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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1885-06-02 · Heft 23 (2.6.1885) · p. Seite 366

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
49 (1885)
Issue
Heft 23 (2.6.1885)
Date
1885-06-02
Page
Seite 366 (sequence 6)
Language
German
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366 Herrn. Man ersieht hieraus, daß bei den Juden die durch den Ausbruch eines Fallissements hervorgerufenen Delicte die am stärksten frequentirten Strasthaten bilden, bei den Katholiken die Gruppe der Münzdelicte, bei den Protestanten die Unterschlagung. So wenig aber die katholische Lehre mit Münzdelicten und die evangelische mit der Unterschlagung etwas zu schaffen hat, ebensowenig die jüdische mit dem Bankerutt. Die zahlreiche Betheiligung der Juden an den Handels- und anderen Geschäften, welche den Ausbruch eines Bankerutts möglich machen, erklärt hinreichend die hohe Zahl von Bankerutten, sowie auch der geradezu unbedeutende Procentsatz der jüdischen Bevölkerung bei den specifischen Beamicndelicten völlig erklärlich ist. Ist doch die Frequenz der Bankeruttsdelicte bei den Juden von den nächstgrößten, dem Betrug, schon durch eine Differenz von mehr als 18 Procent getrennt. So weist der Verfasser gründlich nach, daß allerdings in der Regel die Mehrzahl einer Verbrecherkategorie aus den ökonomischen und socialen Verhältnissen entspringt und mit dem religiösen Bekenntniß in gar keiner Verbindung steht. Wir verweisen hierüber auf die vorliegende Schrift selbst. Der Verfasser geht näher auf die Verbrechen gegen die Sittlichkeit ein. Bei den Männern wurden wegen Doppelehe von den Katholiken 11, den Protestanten 19, den Juden keiner verurtheilt, wegen Ehebruch von den Protestanten 16, den Katholiken 4, den Juden keiner; wegen incestuosen Umgangs 47 Katholiken, 59 Protestanten und 2 Juden; wegen Nothzucht und Unzucht 459 Katholiken, 785 Protestanten und 26 Juden; wegen Kuppelei 75 Katholiken, 151 Protestanten und 1 Jude; wegen anderer Verletzungen gegen die Sittlichkeit 193 Katholiken, 407 Protestanten und 10 Juden. Ferner participirte an den folgenden Verbrechen kein einziger Jude: am Morde 27 Katholiken und 33 Protestanten, am Todtschlage 37 Katholiken und 45 Protestanten, am Kindesmord nur 2 Katholiken, Abtreibung 4 Katholiken und 12 Protestanten, Aussetzung 6 Katholiken und 6 Protestanten. Nur an fahrlässiger Tödtung, die sich 110 Katholiken und 130 Protestanten zu Schulden kommen ließen, bctheiligte sich ein Jude. Es kommt nun die weibliche Bevölkerung an die Reihe und hier stellen sich folgende Zahlen: wegen Katholiken Protestanten Juden Doppelehe 1 4 — Ehebruch 15 — Jncest 25 31 1 Nothzucht und Unzucht 5 6 — Kuppelei Andere Vergehen gegen 150 434 5 die Sittlichkeit 51 54 — Mord 3 16 — Katholiken Protestanten Inden Todtschlag 3 19 — Kindesmord 32 49 1 Abtreibung der Leibesfrucht 19 75 1 Aussetzung 18 15 1 Fahrlässige Tödtung 52 57 — Noch eine andere kleine Tabelle, welche die Theilnahinc am Diebstahl darstellt, geben wir hier wieder: Katholiken Protestanten Juden im Bezirk Königsberg 10,9 *8,8 0,3 Marienwcrder 60,5 39,1 0.4 ff Berlin 7,2 92,0 0.8! „ „ Posen 78,4 21.0 0,6 I Schlesrvig-Holst. 3,9 95,8 0,3; „ „ Hessen 17,5 81,7 0,8 | fr ff Frankfurt a. M. 49.2 50,0 0,8 ff ff Rheinpreußen 78,7 *20,9 0,4 ff ff Thüringen 3,0 96,6 0.1 ff ff Schlesien 62,3 37.3 0.4 ff ff Stettin 3.2 96,6 0.2 Alle diese statistischen Angaben bieten den Stoff zu mannigfaltigen Betrachtungen. Ergeben sie doch, daß die jüdische Bevölkerung an den Verbrechen und Vergehen gegen die Sittlichkeit, an Mord, Todtschlag und Diebstahl entweder gar keinen oder nur sehr geringen Antheil hat. Letzteres kann man doch nicht allein aus den ökonomischen und socialen Berhältniffen erklären, sondern muß zu volkspsychologischen Motiven greifen, zu Eigenthümlichkeiten, welche historisch der Volksseele anerzogen worden. Unserer Meinung nach ist es dem Verfasser vollständig gelungen, zu erweisen, daß die verschiedenen Religionen und Confessionen, wenigstens innerhalb der christlichen Welt, mit dem Berbrecherthum in keinen Zusammenhang zu ziehen sind. Jndeß müssen wir doch hinzufügen, daß hiermit der Einfluß der Religion überhaupt auf die sittliche Haltung des Volkes nicht abgeleugnet sein kann. Wir befinden uns hier auf dem Gebiete des unmeßbaren und durch die Statistik nicht zu constatirenden Einflusses auf die menschlichen Seele. Wer wollte wohl leugnen, daß die Religion, insbesondere durch ihre Einwirkung auf die Er-! ziehung der Jugend, durch die Glaubensausichten, welche sie von Kindesbeinen an in die Geister von den göttlichen Ge- und Verboten, von Lohn und Strafe senkt, den Menschen von Verbrechen zurückhält, die Vorstellungen von der Strafbarkeit und vom Strafgerichte stärkt und so die Verbrechen in unberechenbarer Weise verhindert? Diese Art von Einwirkung der Religion auf die Sittlichkeit verneint unser Ver- . fasser auch gar nicht; er wollte nur erweisen, daß auf die! nun einmal begangenen Verbrechen keine einzelne Religion oder ' Confcssion eingewirkt habe. —

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