Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 22 (26.5.1885)
- Date
- 1885-05-26
- Page
- Seite 353 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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353 ansehen. Aber man wird ihn aus seinen historischen Berselbst und der Fachgelehrte wird sich mit Liebe in ihn Verhältnissen und ans der Geistesströmung jenes ganzen Zeitsenken und hier Scharfsinn und Gewissenhaftigkeit, Hingebung alters Gerechtigkeit widerfahren laffen. Hat man diesen und Willensstärke, eine gewaltige Geisteskraft und Geistes- Standpunkt erreicht, so verliert sich das abfällige Urtheil von arbeit bewundern lernen. l 'VYCfy'WlGLC Deutschland. Bonn, 12. Mai. (Privatmitth.) Wir haben aus den letzten Jahresberichten des Breslauer Seminars, der Berliner Hochschule für die Wiffenfchaft des Judenthums und des Seminars des vr. Hildesheimer die erfreuliche Thatfache zu constatiren gehabt, daß, während bis vor einigen Jahren diese Anstalten ihre Schüler in Minimalzahlen aus Deutschland, vielmehr in großer Majorität aus Rußland, Polen,! Galizien und Ungarn rekrutirten, jetzt die Zahl der an ihnen! die jüdische Theologie studirenden Jünglinge bedeutend gej wachsen ist. Man wird nach der Ursache dieser Aenderung fragen. Abgesehen nun, daß in diesem Factum immerhin 1 ein Zeugniß gefunden werden könne, wie in Deutschland das Jnteresie, die Beeiferung für das Judenthum in ein allmähliges Wachsthum wieder getreten ist, abgesehen hiervon finden wir eine zwiefache Erklärung. Die eine Ursache liegt nämlich darin, daß die jüdische Theologie sich zur Wiffenfchaft und zur wissenschaftlichen Methode aufgerungcn hat, sodaß die jungen Männer, welche eine gründliche Gymnasialbildung erlangt haben, sich in ihrem wiffenschaftlichen Bewußtsein von der jüdischen Theologie, wie sie früher betrieben wurde, nicht abgeftoßen fühlen und sie mit ihrer claffischen Bildung nicht unvereinbar finden. Es war und ist ein großer Unterschied zwischen dem Jüngling, der den größten Theil seiner Jugend in der Jeschiba zubrachte, dann sich Kenntnisse in den Gymnasialfächern erwarb und nun zum rabbinischen Studium zurückkehrte, und dem jungen Manne, der von Anfang an nur der Gymnasialbildung oblag, nur nebenbei einige Kenntniffe des Hebräischen sich erwerbend und dann auf der Universität sich der jüdischen Theologie widmen soll. Im letzteren Falle ist das wissenschaftliche Bedürfnis so vorwiegend, daß, wenn er nicht in der jüdischen Theologie ebenfalls eine wissenschaftliche Behandlung vorfindet, er sich ihr unmöglich ergeben kann. Dieses Hinderniß ist durch eine ernste Geistesarbeit eines halben Jahrhunderts aus dem Wege geräumt. Eine andere ist die praktische Seite. Der Rabbinerstand, der in den ersten Tecennien unseres Jahrhunderts in Deutschland in der Achtung sehr gefuuken war, ist durch die Reformbestrebungen und die wissenschaftliche Bildung in feinem Ansehen wieder bedeutend gestiegen; daß Bedürsniß, einen Rabbiner zu haben, hat sich bei den Gemeinden sehr umfänglich vermehrt, und dadurch haben die Rabbinen eine ehrenvolle und auskömmliche Stellung erlangt. Was gegenwärtig von den Rabbinen vorzugsweise gefordert wird, ist Kanzelberedsamkeit, Tüchtigkeit im Religionsunterrichte, seelsorgerische Thäiigkeit und eine der Zeitbildung gemäße Erscheinung. Es ist deshalb nicht erforderlich, daß der Rabbiner ganz auswendig weiß, sondern, daß er sich die Talmudsprache zu eigen, und mit Talmud und den Codisicationen von Maimonides, Caro, Jsserles vertraut gemacht hat, so daß er hier überall Bescheid weiß und aufzufinden vermag, was er in jedem Falle sucht. Sind doch große Gebiete des talmudischen Wissens, wie das Ins im praktischen Leben völlig unanwendbar geworden und besitzen nur noch ein wichtiges wissenschaftliches, theologisches und culturhisiorifches Interesse. Auch liegt es ja auf der Hand, daß der Rabbiner, wenn er auch schon im Amte steht, den Studien der jüdischen Wissenschaft eifrigft obliegen und seine Befähigung darin fortwährend ausbilden kann. Mögen wir daher in den Jahresberichten der Rabbinerseminare immer mehr Namen deutscher Jünglinge gewahren. Danzig, 11. Mai. Daß nach der Freisprechung des Fleischermeisters Behrent die Antisemiten Alles aufbieten würden, den Verdacht wieder auf Josephsohn zu wenden, konnte man voraussetzen. Von hier meldet man der „ Franks. Ztg.": Bon Frankfurt a. O. ist ein Brief an den hiesigen Staatsanwalt gelangt, dessen Verfasser sich und Josephsohn als die Mörder des Knaben Cybulla in Skurz denuncirt. Die Recherchen blieben bisher erfolglos. Man vermuthet, daß die Sache von antisemitischer Seite ausgeht. Posen, 12. Mai. (Privatmitth.) Es ist über das Testament des am 14. v. M. verstorbenen hiesigen Kaufmanns Louis D. Ja ffe so viel gefabelt worden, daß es die Leser interessiren wird, laut der mir vorliegenden gerichtlichen Testaments Abschrift das Richtige zu erfahren. Er hat u. A. legirt -. Ich vermache dem hiesigen jüdischen Knabenwaisenhause den i Betrag von 3000 Mark. , „ „ dem Verein Beth - Schelomoh. in welchem ich bisher hier den Gottesdienst verrichtet habe, I sowie der hiesigen Chewah Bikur Cholim je! 500 Mark. „ „ der Alliance isra61ite universelle 1000 Mark. 12