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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1885-06-02 · Heft 23 (2.6.1885) · p. Seite 364

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
49 (1885)
Issue
Heft 23 (2.6.1885)
Date
1885-06-02
Page
Seite 364 (sequence 4)
Language
German
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364 1664 siedelten, sich die Juden von Cayenne in Surinam! an, wo ihnen die Holländer großen Vorschub leisteten. Sie! bildeten die selbstständigste Gemeinde, welche ihren vorzüglichsten Sitz in der Juden-Savanna, acht Meilen oberhalb Marakaibo's hat. Zur selbigen Zeit gründeten Juden in Jamaika eine bedeutende Gemeinde. Um 1670 zeichnete sich daselbst Daniel Israel Lopez Laguna, ein geborener Spanier, als Schriftsteller aus. Erwägen wir nun, daß sich ebenso Juden sehr zahlreich in Sibirien niedergelassen haben und daselbst Familien gründeten, die an Kindern und Enkeln sehr gesegnet sind: so wird diese Akklimatisationsbefähigung der Juden eine unbestreitbare Thatsache, welcher man eine gleiche bis jetzr noch nicht zur Seite stellen konnte, und die ein physiologisches Problem bildet, für welches die Erklärung noch gefunden werden soll. Die Lriunnalstatiftik und die Juden. Tie Statistik ist eine Wissenschaft, welche ihre Resultate in bestimmten Zahlen fixirt, dann aber nicht verhindern kann, daß ihre Zahlen durch falsche Prämisien, absichtliche Gruppirung und einseitige Schlußfolgerungen zu den verschiedensten Zwecken mißbraucht werden, ganz abgesehen von falschen Angaben, die den richtigen substituirt werden. Dahingegen besitzt sie den Vorzug, weil sie eben bestimmte Zahlen ergiebt, daß jeder Zeit eine Prüfung und Berichtigung der falschen Ansichten und Angaben ermöglicht ist. Die Waffen, welche Einseitigkeit, Parteilichkeit und falsche Voraussetzung aus der Statistik schmieden, werden durch eine ernste und gerechte Kritik zu Waffen gegen die Producte dieser Leidenschaften offen gelegt und das gegentheilige Berhältniß erwiesen. Zu diesen hat sich jüngst eine Broschüre gesellt: „Das jüdische Berbrecherthum. Eine Studie über den Zusammenhang zwischen Religion und Criminalität von vr. Lu dwig Fuld Rechtsanwalt in Mainz. Leipzig, Huth, 1885." Genau genommen, paßt der erste Theil des Titels für diese Broschüre. garnicht, wohl aber der zweite. Denn der Verfaffer spricht über die Criminalstatistik der Katholiken und Protestanten wie über die der Juden, und sein eigentliches Ziel besteht in dem Nachweis, daß die Religion überhaupt auf die criminalistischen Verhältnisse ihrer Bekenner keinen Einfluß übt, sondern diese vorzugsweise in den ökonomischen und socialen Verhältnissen ihren Grund haben. Der Hauptbeweis liegt für ihn in dem Umstande, daß, indem er die Criminalstatistik in Preußen im Etatsjahre 1830/81 zur Unterlage nimmt, dieselben Verbrechen unter den Bekennern derselben Religion in den verschiedenen Provinzen die verschiedensten Zahlen, Maximal- und Minimalzahlen, aufweisen, so daß also die höchste und die niedrigste Verbrecherzahl bei demselben Religionsbekenntniß vorkommt. Die Religion kann also hier weder einen fördernden, noch einen hindernden Einfluß üben, sondern die Ursachen müffen in der Verschiedenheit der ökonomischen und socialen Verhältniffe inden verschiedenenProvinzen desselben Staates gesucht werden. — Wir übergehen hier die allgemeinen Betrachtungen, welche der Verfaffer voranschickt und bei denen wir den Gedanken vermißten, daß, wenn die griechischen Göttermythen eine starke sittliche Lizenz athmen, namentlich auf dem geschlechtlichen und ehelichen Gebiete, diese die sittliche Anschauung und Gesinnung, die im hellenischen Volke lebte, zum Ausdruck brachten, so daß diese Lizenz und Lascivität nicht Wirkung der Mythen, soydern umgekehrt die Mythen und deren Stetigkeit im Volke Wir- und Mängel umgewandelt. In jedem Parteikampfe unserer > kung der geringen sittlichen Anlage im hellenischen Volksstamme Zeit, z. B. Freihandel und Schutzzoll, erleben wir dieses! waren. Ebenso vermiffen wir, daß da, wo der Verfaffer Schauspiel, und das Uebel besteht darin, daß die durch! von dem Streite spricht, welche Religion die Verbrechen am Fälschung der Statistik verbreitete irrige Meinung stets vielfachen Glauben sindet und nur langsam durch die darauf folgende Remedur beseitigt werden kann. Solcher Fälschung der statistischen Ergebnisse machte sich in den letzten Jahren ganz besonders der Antisemitismus schuldig, namentlich dadurch, daß er in der verfänglichsten Weise die Criminalstatistik fälschte, um die Behauptung zu begründen, daß das Berbrecherthum unter den Juden in erschreckender Größe vorhanden sei. Alle, die offen oder insgeheim der antisemitischen Richtung anhingen, nahmen diese compromittirenden Resultate mit Freuden auf, sprachen sie sogar auf der parlamentarischen Tribüne aus, obschon die Ungeheuerlichkeit dieser Behauptungen selbst schon vor der Annahme ihrer Wirklichkeit hätte warnen sollen. Selbstverständlich blieb die Antwort nicht aus und in mehrfachen Schriften wurde das Manöver der Antisemiten meisten verhindert, d. h. vermindert habe, hervorgehoben werden mußte, daß dem Judenthume hierin die erste Stelle gebühre, nicht blos, weil, was der Verfaffer bemerkt, die anderen positiven Religionen ihre Ethik aus ihm entnommen haben, sondern besonders weil es, sich nicht mit allgemeinen Phrasen begnügend, alle Verbrechen in besonderen Ge- und Verboten auf's Nachdrücklichste untersagt, die es dem Volke als aus dem Munde Gottes gekommen übergeben hat, und deren Verletzung es vor das menschliche und wo dieses nicht ausreicht, vor das göttliche Gericht zieht >). — Unter den im i ) Bei den Talmudisten ist die Vorstellung vom göttlichen Strafgericht, wie n'Z „Ausrottung"', viel erschreckender als die des menschlichen Gerichtes. r Sie verfügen deshalb, daß ein Verbrecher, . d r gegen ein Gebot gehandelt, welches die „Ausrottung" androht, von Gerichts wegen gegeißelt, er dadurch der götrlichen Strafe enthoben wird. Macc. 23, l.

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