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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1885-06-09 · Heft 24 (9.6.1885) · p. Seite 389

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
49 (1885)
Issue
Heft 24 (9.6.1885)
Date
1885-06-09
Page
Seite 389 (sequence 13)
Language
German
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389 kam unlängst nach Petersburg, um daselbst bei der Regierung' die „Erlangung der Emanzipation" für seine mit so öielj marktschreierischer Reclame in Szene gesetzte, dein Cyristenthume i sich zuneigende „Judensecte" zu bewirken. Dieses principielle j Gesuch wurde gänzlich mit Spott abgelchnt und zwar noch mit! folgenden tragischen Worten, daß er nicht allein nichts bewirken, j sondern auch nicht einmal für seine eigene „Person" Aufent-! haltsrecht in Petersburg erlangen werde, da er, dem Gesetze! gemäß, zu keiner der Kategorien, die dieses Rechtes theilhaftig j sind, gehöre.— Die bekannte Pariser Firma „Dreifuß & Co.,"; welche in Odessa eine Commandite besitzt, hat, auf Grund > der neuen Vorschriften über die Geschäftsführung ausländischer Juden in Rußland, sich an das Handelsdepartement um die Erlaubniß gewendet, in Rußland Geschäfte zu betreiben, worauf ihr, nach getroffener Uebereinstimmung des Ministeriums des Innern, der Finanzen und der äußeren Angelegenheiten, die betreffende Erlaubniß mit der Bedingung ertheilt wurde, daß nicht nur für das Geschäft selbst, sondern auch für jeden ihrer Agenten „Gildenscheine erster Klaffe" auszulösen seien, während bis jetzt für die Agenten ein Commisschein genügte. — Beim Ableben des überaus humanen Fürsten Paul Demidoff de San-Donato, des bekannten Gönners der russischen Judenheit, hat das Central-Comite der Pariser „Alliance isr. univ." ein Beileidsschreiben an die tiefbetrübte Fürstin Helene Demidoff gerichtet. Dieselbe ertheilte darauf folgende Antwort: „Mein Herr! Ich bitte Sie, dem Central-Comite mev, nen verbindlichsten Dank auszusprechen für die Worte des Mitgefühls, welche es bei Gelegenheit meines Verlustes an mich gerichtet hat. Inmitten der jüdischen Bevölkerung Rußlands hat mein Mann seine Beamtencarriöre begonnen; dort gewann er die Grundsätze, die er später ausorückte. Ich war Zeugin der Vorarbeiten des Werkes, welches er ver öffentlicht hat, er war beseelt von dem Wunsche, „Gerechtes und Berechtigtes" zu sagen, und beruhte Alles, was er schriebauf dem Studium der Völkerschaften, für die er eintrat. Der Erfolg würde ihn beglückt haben; ich hoffe, daß einstmals meine Kinder es erleben werden, daß ihr Vater sich nicht getäuscht." Die jüdisch-polnische „Jsraelita" schreibt aus Paris Folgendes: Die russischen Juden kommen in großem Elend in großer Menge an, ohne auch hier Existenz zu finden, daß die „Alliance" 20 000 Fr. für die Heimschaffung derselben bereit gestellt hat. — In demselben Blatte wird eine zahlreiche Zurückwanderung von Amerika nach Rußland gemeldet. Moses Feinkind. Bonn, 29. Mai. (Literarische Notizen.) In Nr. 18 der von R. v. Gottschall redigirten „Blätter für literarische Unterhaltung" ist ein lobpreisender Artikel über E. v. Hartmann's von uns ausführlich kritisirte Schrift „Die Gegenwart und Zukunft des Judenthums" enthalten. Wir verargen dem Jünger durchaus nicht, das Product seines Meisters zu glorifiziren. Hat doch anderweitig die Kritik ihre Aufgabe an dieser Schrift gelöst und in ihr nichts Anderes als hohle Phrasen und Behauptungen gefunden, die auch nicht mit einer Thatsache belegt sind. Nichts ist leichter, als vom hohen Sockel herab Urtheile zu fällen, ohne sie zu begründen. Hartmann hat seinen Gegenstand weder theoretisch verstanden, noch irgend ein praktisches Resultat aus allen seinen weitläufigen Deductionen zu ziehen vermocht. Ter einzige Gedanke, von welchem er ausgeht und zu welchem er zurück kehrt, ist, daß die Juden wegen ihres „Stammesgefühls" > kein deutsches Nationalgefühl hegten. Dies ist für einen! Philosophen ein sehr einseitiger und beschränkter psychologi-; scher Standpunkt und sactisch durchaus unwahr. Dabei ist; die ganze Haltung des Buches eine dicht an Heuchelei gren-; zende. Er versichert seine Unparteilichkeit und nimmt auf! der nächsten Seite Partei gegen die Juden in einem völlig; antisemitischen Maße. Wir haben aber nie bezweifelt, daß? seine Schrift Bielen willkommen sein werde, um ihre eigenen Ansichten mit der Autorität dieses Pseudo-Philosophen gedeckt zu sehen. — Durch die Freundlichkeit des Herrn Dr. Hermann Gerlach (Pastor zu Forst i. L.), des jetzigen Herausgebers der „Allgemeinen kirchlichen Chronik" (Dresden, Dieckmann), erhalten wir den 31. Jahrgang, das Jahr 1884. Aus diesem Werke kann man sich eine klare, unparteiische Ueberficht über die kirchlichen Zustände in allen Welttheilen verschaffen. Wenn der Herr Berfaffer brieflich eine freundliche Besprechung seiner Chronik von uns wünscht, so müssen wir uns mit obiger Bemerkung begnügen, da es uns Juden in den letzten Jahren sehr verübelt worden, wenn wir uns über kirchliche Zustände äußerten, und man wird deshalb die Reserve würdigen, die wir uns nach dieser Seite hin auferlegen. Bon den Juden ist nur einmal (S. 229) die Rede, und zwar bei der Leichcnfeicrlichkeit des am 12. Januar verstorbenen griechischen Erzbischofs von Smyrna, von welchen die römisch-katholische Geistlichkeit sich fern hiel*, drei evangelische Geistliche und sechs Rabbiner betheiligten sich. Jene drei Evangelische sprachen verschiedene Gebete und ebenso der Director der jüdischen Schule. Es wird hinzugefügt: „daß Juden bei solchen hochfeierlichen Gelegenheiten in christlichen ■ Cathedralen amtiren (?!) wollen und dürfen, ist von anderen Orten wohl noch nicht berichtet worden." Nun es ist dies aber ein Beweis, daß es außerhalb Europas Orte giebt, wo die Toleranz der verschiedenen Confessionen unter einander einen größeren Platz gewonnen hat. So wurden aus Amerika bisweilen ähnliche Borkommniffe berichtet. Seite 320 in dem angehängten Literaturberichte sind auch Schriften über „die Judenfrage" aufgeführt, aber lange nick.t vollständig. Warum nicht „jüdische Literatur" rubricirt worden, sondern nur „In-

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