Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 23 (2.6.1885)
- Date
- 1885-06-02
- Page
- Seite 372 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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372 die Kraft fehlt, sie zu überwinden und nur nach ihrem geschichtlichen Werthe zu würdigen. Stern war in seiner Seele bereits an der giftigen Nahrung, die er aus jenen gezogen, untergegangen, bevor er nach dem Laudanum griff. Bonn, 24. Mai. (Notizen.) Aus Pest wird uns! geschrieben: An Stelle des jüngst verstorbenen Steinhardt! wurde Herr Rabbiner Dr. Alexander Rosenberg aus! Kaposvar zum Oberrabbiner in Arad gewählt. — Aus Hamj bürg wird uns das Hinscheiden des Dr. Jsaacsohn ge-! meldet. Jsaacsohn war früher Rabbiner in Frankfurt a. O., kam dann an Stelle Hirsch's als Landrabbiner nach Emden und folgte 1851 einem Rufe als Oberrabbiner nach Rotterdam. Nachdem er sein Amt in Rotterdam niedergelegt, ließ er sich in Hamburg nieder, wo er mehrere Jahre Borträge hielt. Er stand im Rufe eines guten Predigers und Darschans. —. Die jüdische Gemeinde in Straßburg hat durch den am ]5. Mai erfolgten Tod des Musikalienhändlers S. Wolf einen harten Verlust erliten. Er hatte das 70. Lebensjahr erreicht und besaß die Zuneigung der ganzen Stadt, die sich denn auch bei seiner Beerdigung durch die Theilnahme der notablesten Bürger aller Confessionen, sowie durch ein Beileidsschreiben des protestantischen Pastors Leblois, der zu erscheinen verhindert gewesen, bekundete. Diese hohe Achtung hatte sich der Verstorbene durch seine unermüdliche Thätigkeit in Angelegenheiten der Wohlthätigkeit, in der Fürsorge für Wittwen und Waisen ohne Unterschied des Glaubens erworben. Dabei widmete er auch Zeit und Opfer allen jüdischen Vereinen, wie er denn Vorsitzender, Schatzmeister oder Mitglied der Talmud Thora, der Brüderschaft der Kaberanim, der philantropischen Gesellschaft, der Gesellschaft zu gegenseitiger Unterstützung, des israelitischen Krankenhauses, der Gemeindeverwaltung war. An seinem Grabe sprachen der Großrabbiner Aron, der Rabbiner Glaser, Herr Prosper Bernard als Mitglied des Consistoriums, Dr. Levy, der ebenfalls dem Consistorium angehört, Kern, früherer Rath am Gerichtshöfe von Colmar, Mendel, Präsident der philanthropischen Gesellschaft und Carminski vom ervckit loneier. Ieuitlelou. Jüdische Äckerdau-Lolouieu in Rußland. , Es war in den ersten Jahren der Regierungszeit! Alexander I. als durch die jüdische Bevölkerung Rußlands j ein idealer Hauch ging, der überallhin in die jüdischen Kreise; den Emancipationsgedanken trug und den heißen Wunsch! nach Freiheit und Unabhängigkeit, nach einem menschenwür-! digeren Dasein erweckte, als es bis dahin den Juden Rußlands beschieden gewesen war. Was waren die Juden damals? waren sie Schacherer und Wucherer, wie sie es in Deutschland gewesen? Sie trieben allerdings auch in hervorragender Weise Handel, daneben aber alle nur denkbaren Handwerke, Gewerbe und Industrie. Diese eigenthümliche Erscheinung sindet darin ihre Erklärung, daß in Polen und Rußland der Landadel zur ausschließlichen Herrschaft gelangte, daß er den Handel und das Handwerk verachtete und nichts dagegen hatte, wenn die unterdrückten Klaffen sich diesen Berufen zuwandten. Bon dieser Freiheit hatten die Juden den umfaffendsten Gebrauch gemacht. In Deutschland war es umgekehrt gewesen; neben dem Adel herrschte auch das Bürgerthum und dieses schloß die Juden von allen „anständigen" Gewerben, von Handel und Handwerk aus, woraus sie zur Fristung ihrer Existenz mit hoher obrigkeitlicher Erlaubniß Schacherer und Wucherer wurden. — Die ungeheuere Mehrzahl des russischen Volkes bestand aus Bauern, und dieser Mehrzahl ähnlich, mit ihr Eins zu werden, das war zur Zeit Alexanders der leitende Gedanke in der jüdischen Welt. Am Himmel der russisch-jüdischen Literatur flammte damals manch glänzendes Gestirn auf, das prophetisch den jüdischen Parias eine glückliche Zukunft verhieß. Einer der bahnbrechenden Schriftsteller dieser Epoche war I. B. Lewinsohn, zu dem auch die heutigen Juden Rußlands noch wie zu einem „leuchtenden Stern" zurückj schauen. Er trat mit glühender Begeisterung für die Grün-! düng jüdischer Ackerbaucolonien ein und bewies aus der hei- | ligen Schrift und dem Talmud, daß die hervorragendsten i Männer der jüdischen Geschichte zur Klaffe der Ackerbauer j gehörten. Er zeigte, wie alle mosaischen Gesetze dem Ackerbauleben angepaßt seien, wie die jüdischen Gesetzgeber be- > strebt gewesen, den Ackerbau zu fördern. Er erinnerte an j die bekannte Bertheilung des Grund und Bodens, das Sab-! bath-Jubeljahr, die dazu geschaffen, die Juden an das Land! und seine Bearbeitung zu feffeln, sie als ackerbautreibendes Volk zu erhalten. Die Moral des Volkes, Segen und Fluch, Reichthum und Armuth zeigte er als mit dem Ackerbau verknüpft, und als das Muster einer hochgesitteten Frau nach Salomo die wirthschaftliche, die an ihrem Felde, an ihrer! Arbeit hängt, nicht aber eine Frau, die Handel treibt. — i Die Rabbiner, welche der von allen jüdischen Schriftstellern