Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 22 (26.5.1885)
- Date
- 1885-05-26
- Page
- Seite 350 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3227555-3227578--42652-3311227- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
350 Ausbruch kommen. Ohne eine vorausgegangene religiös-fitt- [ günstiger erwiesen, als die Emigration nach Amerika oder liche Wiedergeburt der Gesellschaft, ohne ein moralisches Ge-! Palästina, und ist von jener Emigration gewerbebetreibender sunden unserer hellenisch kranken Cultur im Geiste des Juden-! Jüdinnen eine wesentliche Verbesserung nicht blos ihrer eigenen thums wird die Frauenfrage nie befriedigend gelöst werden,! und handelt es sich bei uns blos darum, ihre Opfer nach l Kräften zu vermindern. Dazu sollen folgende Maßnahmen j dienen, die großen Erfolg versprechen.! Es ist zur Genüge bekannt, daß eine der wichtigsten, Ursachen der Paupertät unserer hiesigen Glaubensgenosien j die Eingesperrtheit in einigen verarmten Provinzen ist, nicht! weniger bekannt ist es, daß unter den Privilegien des jüdischen Handwerkerstandes in Rußland die Freizügigkeit das allerbedeutendste ist und hat die richtige Würdigung dieses Privilegiums bereits die Eröffnung mehrerer Handwerkerschulen im „Ansiedlungsrayon", wie auch vielfache Bestrebungen auf privatem Wege ein Handwerk zu erlernen zur Folge gehabt. Allein bis vor Kurzem hat zur Erlernung eines Handwerkes blos die männliche Jugend und zwar die ungebildete gegriffen, denn der sich bildenden männlichen Jugend steht ein anderer Weg zur Erreichung der Freizügigkeit offen, nämlich die Aneignung höherer Bildung, welche immerhin weit größere Vortheile, als das Handwerk bietet. Dieser Weg ist aber, wie bereits hervorgehoben, der weiblichen Jugend gesperrt und hat sie nun in jüngster Zeit zum Handwerk gegriffen. Junge Damen aus den besten Familien und mit Gymnafialbildung versehen, nehmen nunmehr keinen Anstand, irgend ein Gewerbe zu erlernen und mit allem Fleiß zu betreiben, daS ihr das Wohnrecht in den inneren Provinzen; des Reiches gewährt und die Aussicht auf eine unabhängige! Existenz eröffnet. Zwar ist die Anzahl solcher weiblichen; Handwerker noch immer eine sehr geringe, denn gewiffe Bor- * uriheile und ein falscher Standesstolz sind nicht so leicht zu beseitigen, jedoch sind schon hin und wieder auch in unserer. Residenz jüdische Modistinnen und Putzmacherinnen dieser Klaffe zu begegnen, die sich eine sehr achtbare und nicht weniger einträgliche Existenz, als so manche Aerztin, zu verschaffen wußten, und ist vorauszusehen, daß ihre Zahl mit der Zeit sich wesentlich vermehren wird, da einerseits seitdem die „weiblichen medicinischen Curse" geschloffen und die „Hebammen-Anstalten" und „Zahnarztschule", die noch vor Kurzem auch von jungen Jüdinnen überfüllt waren, alle Hoffnungen. die man auf sie setzte, zu Schanden machten, ist das Gewerbe das einzige, was vielen Jüdinnen, denen das Glück die Ehe versagt, übrig blieb; andererseits ist die Nachfrage nach weiblichen Profesfionistinnen dieser Art, besonders in den inneren Provinzen Rußlands, sehr stark und hat die Uebersiedelung nach diesen Orten so manches Verlockende für die dürftigen, arbeits- und aussichtslosen Bewohnerinnen des „Ansiedelungsrayons." Ueberhaupt hat sich bis jetzt die Emigration nach dem Innern für diejenigen Juden, die das Recht dazu haben. Lage, sondern auch der ihrer Familien zu erwarten. Schon davon nicht zu sprechen, daß sie materiell versorgt und im Stande sind, im Nothfalle eine Stütze des Hauses zu sein, sie viel leichter als sonst, sich verheirathen könnten und dürften. Wie gesagt, ist diese jedenfalls neue Erscheinung im Leben der ruffischen Judenheit auch nicht im Stande, die Frauenfrage, die mehr religiös-sittlicher Natur ist, zu lösen, so wird sie doch allenfalls die Noth vieler Familien bedeutend j mildern. j Von viel größerer Tragweite ist unbedingt die andere Maßj nähme, die an sich zwar nicht neu, ja bei der russischen Judenj heit sogar uralt und noch nie im Ganzen vom Schauplatz verj schwunden ist, die aber nichtsdestoweniger gegenwärtig mutatis! mutandis von großem Segen sein kann und hoffentlich auch! sein wird, es ist die Rückkehr zum patriarchalischen Familien- I leben. Einigermaßen bemittelte Eltern bestreben sich nun,!ihre Töchter noch im frühen Alter an einen jungen Mann! zu verheirathen, der zwar noch lange nicht im Stande ist, leine Familie zu erhalten, und sogar selbst noch der Hülfe bedürftig ist, um zu irgend einem Ziele, sei es der Absolvirung des Studiums, sei es zur Aneignung einer industriellen Specialität sich zu erschlagen. Diese Hülfe wird ihm nun von den Eltern der Braut gewährt, die ihn bis zur Erreichung seines Zieles mit allem Röthigen und zwar meist unter ihrem eigenem Dache unter ihrer Aufsicht versehen. Das Zusammenleben der Eltern mit ihren jungen oerheiratheten Kindern wirkt sehr günstig, nicht blos auf die Erhaltung und Förderung der väterlichen Sitten und Kräftigung religiöser Traditionen, sondern auch auf das eheliche Glück der Kinder, wie auch auf die ökonomischen Verhältnisse dieser und ihrer Ellern. Natürlich dürfen die Ehen nicht wie in früheren Zeiten, wo dieser Usus allein herrschend war, zu früh geschloffen werden und eine sorglose Vertrauensseligkeit die Beschaffung einer ergiebigen Erwerbsquelle für die Neuvermählten außer Acht bleiben. Der praktische Sinn unserer Zeit zwingt Ellern und Kinder in gleicher Weise für letztere irgend eine Erwerbsthätigkeit zu verschaffen, und läßt ihnen aus richtig verstandenen ökonomischen Rücksichten selbst nach Beschaffung einer Erwerbsthätigkeit ihr Zusammenleben fortsetzen. Die Vorzüge eines solchen patriarchalischen Familienlebens sowohl in sittlich-religiöser, wie in ökonomi-! scher Beziehung dürfen bei einem jüdischen Publikum als bekannt vorausgesetzt werden und ist es wohl überstüsfig, hier auf sie hinzuweisen. Welchen einschneidenden Einfluß diese Restauration der uralten jüdischen Sitten auf die Lösung der Frauenfrage haben kann, geht hervor sowohl aus ihrem ver-; sittlichenden Einfluß auf die Gesellschaft und Förderung des