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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1885-06-02 · Heft 23 (2.6.1885) · p. Seite 370

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
49 (1885)
Issue
Heft 23 (2.6.1885)
Date
1885-06-02
Page
Seite 370 (sequence 10)
Language
German
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370 keil), werde ich diesmal auch mit dem Herrn Minister-Präsi- I deuten nicht polemisiren (Stürmische Heiterkeit rechts), sondern nehme die Antwort einfach nicht zur Kenntniß. Das Haus nimmt die Antwort des Minister-Präsidenten zur Kenntniß. Pest, 21. Mai. Im „Magyar Allam" erklärt der Antisemit Pater Zimandi, daß er, dem Beispiele Jstoczy's solgend, ebenfalls die Antisemiten-Partei verlasse, jedock nicht, mit dem Vorwände, den Jstoczy gebraucht, sondern weil die Antisemiten-Partei von dem größten Theile der Landesbürger materiell und moralisch ohne Unterstützung gelassen wird (Selbsterkenntniß und offenes Geständniß! Red.) und weil die Antisemiten-Partei nicht von dem aufrichtigen christlich-conservativen Geiste, den sie blos als Talisman auf ihre Fahne schreibt, sondern von dem zerstörenden Geiste des modernen, in ganz Europa bankerotten Liberalismus (!!!) geleitet werde. Nun, die Antisemiten-Fraktion im ungarischen Abgeordnctenhause erklärt sich selbst für bankerott — und wer wird ihr dies nicht glauben? Krakau, 15. Mai. Von hier wird berichtet: Auf Requisition des hiesigen Gerichtes wurde, wie der „Czas" mittheilt, Rachel Stieglitz dieser Tage vom Breslauer Gerichte einvernommcn, wo sie angeblich ausgesagt hat, daß Pater Eberhard ihr von der Taufe abgerathen und das elterliche Haus zu verlaßen verboten habe, daß sie aber trotzdem die Eltern verlaßen und dann in einigen galizischen Klöstern Unterkunft gefunden. Hierauf sei sie in Breslau in Dienst getreten; zu ihren Eltern wolle sie nicht zurückkehren, und sämmtlicheim „Czas" veröffentlichten Briefe habe sie wirklich geschrieben. Die Eltern der Rachel nehmen an, daß deren Aussage keine freiwillige war, und nachdem das Ansuchen der Mutter Rachel's um eine Zusammenkunft mit ihrer Tochter bis nun erfolglos geblieben ist, begiebt sich dieselbe nach Wien, um in dieser Angelegenheit Audienz beim Kaiser zu nehmen. Frankreich. Marseille, im Mai. (Privatmitth.) Bekanntlich war bei der allgemeinen Vertreibung der Juden aus Frankreich und der Provence im 14. und 15. Jahrhundert nur ein christlicher Staat, der den flüchtigen Juden einen gesicherten Aufent halt darbot: der päpstliche im südlichen Frankreich. In Avignon und der Grafschaft Venaissin bestanden sehr zahlreiche Gemeinden, die einen besonders im piutischen Theile eigenthümlichen Ritus ausgebildet hatten. Es waren vier jüdische Gemeinden, die sich nach dieser Seite hin auszcichucten: Avignon, Carpentras. l'Jsle und Eavaillon, welche wegen ihres vcrhältnißmäßig großen Alterthums den Namen yz~ti erhielten. Den Ritus hat vr. Zunz in dieser Zeitung Jahrg. 1839 Nr. 144 ff. einer ausführlichen und sorgfältigen Beschreibung unterzogen. Aber im Verlaufe der Zeiten haben sich diese intereffanten Gemeinden und die weiteren des Departements sehr verändert; sie sind von ihrer Höhe herabgesunken, die Zahl ihrer Mitglieder ist sehr gering geworden, und diese und jene steht sogar auf dem Aussterbeetat. Der moderne Zug nach den großen Städten hat hier, wie in anderen Ländern vielen alten Gemeinden eine schwächliche, oft sogar zweifelhafte Existenz bereitet. Das israelitische Consistorium von Marseille hatte deshalb seinen Großrabbiner, Herrn Jonas Weyl veranlaßt, in einer 14tägigen Reise den religiösen Zustand dieser Gemeinden zu untersuchen, und derselbe gab in der Sitzung vom 12. April or. seinen Bericht, der jetzt gedruckt vorliegt. Wir heben einiges daraus hervor. Auch hier stößt man auf die Beschlüsse der Municipalitäten jüngster Zeit, welche den jüdischen Gemeinden die bisher ihnen geleisteten Jahresbeiträge zum Cnltus verweigern. Dies hat die Gemeinden und namentlich ihre Vorbeter in große Verlegenheiten gebracht. Man entgegnete ihren Forderungen, daß sie die benöthigteu Zuschüsse aus ihren Armencaffen ziehen sollten, wozu sie sich aber nicht entschließen können und loas die betreffenden Beamten auch nicht annehmen wollen. Es ist dies ein Fingerzeig, wie schlimme Folgen es haben würde, wenn die von den Republikanern geplante Trennung des Staates von der Kirche und demnach die Streichung aller Cultusetats durchgeführt würde. In dem ehemals so blühenven Cavaillon wird nicht einmal mehr Jom-Cippur gefeiert, weil die nöthige Zahl anwesender Männer fehlt. Der schöne Tempel daselbst bleibt leer. Aus demselben Grunde fällt in Avignon und Carpentras nicht selten der Sabbathgottcsdienst aus. Carpentras zählt dann zu Schacharith des Sabbaths drei Anwesende: den Chasan, Schochet und Schammes. In Montpellier und Orange können nur Roschha-schanah und Jom-Cippur begangen werden. Nur in Avignon und Nimes befindet sich der Religionsunterricht in guten Händen. Wir können hier auf die Beschreibung der Synagogen nicht eingehen; namentlich die von Carpentras und Cavaillon sind höchst interessant. Zunächst fällt an ihnen auf, daß sie von außen ganz unscheinbar sind, um in jenen Zeiten, wo sie errichtet wurden, die Blicke der Menge nicht auf sich zu ziehen. Im Innern sind sie von architektonischer Schönheit und alterthümlichem Schmuck, namentlich schönen Holzschnitzereien. In Carpentras wohnten vor 1789 siebenhundert jüdische Familien mit mehr als 2000 Seelen. Jetzt befinden sich daselbst keine c.00 Juden. Eine eigenthümliche Scene bot sich dem Großrabbiner in Cavaillon. Hier wird, obschon dcr Tempel keinen Gottesdienst mehr sieht, die ewige Lampe von der Wittwe des ehemaligen Parnaß Lisbonne erhalten. Sie und ihre Schwester schaffen das Oel für die Lampe, obgleich sie selbst unbemittelt sind, reinigen ihn und erhalten

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