Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 24 (9.6.1885)
- Date
- 1885-06-09
- Page
- Seite 381 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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381 zu Halberstadt und Berlin Summen vor, um die Synagogen! in Halberstadt, lange Zeit eine der schönsten in Deutschland., und in der Haidereitergaffe in Berlin zu erbauen. Ueberhaupt war er von großer Wohlthätigkeit und richtete seine Für'! sorge besonders^ auf die Erziehung von Waisenkindern. Er! stand in hohem Ansehen bei den Königen Friedrich I. und : Friedrich Wilhelm I. von Preußen; am meisten jedoch bei! August dem Starken, Kurfürst von Sachsen und König von i Polen, der ihn zu seinem „polnischen Residenten" ernannte. In mehrfachen Rescripten rühmt August „die treuen Dienste", die ihm Lehmann geleistet, und dieser richtete kein Gesuch an den König, das dieser nicht berücksichtigt hätte. Lehmann vermittelte den Verkauf Quedlinburgs an die Krone Brandenburg, und verschaffte hierdurch August die Mittel zu seiner Krönung in Warschau; so beschaffte er ihm auch eine Anleihe im Jahre 1706, als Karl XII. in Sachsen einsiel. An ihn wandten sich deshalb z. B. die schmerbelasteten Juden in Polen, und er erlangte für sie eine fühlbare Erleichterung. Berend Lehmann war es auch, der sich und einigen Genossen mit Hilfe des Kurfürsten und Königs August eine Niederlaffung in Dresden errang. Denn seit 1430 waren die Juden aus Sachsen verbannt und dursten nur während der Messe in Leipzig und der Jahrmärkte in Dresden sich zeitweise aufhallen. Es war ein langer und harter Kampf gegen die Zünfte und Innungen, gegen den Rath, gegen die Stände und sogar gegen den Geheimrath des Königs. Es kamen Fälle vor, in welchen Geheimrath und Stadtrath die günstigen Entscheidungen des Königs bei Seite legten und unbeachtet ließen. Beschneidung und Beerdigung mußten in Teplitz vorgenommen werden. Daß Lehmann und Genossen in ihren Wohnungen Gottesdienst hielten, erregte den Zorn der Einwohner und besonders des Oberconsistoriums: war solches ja selbst den Reformirten damals untersagt. Aber all' diesen Angriffen setzte Lehmann Geduld und Ausdauer entgegen; zahllos sind seine Beschwerdeschristen und Bittgesuche, die er an den König richtete. Und endlich drang er durch. Damals bedienten sich die Juden oft des Kunstgriffes, wenn sie das Wohnrecht erlangt hatten, unter dem Titel Domestiken, und wenn erst der Gottesdienst gestattet war, der dazu benöthigten Beamten, andere Juden in den neuen Wohnsitz einzuführen. Die kleine Gemeinde in Halberstadt z. B. hatte drei Borbeter, vier Gemeindediener, drei Friedhofsdiener u. s. f. So gelang es, einer langsam anwachsenden Zahl eine Wohnstätte zu verschaffen. So ging cs auch in Dresden, wo, wie wir noch bemerken wollen, Lehmann wiederholt in Jahren des Mißwachscs durch herbeigeschaffte große Getreidevorräthe, die er zu mäßigen Preisen verkaufte, die Noth des Volkes minderte. So befanden sich im August 1734 loi) jüdische Personen in Dresden. Bald darauf wurde bereits ein „Gevollmächtigter der Judenschast" genannt. Im Jahre 1746 betrug ihre Zahl bereits 801: 18t.O; 1031; dann nahm die Zahl wieder ab bis 1840: von da ab stieg die Seelenzahl der Dresdener Gemeinde wieder und hatte im Jahre 1860 die stattliche Höhe von 2171 Seelen erreicht. Wer nun die Details dieses schweren, zuletzt siegreichen Kampfes kennen lernen will, wird die interessante Schrift mit Nutzen lesen. - In dieser Skizze zeichnet sich so recht plastisch ab, was ein allgemeiner Zug innerhalb der Judenheit war. Man j möchte sagen, bis in die kleinsten Gemeinden herab fand sich immer ein Mann, der bei den Behörden und hochstehenden! Personen eines guten Ansehens genoß und dadurch Einfluß I übte. Man nannte dies „thakkif" und noch aus i meiner Kindheit erinnere ich mich dieses und jenes, von denen! man sagte, und zwar mit gewichtiger Miene, „ er sei thakkif bei den Srores". Selbstverständlich besaßen sie hierdurch ein noch höheres Ansehen bei ihren Glaubensgenossen. War deshalb der eine und der andere in irgend einen Conslikt gerathen, oder hatte er etwas höheren Lrtcs zu erbitten, so wandte er sich an den Thakkif, um ihm Beistand zu leisten. Jndeß muß man nicht glauben, daß solche Männer stets nur j zum Nutzen ihrer Glaubensgenossen wirkten. Sie mißbrauchten bisweilen ihre vermeintliche Autorität, die Mutter einer ge- : wissen Herrschsucht, um ihren Willen durchznsetzen. Biele Streitigkeiten in den Gemeinden entsprangen hieraus, und namentlich hatten die Gemeindebeamten, die Rabbiner voran, viel darunter zu leiden. Jene waren eifersüchtig auf deren Position, und insondcrs auf den Einfluß, den der Rabbiner innerhalb der Gemeinde erlangen konnte. Auch in dem Leben Berend Lehmann's kommen Fälle vor, die hieran anklingen, und in einem Schreiben an den König widersetzte er sich einmal dem Zuzuge anderer Juden. Alles dies hat sich in unserer Zeit völlig geändert. Jemehr das Gesetz volle Kraft für Alle erlangte, je geregelter die Verhältnisse der Juden wurden, um schließlich in die Gleichberechtigung aufzugehen, desto mehr fiel jedes Thakkises hinweg; individuelle Vorrechte und Begünstigungen hörten auf. Ein Kampf um Principien, der nur durch geistige Waffen und durch die Entwickelung der Verhältnisse geführt wird, ist unabhängig vom Einflüsse einzelner, besonders privater Personen. Wer war eine Zeit lang einflußreicher als das Haus Rothschild das ein Witzbold den Gläubiger aller Beherrscher nannte, während der Sultan der Beherrscher der Gläubigen sei — und in dem langen Kampfe um die Emancipation trat dieses Haus nicht ein einziges Mal mit irgend einer bemerkbaren Wirksamkeit hervor. Als der Antisemitismus in Berlin sein häßliches Haupt erhob und sich rühmte, aus maßgebenden Kreisen Unterstützung und Förderung zu erhalten: da war es der Einfluß keines der angesehenen Männer in der jüdischen Gemeinde, der eine Gegenwirkung hervorzurufen vermochte, oder dies auch nur