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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1885-05-26 · Heft 22 (26.5.1885) · p. Seite 356

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
49 (1885)
Issue
Heft 22 (26.5.1885)
Date
1885-05-26
Page
Seite 356 (sequence 12)
Language
German
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856 wird nächstens zur Verhandlung kommen. — In Polen werden auf höheren Befehl die „Chedarim" auf Raum und Ordnung in hygienischer und pädagogischer Beziehung untersucht und die „Melamdim" zur Prüfung in der russischen Sprache aufgefordert. In Warschau wurden von 50 nur 17 Chedarim laut obiger Vorschrift befriedigend gefunden, und die übrigen wurden geschlossen. In Turek wurden sämmtliche Cheders geschloffen. — Das Statistische Centralbureau hat unter dem Titel: „Die jüdische Bevölkerung und der Bodenbesitz in den südwestlichen Gouvernements Rußlands, welche zum jüdischen Ansiedelungsrayon gehören" einen die Juden in Rußland betreffenden Almanach herausgegeben. Diese statistischen Daten wurden von „Jgnatiew'schen Juden- Commissionen" gesammelt und für die sogen. „Pahlen'sche Juden-Commission" bearbeitet. Demzufolge befinden sich in den 16 Gouvernements, in welchen die genannten „Com- Missionen Jgnatiew's" tagten, und in 3 Stadthauptmannschaften unter 251/2 Millionen Seelen beiderlei Geschlechts 2,930,639 Juden; es sind 11,5",o der gesammten Bevölkerung. — Die Meldungen einiger „in- und ausländischer Zeitungen", daß die „Christusbrudersecte" in Dorpat im jüdischen Handwerkerkreisen zahlreiche Anhänger finde, ist nach dem „Hamelitz“ in frecher Art und Weise erlogen. — Unsere Glaubensgenossen in Rußland haben abermals durch das Hinscheiden des russischen Botschafters am deutschen Hofe, Fürst Orloff, einen sehr schweren Verlust zu beklagen. Wir haben an dem dahingegangenen Patrioten und Philanthropen einen unserer größten Gönner und Wortführer verloren. Bereits im Jahre 1861 hat Fürst Orloff im Aufträge des in Gott ruhenden Kaisers Alexander II. in einer Denkschrift die „Judenfrage in Rußland" behandelt, in welcher er zur Schlußfolgerung gelangt: „Den Juden des Reiches sind alle Rechte der Freiheit betreffend Stand und Person zuzugestehen. Auch sei zu gestatten, daß inländische, sowie ausländische Juden gleich anderen Nationen überall im Reiche Handelsuud Bankhäuser eröffnen." Leider aber fanden seine Ansichten keinen Boden. Moses Feinkind. Bonn, 12. Mai. (Notizen.) Aus Colberg wird uns mitgetheilt: Die hiesige, weder große noch wohlhabende jüdische Gemeinde hat, nachdem ihr auf der Münde gelegener Friedhof nunmehr gefüllt ist, mit schweren Opfern einen neuen Friedhof auf der Lauenburger Borstadt dicht an der Landstraße, die nach Cöslin führt, auf einer ehemaligen Festungsscbanze angelegt und daselbst auch eine Todtenkammer und eine Leichenhalle erbaut. Am Sonntag, den 10. d. M., Vormittags 91/2 Uhr, fand unter Betheiligung fast der ganzen Gemeinde in Anwesenheit des Herrn Bürgermeister Kümmert, Stadtrath Zunker, Stadtverordneten-Vorsteher Speck, zahlreicher Mitglieder des Magistrats und der Stadtverordneten und vieler Freunde der Gemeinde die feierliche Einweihung des neuen Friedhofes durch einen gottesdienstlichen Act statt. Nach dem Einleitungsgebete wurde die Feier durch eine Motette, Psalm 23, gesungen von einem vierstimmigen Männerchor, eröffnet. Darauf trat der Rabbiner der Gemeinde, Herrvr. Goldschmidt, vor die Kanzel und hielt eine ergreifende Festrede. Ausgehend von dem Schriftworte Leviticus 25, 23, „denn mein ist die Erde, denn nur Freunde und Gäste seid ihr bei mir!" entwickelte der Festredner, daß dieses Erdenleben nichts anderes als eine Reise in der Fremde, und das Ziel dieser Reise die ewige Heimath sei. Das vernunftlose Thier habe keine Vorahnung seines Todes bis zu dem Augenblicke, da der Tod an dasselbe herantritt; der vernünftige Mensch allein trägt das Bewußtsein, daß er auf Erden nur fremd sei, während seines ganzen Lebens mit sich herum, weil er nur als Gast auf die Erde gesendet sei, um mit dem Tode des Leibes in die ewige Heimath einzugehen. Darum müsse auch der Mensch eine Schlummer- und Schlafstelle für seine Gebeine sich Herrichten, daß sie ihn mahne an sein Fremdsein auf der Erde und seine ewige Heimath. Der Redner führte alsdann weiter aus, daß ein Todtenfeld den Gläubigen nichts anderes sei, als eine Heimstätte für den müden Leib, eine Schule für den ewigen Geist und ein Haus der Andacht und des Gebets für die beladene Seele. Zum Schluß begründete der Redner die Nothwendigkeit für die jüdische Gemeinde, sich einen besonderen Friedhof herzurichten, anstatt sich an dem gemeinsamen städtischen Friedhof zu betheiligen und schloß alsdann die Predigt mit ergreifenden, zu Herzen dringenden Worten. Nachdem der Männerchor wiederum mehrere auf die Feier der Stunde sich beziehende Psalmverse vorgetragen hatte, sprach der Prediger das Weihegebet und stellte den nunmehr geweihten Friedhof unter den Schutz des Landesgesetzes und der Obrigkeit, sowie unter den Schutz des allgegenwärtigen und allwissenden Gottes. Mit einem Schlußgesang endete die Geist und Herz erhebende Feier. — Ein besonderes Verdienst um den Bau der Leichenhalle und um die Einrichtung des Friedhofes hat sich Herr M. S. Alexander durch seine unverdrossene Thätigkeit erworben. — Es bestehen in Paris jetzt — nachdem jüngst zwei neue hinzugekommen — 39 israelitische Vereine zu gegensei. tiger Unterstützung, 30 Männer- und 9 Frauenvereine. — Großes Aufsehen machte in New-Zjork der Selbstmord eines (amerikanischen) Dr. D. Stern, der sich auch „Rabbiner" titulirte, aus Litthauen gebürtig, (nicht aus Manchester, wie er vorgab). Wir erhalten soeben Berichte aus Amerika über den Fall, worüber in nächster Nummer. — Essen, 3. Mai. (Literarische Notizen.) Ps. 133 für Männerchor, Harmonium- und Pianofortebegleitung, com-

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