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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1885-06-02 · Heft 23 (2.6.1885) · p. Seite 373

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
49 (1885)
Issue
Heft 23 (2.6.1885)
Date
1885-06-02
Page
Seite 373 (sequence 13)
Language
German
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373 jener Zeit getragenen Reformbewegung Widerstand zu leisten versuchten, vermochten gegen Lewinsohn und seine Mitarbeiter nicht aufzukommen; sie mußten ihm gegenüber verstummen. Es verblieb nicht bei schönen Worten und frommen 1 Wünschen; die Juden wußten auch zu handeln. Der Schriftsteller, der Gelehrte, Leute, die ein ganzes Leben voll geistiger Arbeit hinter sich hatten, sie zögerten nicht, dem Volke mit gutem Beispiele voranzugehen, selber zum Pflug zu greifen und ihre Felder zu bestellen. Man sah sie ackern, Vieh- und Bienenzucht treiben, in den Wäldern Holz schlagen, kurz alle landwirthschaftlichen Arbeiten verrichten. Ihr Beispiel wirkte denn auch zündend und in vielen der Gouvernements, die den Juden verschloffen waren, entstanden jüdische Arbeitercolonien, in Neurußland, in Kiew, Bolhynien, Podolien, in Polen, in Weiß- und Kleinrußland, in Kaukasien und Transkaukasien. Es macht einen rührenden Eindruck wenn man unter den jüdischen Dorf- und Colonienamen im Gouvernement Cherson die Namen Seide Monucha (Seite Menucha), Feld der Ruhe, des Glücks, der Seligkeit, oder Nahar tow (Nahar tow) guter Fluß, oder gar Jsraelewka findet, der Welt andeutend, daß die Juden hier bei schwerer Arbeit ihr Lebensideal gefunden. Ein rastlos gehetztes Wild, hatten sie jubelnd das heißersehnte Asyl begrüßt, das sich ihnen hier erschloß und dankbar den Dörfern, welche unter ihrer Hand erstanden und ihnen ein gesichertes Heim verhießen, Namen gegeben, welche den Empfindungen entsprachen, die sie beseelten. Im Jahr 1858 betrug die Zahl der Juden, die sich in Polen mit Ackerbau beschäftigten 28,391. Im neurussischen Gebiete (Cherson, Jekaterinoslaw u. s. w.) gab es im Jahre 1859 nach dem russischen Staatswörterbuch (II.Bd. „Juden") 35 jüdische Ackerbaucolonien mit dem großen jüdischen Be- Völkerungs-Eontingente von 26,396 Personen. In dem Gouvernement Kiew, Bolhynien, Podolien existirten im Jahre 1869 im Ganzen 56 jüdische Ackerbaucolonien, die von 20,665 Juden bearbeitet wurden. (Arbeiten der ethnogr. statistischen Expedition, Bd. 7. S. 186—188) In Weißrußland und Kleinrußland befanden sich ebenfalls ganze Land- Ansiedlungen im Betriebe von Juden. Hierzu treten noch die jüdischen Landwirthe in Kaukasien und Transkaukasien. Man wird nicht zu hoch greisen, wenn man die gesammte jüdische lanwirthschaftliche Bevölkerung in Rußland und Polen auf ca. 100,000 veranschlagt. Diese Ziffern werden manchen Leser überraschen; demjenigen jedoch, der die große Bewegung kennt, der die jüdischen Colonien ihre Entstehung verdanken, dürften sie klein erscheinen. Die Sonne des Glücks hat den jüdischen Colonien nicht lange gelächelt, trübe Schicksale sind über sie hereingebrochen und fast ist zu verwundern, daß die Juden nicht sämmtlich dem Ackerbau wieder den Rücken gekehrt haben. UmdieEntwickelungderjüdischenColonisationsbestrebungen kennen zu lernen und sie in ihren Resultaten gehörig würdigen zu können, ist es empfehlenswerth, einer bestimmten Colvniegruppe sich zuzuwenden. Wir betreten zu diesem Zwecke die vielgenannte Stätte der Judenhetzen, das Gouvernement Cherson. Hier hatte die russische Regierung unter Alexander I. den Juden zur Anlage von Colonien nicht unbedeutende Ländereien angewiesen, ihnen auch Vieh und Ackergeräth, sowie die erforderlichen Hütten und einen kleinen Vorschuß gewährt. Man kennt die Eigenart, die Bodenbeschaffenheil und das Klima der südrussischcn Steppe. Der Boden ist theils äußerst fruchtbar, theils auch salzhaltig; überall jedoch. Dank den eisigen Nordwinden und der verhältnißmäßig dünnen Humusschicht (33 cm) frei von aller Baumvegetation. Das Klima, von dessen Einwirkung Ernte und Mißernte abhängig sind, ist von dem unserigen außerordentlich verschieden. Während es nicht selten ist, daß sechs Monate hindurch ohne Unterbrechung das Thermometer bis auf -s- 70 und selbst 75" steigt, sinkt es an den Küsten des schwarzen Meeres im Winter bis auf 40" unter Null. Die Kälte beginnt thatsächlich schon im Monate Oclober und oft sinkt die Temperatur in diesem Zeiträume bereits auf 15" unter Null und eine gewaltige Schneemaffe bedeckt alsdann die ganze Steppe. Tie Kälte dauert in der Regel bis Anfangs Mai. Tie Landwirthschaft ist unter so außerordentlichen Temperaturverhältniffen sehr schwierig. Alles ist Glückssache und nur zu oft wird im Steppengebiete selbst die fleißigste Arbeit des Landmannes durch die unberechenbaren Launen des Klimas vernichtet. Nach einer prachtvollen Ernte im Jahre 1866 brachten im Gouvernement Cherson die nächsten Jahre bis 1871 Mißernten und das Jahr 1871 erst wieder eine gute Ernte. Zu der allgemeinen Schwierigkeit und Unzuverlässigkeit des Ackerbaues gesellten sich, die Lage der jüdischen Colonisten erschwerend, die Eigenarten der ihnen überwiesenen Felder. Diese bildeten lange und schmale Erdstreisen, von etwa 2 bis 3 Werst in der Breite und ungefähr 20 Werst in der Länge. Auf allen diesen weiten Feldern befand sich kein einziger Brunnen, so daß die jüdischen Bauern, wenn sie auf die Arbeit gingen, Waffer für sich und die Arbeiter mitnehmen mußten. Ein guter Brunnen, wenn auch neben dem Torfe,! wurde als ein großes Glück betrachtet. Mehreren Dörfern aber fehlte ein Brunnen, und mußte das Wasser stundenweit herangefahren werden. In anderen Dörfern wiederum war das Waffer salzhaltig und bitter, so in Dobroji und Trudolubowka. Man kann sich denken, wie schwierig und kostspielig unter solchen Umständen die Landwirthschaft sein > mußte, zumal im Steppengebiet, wo sie die rascheste Aus- , nützung des Augenblicks erheischt.

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