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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1885-06-02 · Heft 23 (2.6.1885) · p. Seite 369

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
49 (1885)
Issue
Heft 23 (2.6.1885)
Date
1885-06-02
Page
Seite 369 (sequence 9)
Language
German
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369 aufmerksam machen, daß die aus Rußland vertriebenen Juden unter dem Vorwände, die Ausstellung besuchen zu wollen, sich masienhaft einschmuggeln. Er war selbst im Bahnhöfe der ungarischen Staatsbahn Zeuge des feierlichen Empfanges, den die hiesigen Inden ihren Glaubensgenossen bereiteten;- er habe in der Folge diese Individuen studirt und gefunden,! daß dieselben den Kaftan bald mit einem modernen Rocke - vertauschen und sich die Schläfenlocken abschneiden. Er meint, man solle diese Juden nach dem Uebertritte über die Grenze streng überwachen und sie eventuell wieder über die Grenze schieben. Wenn eine Epidemie ausbrichh, werden sofort Verfügungen bezüglich der Grenzsperre getroffen. Hier handelt es sich aber um eine Pest, welche Ungarn bedroht. Er richtet daher an den Minister folgende Interpellation: 1. Hat derselbe Kenntniß davon, daß die Juden, die in Folge der vom Gesichtspunkte der russischen Regierung zu billigenden Maßregeln zur Auswanderung gezwungen werden, ihren Weg theils nach Amerika, theils über Galizien nach Ungarn nehmen, und daß diese Juden unter dem Vorwände, die Landesausstellung besichtigen zu wollen, massenhaft nach Budapest strömen, wo sie sich dann niederlassen? 2. Welche Maßregeln gedenkt er zu ergreifen, um diese Einwanderung zu verhindern, was umso nothwendiger ist, als in Folge der Einwanderung dieser arbeitsscheuen Juden das arme Volk der oberen Gegend aus Arbeitsmangel 'auszuwandern gezwungen ist? Minister-Präsident Kolowan Tißa (Hört): Mit Erlaul niß des geehrten Hauses will ich auf die Interpellation; des Abgeordneten Komloffy sofort mit einigen Worten ant-! Worten. (Hört!) j Davon, daß gegenwärtig größere oder auch nur in Betracht zu ziehende Einwanderungen Vorkommen, davon! habe ich keine Kenntniß, kann ich auch keine Kenntniß haben,! weil dies eben nicht der Fall ist. Der Herr Abgeordnete! dürfte offenbar an den vor einigen Jahren vorgekomwenen , Fall gedacht haben, da man die Juden aus Rußland mit Feuer und Schwert — vielleicht hat er, auch das gebilligt — verfolgte. Aber auch damals nahm die Einwanderung nicht solche Dimensionen an, als man gefürchtet hatte. Ohne übrigens an dieser Stelle etwas sagen zu wollen, was Rußland irgendwie dcrogiren könnte, muß ich dennoch bemerken, daß bisher in konstitutionellen Ländern das Vorgehen der russischen Regierung nicht jenes war, welches man zu billigen und gleichsam als Vorbild hinzustellen pflegte. (Beifall rechts) Dies zu entdecken, blieb also dem Herrn Abgeordneten Vorbehalten. (Heiterkeit rechts.) Es gicbt also keinen außerordentlichen Fall, der außerordentliche Maßregeln nothwendig machte. Was aber die Auswanderung unseres obcrungarischen Volkes anbelangt, so hat: diese leider wohl noch an, doch ist sie eher in Abnahme, als in Zunahme begriffen. Auch weiß Jedermann, daß jenes Volk hier Arbeit bekommen könnte (So ist»! rechts), so daß die wahre Ursache der Auswanderung nach Amerika — wogegen wir uns wehren, aber nicht immer mit Erfolg — die Propaganda ist, welche Viele in gewinnsüchtiger Absicht unternehmen. (So ist's! rechts.) Uebrigens wird cs die Sanirung des Uebels in großem Maße fördern, daß man gegen die ohne Hilfsmittel und die nöthige Arbeitsfähigkeit Einwandernden auch in Amerika schon eine reservirte Haltung ein< nimmt und dieselben darauf aufmerksam macht, daß in Amerika der größte Theil von ihnen dem Elend zum Opfer fallen müßte. Was nun die Behandlung anbelangt, die man den russischen Einwanderern soll zutheil werden lassen, so denke ich, daß Jemanden deshalb ab;uschieben, weil er aus Rußland kommt und Jude ist, mit den einfachsten Begriffen! eines freien Staates kaum in Einklang gebracht werden könnte, j Abschieden muß man Jedermann, der, ob Jude oder nicht, entweder durch gefährliche Umtriebe oder dadurch, daß er als arbeitsscheuer Vagabund der Gesellschaft zur Last fällt,! in deren Schoß er ausgenommen werden will, Anlaß hiezu gicbt. Derartigen Personen gegenüber wird, ob sie nun Juden find oder nicht, das vorgeschricbene Verfahren angewendet werden. (Zustimmung rechts.) Der Herr Abgeordnete hat sich auch darauf berufen, er erwarte, daß ich an der Grenze einen Kordon errichten werde, da ich ja auch im Falle anderer Epidemien eine solche Maßregel angeordnet habe. Wohl habe ich das gcihan und werde es auch in Zukunft thun, doch werde ich gegen Personen, die ins Land hereinkommen wollen, keinen solchen Kordon ziehen, bloß deßhalb, weil sie zu einer gcwiffen Religion gehören. (Koml.'ssy: Nicht die Religion ist's) Also die Race, wie» beliebt, aber auch gegen diese werde ich nicht so Vorgehen. (Zustimmung rechts). Uebrigens muß ich bemerken, daß man einen Kordon wohl gegen körperliche Seuchen ziehen kann, doch hält cs i sehr schwer, einen solchen Kordon in einem freien Staate! gegen geistige Seuchen zu ziehen (Heiterkeit und Beifall rechts): j denn der Herr Abgeordnete möge cs mir glauben, wäre dies | möglich, so würde er Lehren, wie er sie verkündet, hier nicht! verkünden können. (Stürmische Zustimmung und Beifall! rechts). Ich bitte, meine Antwort zur Kenntniß zu nehmen.! Franz Komloffy: Nach den bisherigen Reden des Herrn Minister-Präsidenten war ich der Ueberzeugung, daß sein; Leibjournal ,,Nemzet" sei. Seine heutige Rede aber brachte! mir die Ueberzeugung bei, daß er mit „Nemzet" gebrochen und zum »Pester Lloyd" übergegangen ist, da seine Argumentation vollkommen übereinstimmt mit dem Styl des „Pester Lloyd". Da ich mich aber mit dem „Pester Lloyd" über-! Haupt in keine Polemik cinzulaffen pflege (Ironische Heitcr- 23

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