Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 23 (2.6.1885)
- Date
- 1885-06-02
- Page
- Seite 375 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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J*75 schrieb, mit „milder Strenge" zu behandeln, gefielen die rufe zugcwcndet; cs gehörte sicher ein gewisser Muth dazu, Aufseher sich darin, militärische Zucht einzuführen, die Tybesaßen sie doch kein Berständniß von der Landwirthschaft, rannen zu spielen und die Colonisten ohne Unterschied des! hatten sie doch auch mit Rücksichtslosigkeiten seitens der Be- Alters und Geschlechts, mit und ohne Anlaß mit der Knute Hörden und der Bevölkerung zu kämpfen. Sic ließen sich oder mit Ruthen zn prügeln. Es gab dagegen keine höhere durch nichts beirren; das hehre Ziel einer geachteten gesell- Jnstanz, an welche appellirt werden konnte; die unglücklichen schaftlichen Lebensstellung vor Augen, war ihnen nichts zu Eolonisten waren auf Gnade und Ungnade den Unmenschhart, nichts zu schwer; sie wollten zeigen, daß sie arbeiten lichen Mißhandlungen der rohen Soldaten preisgegcben. Es konnten, daß sie würdig waren, den Rusien gleichgestellt zu ist begreiflich, daß sich unter ihnen wie unter allen Juden werden. Den Beweis haben sie geliefert, die Zukunft freilich, die Furcht verbreitete, es sei darauf abgesehen, sie zu Leib-! aus die sie ihre Hoffnung setzten, und für deren Sicherung eigenen zu machen. Wer von ihnen fliehen konnte, der entihnen kein Opfer zu groß und zu schwer war, die haben sie floh. Die empörenden Zustände in den Colonien nötbigten nicht erreicht. — die Regierung schließlich, die Militäroufseher abzuberufcu Was den Zerfall der Colonien bewirkt, das haben wir und durch Civilaufseher zu ersetzen. Diese waren nicht so kennen gelernt; die gänzlich verfehlte Behandlung war es im roh, aber dafür Spitzbuben und mcistcntheils die unverschämtesten Vereine mit der ungenügenden Ausstattung und klimatischen Ausbeuter. Sie preßten die Colonisten aus, soviel sie es nur Verhältniffen, welche an dem Mißerfolge die Schuld tragen, irgend vermochten. Es kamen sogar zahlreiche Fälle vor, daß Co- Tie russische Regierung gewann aus dem Zerfall der Eololonisten, welche sich nicht auspreffen ließen, wegen „schlechter nien nur die eine Erfahrung, daß die Juden zur Landwirth- Aufführung" nach Sibirien verschickt wurden. Man kann sich schaft durchaus ungeeignet seien. Sie entzog ihnen ihre denken, daß bei solcher Sachlage in den jüdischen Colonisten Hand, gewährte ihnen keine Unterstützung mehr und ließ zuletzt jede Arbeitsfreudigkeit schwand und allgemeiner Widerüberhaupt das Colonisationsproject fallen. — Den Colonien wille gegen die Colonisation platzgriff. Selbst vom Herrist es nun seitdem merkwürdiger Weise besser gegangen; es lichsten Klima begünstigt und unter den günstigsten Bodenist ein tüchtiger Stamm in ihnen zurückgeblieben, der durchverhältniffen wären die Colonien bei solcher Wirthschast nie aus die bäuerliche Physiognomie angenommen und sich äußerzur Blüthe gelangt. lich kaum von den kleinrussischen Bauern unterscheidet. Der Was den Colonien schließlich den Todesstoß gab, daß Gang, überhaupt jede Bewegung der jüdischen Colonisten, war die von Nikolaus ausgesprochene Befreiung der Colo-!zeigt den Einfluß des Berufs, und daß der jüdische Bauer nisten von der Wehrpflicht. Wer dem schrecklichen Militärwirklich ein echter Bauer geworden ist, das zeigt sich wohl dienste entfliehen konnte, der that es ohnehin schon. Hier am deutlichsten daran, daß der deutsche Gutsbesitzer als bot sich nun ein gesetzlicher Weg dem langen brutalen Mili- , Landarbeiter am liebsten Juden aus den Colonien engagirt. tärdienste zu entgehen; der Andrang zu den Colonien wurde: Es mögen heute in diesen Colonien noch 20,000 Bauern geradezu maffenhast. Doch jetzt intervenirten die jüdischen! anzutreffen sein, die durch ihre fleißige und verständige Ar- Gemeinden, die durch die Flucht der kräftigsten Leute schwer! beit den vollen Beweis dafür liefern, daß die Juden auch geschädigt wurden, indem sie für dieselben Ersatzmänner zu! zur Landwirthschaft wohl befähigt sind. — Jeder neue ra stellen hatten. Die Colonien wurden in Folge von Denun-! tionell geleitete Versuch wird dies sicher glänzend bestätigen, ciationen von den Militärs abgcsucht, man hieß dabei Alles. | Das Schicksal der Colonien im Gouvernement Cherson was militärtauglich war, Colonisten und Eingewanderte, mit- > darf für alle südrussischen Colonien als maßgebend gelten, gehen, raubte den Colonien die Arbeiter und schädigte sie! In den westlichen Gouvernements lagen die Berhältnisse auf diese Weise auf das Empfindlichste. Die jüdischen Ge-! wirthschaftlich günstiger; die Behandlung der Eolonie ist meinden begannen schließlich die Colonien zu hassen, weil sie! aber hier eine ebenso ungeschickte wie in Cherson gewesen, beständig die Jugend anzogen. Sie traten jeder neuen Co-! q § Beck. Ionisation feindlich entgegen. Die Folge war endlich ein völliger Rückgang der ganzen colonisatorischcn Bewegung. Darf man sich wundern, wenn das Siechthum in den _ Colonien dauernd sein Quartier aufschlug, wenn der Arbeits muth und die Arbeitsfreudigkeit rasch erstarb und wenn unter den Juden selbst der größte Abscheu gegen die Colonisation erwachte? An den jüdischen Colonisten hat es wahrlich nicht gelegen, wenn die Dinge eine unglückliche Wendung nahmen. Freudig, muthvoll hatten die Juden sich dem schweren Be-