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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1885-06-02 · Heft 23 (2.6.1885) · p. Seite 367

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
49 (1885)
Issue
Heft 23 (2.6.1885)
Date
1885-06-02
Page
Seite 367 (sequence 7)
Language
German
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367 ySclIl'U-tg'M'l' Deutschland. i Bonn, 20. Mai. (Privatmitth.) Gestern fand die Con! fercnz israelitischer Cultusbeamtcn Mitteldeutschlands in! Magdeburg statt. Wir hoffen, balo einen Bericht übcr dieselbe zu erhalten. Heute haben wir unseren innigster. Dank sür ein Begrüßungstelegramm auszusprechcn, das die vcrehrl. Conferenz an uns richtete und welches lautete: „Die j heute in Magdeburg, Ihrem langjährigen Wirkungskreise tagende j Conferenz israelitischer Cultusbeamte Mitteldeutschlands sendet! Ihnen, dem Begründer der israelitischen Religionsschule und Frcunoe des Lehrerstandes, auf einstimmig angenommenen Antrag des Rabb'ner vr. Rahmer den Ausdruck dankbarer Gesinnung und herzlichen Segensgruß. Der Borstand, Rabb. vr. Gron er. Die Conferenz hat uns hiermit eine herzliche Freude gemacht; möge ihr Werk fort und fort ein gesegnetes sein! Berlin, 22. Mai. (Privatmitth.) Eine Beobachtung, der wir noch nicht begegneten und die doch von Bedeutung ist, möchten wir dahin ansdrücken, daß man zwischen Judenfeinden und Judenthumsfeinden unterscheiden müffe. Sehr viele Personen, welche durchaus tolerant und auch den Juden wohlgesinnt sind, hegen dennoch eine feindselige Gesinnung gegen das Judenthum und deffen Bestand, und sehen sehr! gern, wenn irgend etwas geschieht, was dem Judenthum! Abbruch zu bringen scheint. Nur so ist es erklärlich, daß! die europäischen, besonders die deutschen Zeitungen, so vielen! Lärm über den Selbstmord des Daniel Stern und noch! mehr von dem Auftreten des Josef Rabbinowicz geschlagen. Ueber den crstern Fall werden wir wohl Näheres auch in diesem Blatte lesen (s. die Corresp. aus New-Aork in dieser Nr.) Ueber den Rabbinowicz melden die Zeitungen jetzt mit großem Aplomb, daß er in Berlin in der hiesigen amerikanisch-protcstantinischen Kapelle getauft worden, und daß derselbe nach seiner Heimath als Missionär zurückgekehrt ist. Was haben diese Zeitungen nicht Alles über die „christliche Bewegung" unter den russischen Juden ausposaunt, und doch haben die zuverlässigsten Berichte aus Kischineff, Warschau und Petersburg erwiesen, daß von einer solchen Bewegung in Wirklichkeit gar keine Spur vorhanden, daß dieser Rabbinv' wicz bei unsern Glaubensgenoffen niemals in Ansehn gestanden, und sein Auftreten ohne alle Erfolge geblieben. Gerade sein offner Nebertritt erweist, daß seine sogenannte Vermittlung ohne alle Wirkung war und er deßhalb diese Rolle aufgegeben. Von Anfang an hat diese Zeitung behauptet. daß das Ganze nur ein anglikanisches Missions- Manöver sei, und die Missions-Gesellschaften die nöthigen Geldmittel geliefert haben. Auch dies ist jetzt durch den Ort der Taufe des R. zweifellos gemacht. Vielleicht gelingt cs CLCtjvi'CljlC'1'l ihm, einen oder den andern armen Juden durch das amerikanische Geld zu ergattern. Aber von einer irgend welcher größcrn Wirksamkeit kann sicherlich nicht die Rede sein. Bemerkenswerth ist, daß die große Mehrzahl der jüdischen Missionäre aus Polen und Rußland stammen. Die Missionsgcsellschaften wollen nicht einsehcn, daß diese jüdischen Missionäre die Juden bei weitem mehr abstoßen, als cs christliche thäten. In diesen vermag der Jude die aufrichtige Ueberzcugung zu achten, während er in dem jüdischen Missionär den Abtrünnigen und nun für Honorar Wirkenden sieht. Jene Gesellschalten glauben. daß ihre jüdischen Sendboten! sich den Juden mehr zu adaptiren verständen; dies jedoch bleibt unwirksam bei der natürlichen Antipathie der Juden gegen diese. Ueberhaupt ist es ja sehr zweifelhaft, und dies ist schon oft ausgesprochen worden, welchen Vortheil die christliche Kirche aus dem Uebertritt von Juden ziehe? Es gab und giebt getaufte Juden, welche nach ihrem Uebertritt eine große Frömmigkeit in ihrem neuen Glauben vor sich her tragen und selbst zu der Meinung kommen, sie seien die eigentlichen Christen. Hierzu nehmen sie einige Stellen des dienen Testaments zur Hülfe, das gerade aus diesem Gebiete starke Widersprüche enthält, und von dem Kampfe zwischen den Judenchristcn und den Heivenchristen Zeugniß geben, bis jene durch die Ueberzahl dieser erdrückt wurden. Aber nachgerade ist die Zahl derjenigen getauften Juden sehr gewachsen, welche solche Christen sind, wie sie vor dem Uebertritte Juden waren. Diese bilden mit der Zeit ein starkes zersetzendes Element, wie die Kirche an Börne und Heine genugsam erfahren hat. Berlin, 22. Mai. (Privatmitth.) Heute habe ich von hier nichts Besonderes zu melden. Daß die „Christlich socialen" in ihren Kreisen ihre judenseiudliche Wühlerei fortsetzen, versteht sich von selbst. Ins große Publicum dringt davon nichts, da sich dasselbe nicht mehr dafür interessirt und die Zeitungen deshalb nicht mehr referiren. Ihnen gegenüber hatte ein Hülssprediger a. D. Gandcrt aus Stendal auf den 19. Abends eine Volksversammlung angekündigt,-in welcher er einen Vortrag „über die Behandlung der Judenfrage seitens der christlich-socialen Partei" halten wollte. Gandert ist ein Gegner von Stöcker und treibt Socialpolitik von einem Standpunkte, der der Svcialdemokratie näher steht. Deshalb ist Herr Gandert bei unserer Polizei nicht beliebt, und wurden bereits zwei von ihm angekündigte Volksversammlungen polizeilich verboten. Dasselbe Schicksal betraf auch die dritte, und die zahlreichen Personen, die sich vor dem angegebenen Lokale eingesunden hatten. mußten sich entfernen. Unsererseits können wir, ganz abgesehen von dem Werthe polizeilicher Ver-

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