Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 24 (9.6.1885)
- Date
- 1885-06-09
- Page
- Seite 380 (sequence 4)
- Language
- German
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SSO Entfaltung der Auslegung, in welcher die Casuistik immer größere Raum gewann, noch Jahrhunderte lang vor sich, während die früheren Sammlungen in die Mischnah Iuda's Ha-Naßi ausgenommen und diese wiederum zur Gemara erweitert wurde. War demnach das eigentliche Wesen dessen, was man Tradition nennt, nämlich die Auslegung des Gesetzes von der Niederschrift des Tradirten unberührt geblieben, so trat mit der Gemara ein Wendepunkt ein. Wie schon! der Name anzeigt, „der Abschluß", sollte nunmehr die eigentliche Gesetzesauslegung abgeschlossen sein. Enthielt doch der Talmud bestimmte, für unbedingt erklärte Halachoth; über viele! Fragen hatte die Majorität entschieden, und ebenso der Ge-! brauch. Freilich blieb eine ungemein große Masse von Aus-! legnngen fraglicher Autorität übrig. Dahingegen ward den j angenommenen Halachoth ein Werth und eine Geltung zugei sprochen, die der des Schristworts gleichkäme, und welche nun späteren Generationen abgehen mußte. Im Grunde genoml men hatte die Gemara auf diese Weise das Wesen der Traj dition, nämlich die Ausgleichung der wirklichen Verhältnisse j und Bedingungen des Lebens mit dem Fundamentalgesetzej durch die Auslegung, beseitigt. Es trat ein, was in jenem j Verbote, zum Schristworte etwas hinzuzufügen, vorausgesehen j war: die Verdrängung der Autorität des Schriftwortes durch j die tradirten und nun niedergeschriebenen Auslegungen, so j daß das rabbinische Gesetz über das thoraische hinausgesetzt,! und zugleich die weitere Auslegung abgeschnitten war. Selbstl verständlich konnte diese letztere nicht ganz aufhören. Zahl-! reiche casuistische Falle, in welchen neue Lebensbedürfnisse! zum Ausdruck kamen, erforderten eine Lösung, die jedoch stets! an talmudifche Bestimmungen anknüpfen und aus ihnen mehr i oder weniger scharfsinnig und folgerichtig gezogen werden mußte. Es entstand hieraus ein weitschichtiges Schriftthum. Im ganzen aber war das geistige und materielle Leben der Juden an den Boden des Talmuds gefesselt; neue Impulse,! wie die Religionsphilosophie und Kabbala, konnten sich nur stellen- und zeitweise Raum verschaffen und mußten stets bedacht sein, mit den talmudischcn Bestimmungen und Anschauungen in keinen Conflict zu gerathen. Dieser Zustand wurde noch mehr befestigt durch die Codifikationen bis zum Schulchan-aruch, indem diese aus dem Convolut der talmudischcn Auslegungen diejenigen auszogen und systematisch zusammenstellten, welche durch Autorität und Gebrauch zu gesetzlicher Geltung gekommen waren. Es lag dabei der doppelte Zweck zu Grunde, diese gesetzlichen Vorschriften jedermann zugänglich zu machen und eine Einheit der jüdischen Lebensnormen an die Stelle mannigfacher Verwirrungen zu bringen. Die jüdische Tradition war hiermit erstickt, die Auslegung und ihre versöhnende Kraft, den vielgestaltigen und sich verändernden Verhältnissen und Bedingungen des wirklichen Lebens gegenüber, war abgeschlossen und gleichsam verbarrikodirt. und zu tradiren gab es nichts mehr. Dies ist der Charakter der Jahrhunderte geworden, welche vom Abschluß des Talmuds bis zu unserer Zeit verflossen sind. Früher oder später sprengt aber der Geist, sobald ihm neue Impulse — jetzt durch den Eintritt in das allgemeine Culturleben und die moderne Geistessphäre — die ihm angelegten Fesseln, und es ersteht von neuem, was in früheren Zeiten in freier, frischer Geistesbewegung geschehen ist. Skizzen über das Ehemals und Setzt im Subenthume. vi. Es kam uns in diesen Tagen eine Biographie zu, betitelt: „Der polnische Resident Berend Lehmann, der Stammvater der israelitischen Religionsgemeinde zu Dresden. Bon seinem Ur-Ur-Urenkel Emil Lehmann (Dresden und Leipzig, Pierson 1885)". Der Biographirte war kein geschichtlich wichtiger Mann, aber sein Leben bietet so viele Einblicke in die Zustände und Verhältnisse der Juden seiner Zeit, daß wir es dem rühmlich bekannten Rechtsanwalt und früheren Landtagsabgeordneten für Dresden, Herrn vr. Emil Lehmann, Dank wissen, das Leben seines Urahns an der Hand von Documenten ausführlich beschrieben zu haben Durch das ganze Mittelalter hindurch bis auf unsere Tage arbeiteten sich in den verschiedenen Zeiten aus der tiefgedrückten Masse der Juden einzelne Männer heraus, welche sich hohen Ansehens bei Fürsten und Großen zu erfreuen hatten. Meist erlangten sie ihre begünstigte Stellung durch ihr financielles Genie, durch ihre Gewandtheit im Geschäft, sowie durch ihre Menschenkenntniß und die geschickte Behandlung schwieriger Aufgaben. So machten sie sich Souveränen und einflußreichen Personen nützlich, bisweilen unentbehrlich. Dieses Ansehens bedienten sie sich dann, um ihren unglücklichen Glaubensgenossen zu Hilfe zu kommen, in schwierigen Lagen, ihnen Schutz und Gerechtigkeit zu verschaffen und so die Stützen und Wohlthäter des jüdischen Volkes zu werden. Natürlich geschah dies in großen und kleinen Kreisen. Die Specialgeschichte der Juden hat uns eine große Zahl solcher Männer mit Namen und Wirksamkeit erhalten; aber ebenso selbstverständlich ist es, daß unzählige solcher Männer und Fälle mit dem Schatten der Vergessenheit bedeckt wurden. Ein solcher Mann war auch Berend Lehmann, dessen Bild uns der Vers, mit ebenso vieler Lebendigkeit wie Gründlichkeit entwirft. Er war am 24. Nissan 1661 in Halberstadt geboren und verbrachte daselbst einen großen Theii seines Lebens, gründete dort die 1 noch heute bestehende „Klaus", und streckte den Gemeinden