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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1885-06-16 · Heft 25 (16.6.1885) · p. Seite 394

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
49 (1885)
Issue
Heft 25 (16.6.1885)
Date
1885-06-16
Page
Seite 394 (sequence 2)
Language
German
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394 hatten. Jndeß mangelte es in den alten Gemeinden durchaus nicht ganz an Mitteln, um dieselben zusammenzuhalten und selbst Individuen zu verhindern, die hergebrachten Bahnen Zu verlosten. Da war zunächst der Bann, der in den Zeiten, wo er in voller Kraft stand, so schreckenerregend auf die Gemüthcr und so mächtig in seinen materiellen Folgen wirkte, daß er den weltlichen Arm vollständig ersetzte. Aber mit der Mitte des vorigen Jahrhunderts begann er durch den Mißbrauch, der mit ihm getrieben wurde, z. B. noch in j dem Eibenschützer Streite, seine Kraft zu verlieren. Gemein, j den und Rabbiner schleuderten sich ihn einander zu, so daß! die Masse nicht mehr wußte, was sie damit anzufangen habe. - In mehreren Staaten wurde er gesetzlich verboten, und heut-j zutage würde er in den Ländern, von welchen wir vorzugsweise sprechen, in mittleren und westlichen Europa und Amerika nur den Spott herausfordern. So gingen in unseren Tagen Versuche in Hamburg und London, ihn wieder auszufrischen, spurlos vorüber. — Ein anderes und wohl noch viel wirksameres Mittel war das Gefühl der Zusammengehörigkeit. Dies zu wecken und zu nähren in den Herzen der Juden, waren mehrfache Motive vorhanden. Tie gemeinsame Religion und Abstammung mit ihrem ganzen kräftigen Bewußtsein, nicht minder die Gemeinsamkeit der Schicksale, der Perfolgungen und Bedrückungen, und zuletzt der Hohn, der Spott und die Mißhandlung, welche die Individuen außerhalb ihres Kreises ohne Unterschied des Standes, des Besitzes, des Rufes, der geistigen Bildung, endlich des Alters und des Geschlechts betrafen, schlossen ein festes Band um sie. Was ste draußen erlitten, das ersetzte sich ihnen innerhalb ihres Kreises; da fanden sie Achtung, Ehrenämter, Berücksichtigung aller Art, und jedes gemeinnützige Streben traf aus Gegenstände und Befriedigung, Roch mehr genährt wurde dies Gefühl durch das stark entwickelte Bcreinslebcn. Jndeß verdichtete sich dieses Gefühl besonders in der Gemeinde. Der Geist beschränkte sich auf die eigene Gemeinde und ihr Weichbild. Darüber hinaus reichte der Bück nur wenig. Was andere Inden betraf, wurde miiempfnnden, aber drang nur; selten bis zur That; für die anwandernden fremden Juden hatte man Unterstützung, wollte sie aber immer schnell wieder los werden. Fehlte es doch selbst an Eifersüchteleien zwischen den Gemeinden nicht, und Niederlassungen in seiner Gemeinde sah man ungern und suchte sie zu verhindern. — Ties Alles hat sich in unserer Zeit sehr verändert. Allerdings ist das Gefühl der Zusammengehörigkeit in vielen Individuen sehr schwach geworden. Die lebhafte Theilnahine an Staat und Stadt, ja au den Angelegenheiten aller Völker und Weltthcile, die Erfüllung des Geistes mit der allgemeinen Bildung, mit den Tendenzen der Wissenschaft und Kunst und der lange nicht mehr so wie in alten Zeiten beschränkte Umgang und Verkehr mit der gesammtcn Bevölkerung haben jenem Gefühle seine Stärke entzogen, und es bedarf feindseliger Angriffe, um es in einigen Graden wieder zu beleben. Dagegen hat sich der Blick in rühmenswcrther Weise auch innerhalb des Judenthums erweitert. Man schaut das Jndenthum wieder mehr als eine Gesammtheit an, deren Schicksale allgemeine Theilnahme erwecken; man erkannte, daß, um das Jndenthum zu erhalten und zu einer frischen Entfaltung zu bringen, cs gemeinsamer Anstrengungen und Opfer bedürfe, die vorhandenen Kräfte gesammelt und zur Herstellung wirksamer Institute verwendet werden müssen. Dies ist seit den vierziger Jahren in bestem Fortschritt begriffen und bietet für die Zukunft erfreuliche Aussichten. Wo irgend eine Unterdrückung und Mißhandlung von Inden vorkommt, tritt eine Verwendung und Fürsprache von all den Seiten ein, von welchen aus eine solche möglich ist. Bei eintretenden Unglücksfälleu und Röthen stellt man Sammlungen an, um so viel wie möglich zu Helsen. Was wir 1837 noch als Aufforderung und Wunsch anssprachen, hat sich durch Gründung der Rabbinerbildungs - Anstalten in Breslau, Berlin, Pest, London, Cincinnati verwirklicht, während die von Metz nach Paris verpflanzt wurde, und nur die zu Padua nach dem Ende der österreichischen Herrschaft in Italien aus Mangel an Mitteln einging, ohne bis jetzt einen Ersatz erhalten zu haben. So sind statt der vereinzelten Jeschibot einzelner Gelehrten, Centren für die jüdische wistenschaftliche Theologie mit wohlorganisirten Lehrkörpern geschaffen worden. Statt Zeines Lehrerseminars haben wir in Deutschland jetzt fünf und werden bald ein sechstes in Posen erlangen. Vereine für die Hebung der intelleeruellen, sittlichen und svcialen Zustände unter den Juden mit Mitgliedern in den verschiedensten Ländern erstanden in Paris, Wien, London und Rew-^)ork. — Um aber unser Bild zu vervollständigen, wollen wir noch bemerken, daß die alten Gemeinden noch andere kleinere Mittel besaßen, um die völlige Freiwilligkeit zu balanciren. Demjenigen, welcher seine Cultussteuer nicht entrichtete, wurde das Ostermehl oder gar das Koschersleisch versagt oder die Mikwe verschlossen. Dies hals in allen Fällen. Tie Gemeinde sagte sich: wenn Du von den Einrichtungen der Gemeinde Gebrauch machen willst, so mußt du auch für dieselben zahlen. Aus diese Weise konuten die Finanzen der Gemeinde in Ordnung gehalten werden, ohne daß das Gericht oder der Polizist in Anspruch genommen wurde. Jedermann sieht, daß die Gemeinden im Laufe unseres Jahrhunderts diese Mittelchen ansgeben mußten, weil sich manche darüber hinweggesetzt hätten und auch jetzt Osterkuchen und Koscherfleisch von anderen Orten bezogen werden > können. — : Alles dies betrifft aber mehr das Aenßere. Wir müssen ' tiefer eingehen in das Ehemals und Jetzt, um die vor sich ge»! gangene Wandelung im Geiste zu erkennen, wie sie von den

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