbineu haben cisrigst gestrebt, die Heiligung und Weihe des Sabbaths zu erhalten und wieder zu stärken, wie z. B. die Protokolle der Rabbinerverfammlnugcn beweisen. Die Berliner Reformgemeinde ist bis jetzt die einzige in Europa, welche ihren Gottesdienst aus den Sonntag verlegt hat. — Was hat nun Religion, welche, mögen die Herren Kritiker über das Jahrhundert, in welchem die monotheistische Lehre in Israel durchdrang, noch so viel streiten, tief in das graue Alterthum bineinreicht, und aus der die anderen positiven Religionen entsprungen sind, ohne jedoch den reinen Monotheismus zu tvahren; zweitens die ununterbrochene Ueberlieserung durch mehr als 100 Generationen und die mit ihr verbundene stetige Fortentwickelung, in welcher sich an den Mosais mus der Prophetismus, der Talmudisinus, der Rabbinisinus und die neuere Phase des Jndenthums anschlossen; drittens die Uebereinstiinmnn g unserer Religionslehren mit dem Verstände und mit dem Herzen, so das; auf dem Boden jener die Harmonie des Verstandes und des Herzens gewahrt und erzielt wird. Diese Ueberzeugung hat ihre Stärke in dein Bewußtsein, daß die Religion Israels, wie sie besteht, nicht das Werk einer einzelnen Zeit, noch weniger eines und des anderen Individuums ist, das im Wechsel der Gesinnung und Bildung austaucht und wieder verdrängt wird, sondern eine stetig sortentwickclte Geistesarbeit von mehr als drei Jahrtausenden, also ein Gesammtprodukt zahlloser Geister und Geschlechter ist, und somit weil über die geistigen Erzeugnisse eines Individuums hinausreicht. Diese Ueberzeugung bildet den Schwer- und Mittelpunkt des Jetzt im Judenthumc; sie ist allmählich erwacht, hat sich dann rasch durch die empfänglichen Seelen gebreitet und bildet für Gegenwart und Zukunft die wesentlichste Stütze des Judcnthums. Wenn Philosophen jener Motivirnng unserer Handlungen durch die Furcht die Heteronomie, d. i. die -Auferlegung des Gesetzes von außen vorwarfen, so tritt dafür die Ueberzeugung als Motiv durchaus autonom ein, indem sie das Gewissen des Menschen instnirt und ilmt durch dieses seine Handlungen vorschrcibt. — Wie es im Eharaktcr dieser Skizzen liegt, haben wir uns auch hierbei jedes UrthcilS und seiner Begründung enthalten und nur versucht, die Thatsachen und ihren Charakter sestznstellen, und die Veränderungen zu bezeichnen, die innerhalb oes Jndenthums vor sich gegangen. Selbstverständlich bestehen in zahlreichen Individuen diese Impulse und Motive auch noch nebeueinauder nud erzeugen einander. Gerade hieraus ist die Mannigfaltigkeit zu erklären, die gegenwärtig unter den Juden obwaltet.

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