Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 23 (2.6.1885)
- Date
- 1885-06-02
- Page
- Seite 374 (sequence 14)
- Language
- German
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374 Die Ungleichheit der Boden- und Ackerverhältniffe erl giebt sich aus folgenden Zahlen: Es wurde in den jüdischen Colonien im Gouvernement Cherson 1877 gesäet: 1499 Tschetwert Wintersaat, 5863 Sommersaat, die Ernte betrug 12,327 Tschetwert Wintergetreide und 54,806 Sommergetreide. — Das erscheint brillant: das Bild ändert sich jedoch sogleich, wenn man eine Vertheilung des Ertrages auf die einzelnen Coloj nicrt vornimmt. Es fallen auf Bobrowy-Kut und St. Sitomir 31 pro Korn; in Jnguletz ergiebt die Sommersaat nur! 1-3 pro Korn, in Lisow dagegen 48V3. — Das für jede Seele unentbehrliche Korn beträgt durchschnittlich 3 Tschetwert. In vier von den jüdischen Colonien kamen 1877 kaum mehr als 4, in fünf 3, in neun 2, in drei nur 1 Tschetwert auf den Kopf. In neun Colonien wurde mehr als zum Haushalte erforderlich, in neun weniger und in acht nicht einmal das Unentbehrliche geerntet! Das illustrirt die Bodenbeschaffenheit und die Ungleichheit der wirthschaftlichen Berhältniffe in den einzelnen Colonien. Doch wir haben die Leser noch nicht mit der Anzahl und dem Namen dieser Colonien bekannt gemacht. Es giebt deren in den Bezirken Cherson und Elisabethgrad im Ganzen 27, und zwar: Groß- und Klein-Nahartow, Groß- und Klein- Romanowka, Dobraja, Tefinga, Neu-Pultawka, Loova, Neu- Berislaw, Jnguletz, Groß, und Klein-Seide Menucha, Bobrowy-Kut, Neu-Sitomir, Neu-Witebsk, Neu-Podolsk, Neu- Kowno, Kamenka, Jglutschasta, Pisanowka, Sagaidan, Jsraii lewka, Marianowka, Martinowitschewo. Berina, Morgunowka i und Walachewka. Achtzehn dieser Colonien besaßen im Jahre; 1877 eine Bevölkerung von 21,881 Seelen, 11,359 männ-! liche und 10,522 weibliche. Die relativ größte Bevölkernngs-j zahl (nämlich von arbeitsfähigen Männern) weist die jüdische' Colonie Jnguletz mit 1050 männlichen und 944 weiblichenj auf. Darauf folgt die große Seide Menucha, die 1042 i männliche und 992 weibliche Bewohner zählt, dann Dobrowy-! Kut mit 1019 männlichen und 930 weiblichen, Neu-Pultawka mit 964 männlichen und 937 weiblichen, Dobraja mit 849 männlichen und 750 weiblichen Personen. Die kleinsten! jüdischen Colonien sind Gromatklea mit 176 männlichen und 154 weiblichen. Klein Nahartow mit 135 männlichen und 127 weiblichen Personen. — Nach den statistischen Angaben des früheren Vorsitzenden der rabbinischen Commission F. H. Blumenfeld führen von dieser Gesammtbevölkerung 10,000 Männer eigene Wirthschaften und verrichten alle vorkommenden Feldarbeiten. Die geringen Bodenerträgniffe liefern, wie wir schon gesehen, nicht für alle Bewohner die erforderliche Ernährung. Ein Theil derselben vermiethet deshalb sich bei den anderen Inden als Fcldarbciter oder treibt auswärts landwirthschaftliche Gewerbe. Andere dieser Juden ziehen auch, wenn die Landarbeit vorüber, hausirend oder allerlei Gewerbe treibend, in die Städte, ähnlich wie es die kleinen deutschen Bauern auch thun, die, um nicht zu verhungern, irgend ein Gewerbe neben der Landwirthschaft treiben müffen. Die 27 Colonien sind natürlich nur ganz allmählich entstanden. Bis 1827 gab es in diesem Gouvernement nur 7 Colonien. Was die Lage derselben noch außerordentlich erschwerte, das waren zahlreiche Epidemien, welche unter den Menschen und Thieren schreckliche Verwüstungen anrichteten, und dabei allerdings nicht nur die jüdischen Dörfer, sondern auch alle Niederlassungen des Südens verheerten. Wie sehr Mißernten und Epidemien die Colonien heimsuchten, das lehrt ein Blick auf die Unterstützungen, welche die Regierung den Juden gewährte. In den Jahren 1833, 1834 und 1855 erhielten sie nach sehr schlechten Ernten Getreide zur Aussaat und zur eigenen Ernährung; im Jahre 1846 wurden ihnen Ochsen gewährt, weil die Rinderpest ihnen das Vieh weggerafft hatte; im Jahre 1848 und 1849 wiederum , nach schlechten Ernten erhielten sie Korn zur eigenen und j zur Viehernährung, zugleich Getreide zur Wintersaat, außerdem Medicamente zur Viehseuche; im Jahre 1856 und 1857! gewährte die Regierung Winter- und Sommersaat, Brod zur! Ernährung der Bauern und Winterfutter für das Vieh; im i Jahre 1859 und 1860 wieder Kornunterstützung für die j Bauern und das Getreide zur Aussaat; im Jahre 1862,! 1863 und 1864 geschieht das Gleiche; im Jahre 1869 giebt sie Korn für die Bauern und Heu für das Vieh. Im Verlaufe von 40 Jahren von 1833 bis 1873 befanden sich die Colonien 14 mal in kritischer Lage und meist sind es klimatische Berhältniffe oder Pest- und Viehseuchen, welche das Unheil heraufbeschwörcn. Dieselben Nothstände zeigten sich übrigens in allen Gouvernements des südrussischen Steppenplateaus; allerdings wohl nirgends so fühlbar wie in Cherson. Doch nicht genug an diesem Mißgeschick! Wie jede Sysiphusarbeit, so wirkte auch die Fruchtlosigkeit alles Mühcns und Ringens entmuthigend auf die jüdischen Bauern ein. Aber das wäre noch zu ertragen gewesen; die Hoffnung auf gute Ernten hätte die Menschen stets wieder ermuntert und eine gute Ernte eine Reihe schlechter Jahre in Vergessenheit gebracht. Ein anderer Umstand aber war cs, gegen den man vergeblich ankämpfte und der die Mißstimmung in helle Verzweiflung verwandelte. Die Regierung hatte nämlich jeder Colonie in der Person eines ausgedienten Gardcunterofncicrs einen besonderen Aufseher bestellt, der in der Colonie auf Ordnung zu sehen hatte. Ein solcher Aufseher hatte von dcrLandwirthschaft nicht die blässeste Ahnung und war am Wirthschastswagen der Colonie das fünfte, absolut überflüssige Rad. Der Aufseher mußte sich aber etwas zu thun machen und er füllte seine Zeit durch die schändlichste Behandlung der Colonisten aus. Statt dieselben, wie das Reglement der Colonien vor-