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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1885-06-02 · Heft 23 (2.6.1885) · p. Seite 371

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
49 (1885)
Issue
Heft 23 (2.6.1885)
Date
1885-06-02
Page
Seite 371 (sequence 11)
Language
German
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371 Amerika. ihn vollkommen proper: „Mein schöner Tempel, rief Madame keinen Erfolg. Was feine Ansichten betrifft, so war er nicht Lisbonne aus, mein theurer, mein armer Tempel, wer wird blos ein Radikaler, sondern auch Skeptiker durch und durch, für dich sorgen, wenn ich nicht mehr sein werde!" Tyränen Er hatte die Schriften Schopenhauer's, Comte's und Darwins rollten der frommen Frau die Wangen herab. Bon den gelesen, aber nicht verdaut. So suchte er nach allen Seiten fünf jüdischen Familien, die daselbst noch wohnen, erwartet einen Anhalt, ohne ihn finden zu können, und die Folge sie nichts. — Der Großrabbiner macht noch aus einen anderen war, daß er nirgends festen Boden gewann, ein Wander- Gegenstand aufmerksam, der von allgemeinem Interesse ist.! leben führte, mit kurzdauernden Unterbrechungen. So inner- Die Gebete dieses an Schönheiten reichen Ritus sind wiederlich mit sich selbst und mit der Welt zerfallen, ohne Familie, holt gedruckt. Dagegen drohen die Melodien die demüberall auf Hinderniffe stoßend, sobald er publicistisch thätig selben eigenthümlich waren, in kurzer Zeit völlig verloren zu! war, in harte Kämpfe verwickelt, fand er keinen anderen gehen, da nur noch wenige alte Männer die volle Kenntniß Ausgang als den Selbstmord, den er durch Gift, und zwar derselben besitzen. Sie sollen nach der Meinung des Herrn! gerade — an einem Sabbat vollzog. Gleich nach seinem Großrabbiners einen bedeutenden musikalischen Werth haben, Tode traten Missionsblätter mit der Behauptung auf, theils sowohl wegen ihrer Originalität als auch durch die tiefen habe er sich dem Christenthuine zugeneigt, theils sei er zu Empfindungen, die sie zum Ausdruck bringen. Herr Weyl ihm übcrgetreten. Ob diese Leute dem Christenthum hierschlägt deshalb vor, eine Subscriptiou zu eröffnen, um diese j mit eine Ehre angethan, ist sehr zweifelhaft, da er sich ja Melodien zu sammeln und zu veröffentlichen. Da in Deutsch-! trotzdem vergiftet hätte. Aber das ganze Gerede beruht nur land das Interesse für die alte synazogalc Musik sehr lebj auf dem Umstande, daß er einmal die Predigt eines anglihaft ist, so machen wir die, welche dieselbe zu fördern suchen, l kanischen Bischofs angehört und sich darüber vortheilhaft gehierauf aufmerksam. Herr Großrabbiner Jonas Weyl zu! äußert hatte. Die beste Widerlegung sind die Briefe, die Marseille wird gewiß gern auf jede Anfrage Aufschluß j Stern vor seinem Tode geschrieben. In diesen kommt kein geben. > Wort davon vor, daß er eine Hinneigung zum Christenthum? gehabt oder den Uebertritt geplant härte. Vielmehr spricht er seine i Schopenhauer'sche Ansicht über die Beschaffenheit der Welt und Rew-Vork, 5. Mai. (Privatmitth.) Seit langer Zeit § die Weltregierung aus und daß er es überdrüßig sei, den Kampf hat in jüdischen wie christlichen Kreisen nichts so viel Auf-! mit der Ungunst und dem Mißgeschick weiter fortzuführen, sehen erregt, als der Selbstmord des Rabbiners vr. Davids Noch mehr spricht gegen jene Behauptung, was er über Stern. Alle amerikanischen Blätter und nach ihnen die i seine Beerdigung bestimmte. Es sollte an seinem Grabe europäischen ließen sich mehr oder weniger ausführlich über! nichts Anderes, als das dritte Kapital von Koheleth und das diesen traurigen Vorfall aus. Es liegt uns ein ganzes Conj 53. Kapitel Jesajahs in hebräischer Sprache verlesen werden, volut von Zeitungsausschnitten vor, und doch bleibt Vieles | Nichts beweist mehr den Zustand der Verwirrung, in welche aus dem Leben dieses Mannes, der erst das 31. Lebensjahr! dieser nicht unbedeutende Geist verfallen war, als diese letzterreicht hatte, unaufgeklärt. Schon sein eigentliches Vaterj willige Verordnung. Denn jenes Kapitel Kohelets spricht land ist unsicher. Er gab vor, in Manchester (England) ge-j neben dem Gottglauben die Nichtigkeit und Ziellosigkeit alles boren zu sein; einige behaupten er sei mit seinem Vater aus menschlichen Strebens aus, während das 53. Kapitel Jesa- Ungarn nach Manchester gekommen; allein vieles an ihm ließ jah's bei aller Traurigkeit erlittenen Leidens und Unrechts voraussetzen, daß er aus Litthaueu stammte und dort eine doch die Aussicht auf eine bessere Zukunft eröffnet und dcs- Zeit lang gelebt. Mit seinem Vater sollte er auch eine; halb bekanntlich messianisch gedeutet worden. Beide Schrift- Wanderung nach dem Orient gemacht haben. Soviel ist stücke stehen also, aus ihrem Zusammenhänge gerissen, in sicher, daß er in seinem 17. Jahre nach Amerika gekommen,i vollem Widerspruche mit einander. Seine Beerdigung fand sich eine Zeit lang im Süden, speciell in Texas umhertrieb.! in aller Stille auf dem jüdischen Friedhofe statt und waren Mit vielem talmudischen Wissen ausgerüstet, beredsam, eines! nur einige wenige nähere Freunde anwesend. Bemerken eleganten Stils mächtig, fand er in einer kleinen jüdischen; wollen wir noch, daß dieser Selbstmord nicht etwa aus Noth Gemeinde im Staate Virginia eine Anstellung, besuchte dort; geschehen, denn der unglückliche Mann besaß Werthstücke und ein Colleg, wo er sich ein Doktordiplom erwarb. Wer ihn! eine Bibliothek, die man auf ungefähr 2000 Dollars schätzt, zum Rabbiner gemacht, ist unbekannt. Später fand er Je sensationeller die Sache war, desto schneller wird das Ge- Anstellung in Peoria Jll, Natchez Miss., Wilkesbarre Pa. rede vorübergehen und der Staub der Vergessenheit auf der und noch anderen Gemeinden, bis er zuletzt Sonntagspredi-j letzten Ruhestätte dieses rastlosen Geistes liegen, der abermals ger im Philadelphias Tempel wurde. Schließlich wollte er! ein Zeugniß abgiebt, welchen traurigen Ausgang die Beschäfin New-?)ork eine Sonntagsgemeinde gründen, hatte aber i tigung mit den modernen philosophischen Systemen hat, wenn d

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