Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 22 (26.5.1885)
- Date
- 1885-05-26
- Page
- Seite 349 (sequence 5)
- Language
- German
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349 eine Frauenfrage mit allen Schrecken und Gefahren, die sie > väterlichen Hause zu bleiben und im aufreibenden, langweilenmit sich bringt und die in Folge unserer fürchterlichen Paupertät und deprimirenden politisch - socialen Stellung schrecklicher und gefährlicher zu werden droht, als sie bei unseren Nachbarn ist. In den untern Volksschichten, wo noch, wenn auch nicht ganz wie zuvor, die alte väterliche Sitte, die alte Religiosität herrschten und wo auch der alte jüdische Grundsatz r\''~2b tl:™, p-.r; -‘Tr: L'rE: seine Geltung noch nicht eingebüßt hat, dort macht sich die! selten mit denen der Eltern überein, aber selten ist der Gegen- Frauensrage noch wenig bemerkbar. Strenge Sittlichkeit! satz zwischen der jungen und alten Generation so schroff und und Arbeitsamkeit, im Verein mit Mäßigkeit und Genüg-! grell als bei uns zwischen den altmodischen ungebildeten den Nichtsthun und in verwirrender und abschwächender Romanlectüre den nur allzulange ausbleibenden „Bescheerten" zu erwarten. Daß eine solche öde, quallvolle Existenz an sich vollständig ausreicht, um die Betreffenden unglücklich zu machen, ist einleuchtend; aber das ist noch lange nicht alles. Tie junge Generation harmouirt zwar selten mit der alten und Geschmack und Lebensansichten der Kinder stimmen überhaupt samkeit fördern die rechtzeitigen Ehen und gestalten sie zu den glücklichsten, wenn auch wenig romantischen. Jedenfalls begegnet man hier sehr selten arbeitsfähigen Frauen und Mädchen, die ihren Verwandten zur Last fallen und mit ihrer Zeit und ihren Kräften nichts anzusangen wiffen, sie suchen vielmehr Eltern und höchst modernen tiesgebildeten Kindern, welcher Gegensatz sich in der vollen, beiden Theilen gleich lästigen Abhängigkeit der Kinder von den Eltern erst recht und zwar sehr schmerzlich fühlbar macht. Wenn es den armen, unter der Last der Familie sorgengebeugten Eltern nicht immer und finden Arbeit, wenn auch noch so schwerer Natur und! zu verargen ist, wenn sie der talmudischen Sentenz: ’r: sind gegen die bescheidendsten Bedingungen bereit in Dienst ~r ',r' —-ir gemäß zu der weitgehendsten Nachgiebigkeit zu treten, sei es als Stubenmädchen oder Köchin, sei es als sich verständigen, um ihre alternde und welkende Tochter an Tagelöhnerin oder Fabrikarbeiterin, wozu ihnen natürlich die den Mann zu bringen, so darf man es auch der in modernen Arbeitsscheu, Bequemlichkeitssucht und Luxus der höheren Begriffen ausgewachsenen Tochter nicht verübeln, wenn sie es Klaffen zu statten kommt. Ganz anders aber in diesen sovorzieht, im ziel- und zwecklosen, pein- und qualvollen Dagenannten höheren Klassen. Geburts- und Bildungs-Aristosein im elterlichen Hause weiter auszuharren, als dem ersten kratismus. der hier herrschend ist, hat in diesen Kreisen ganz besten ihre Hand zu reichen, wodurch nur das Zusammeneigene Begriffe von Anstand und Schicklichkeit geschaffen. Darf leben der Eltern und Kinder für beide immer unerträglicher zwar von einem jungen Mädchen aus gutem Hause und mit wird, und dieses nm so mehr, wenn, was leider nicht gar zu Gymnasialbildung ausgerüstet — und solche bilden ja in den selten sich zuträgt, Mildthätigkeit den schwachen Eltern die in Rede stehenden Klassen die Regel — nicht verlangt wer- Lasten ihrer Familie muß tragen Helsen. Solche tief crgreiden, daß es in Dienst als Magd oder Köchin oder gar Tagesende Familienbilder häuien sich nun bei uns mit der zulöhnerin trete, so könnte es immerhin als Bonne oder Wirthnehmenden Bildung und dem Luxus täglich und der in Folge schafterin eine Stellung annehmen, wozu jede Ausländerin der oft besprochenen Ursachen steigernden Armuth unserer in entsprechenden gesellschaftlichen Verhältnissen sich gern hiesigen Glaubensgenossen in ungeheurem Maße und führen verständigen würde; allein bei uns gilt es als unschicklich — wie bereits in meinem letzten Briese auseinandergesetzt und verträgt es sich durchaus nicht mit der Würde und dein — Hunderte jüdische junge Damen in die „höheren Frauenzu beachtenden Ansland. Unter dieser verkehrten Vorstellung kurse" der Universitäten, wo sie die besten Lebensjahre im von Standeswürde und Anstand versteckt sich auch eine gesauersten Kampf ums Dasein, aber leider mit nur allzugewisse Arbeitsscheu, die von jeher zu den Grundübeln dieser ringem stutzen für ihre Zukunft zubringen. Und so gestaltete aristorkratisch sich geberdenden Klassen gehörte. Denn dassich denn die Frage zu einem der größten Uebel, an welchem selbe junge Mädchen, das sich höchlichst beleidigt fühlen würde, die russische Judcnheit laborirt. durch den Antrag einer anstrengenden Bonnen- oder Wirth- Die Noth aber, die Mutter aller Erfindungen, hat auch schafterin-Stelle, wäre durchaus nicht abgeneigt, die weit geuns Mittel und Wege erfinden lassen, wenn auch nicht die ringeren Pflichten einer Gouvernante oder Gesellschafterin zu Frauenfrage befriedigend zu lösen, so doch wenigstens ihre übernehmen. Leider aber werden in letzterer Stellung bei sich ausbreitenden verderblichen Wirkungen zu hemmen und uns nicht blos von Christen, sondern selbst von Juden Aus zu mildern. Die Frauensrage ganz zu lösen, ist beim heuiigen länderinnen und auch indigene Russinnen der Reinheit der Zustand der Cnltur durch keine ökonomischen Mittel, noch Aussprache und der in der Regel geschickteren Manieren und selbst sporaden socialen Reformen mehr möglich, weil sie — Haltung halber — vor den inländischen Jüdinnen bevorzugt wie Mediciner sich auszudrücken pflegen — keine locale, sondern und gehört es zu den Seltenheiten, daß letztere als Gouvereine constitutionelle Krankheit der modernen Gesellschaft ist nanten und Gesellschafterinnen Unterkommen finden, und so und zu denjenigen Wunden des gesellschaftlichen Organismus bleibt ihnen denn nichts weiter übrig, als im oft sehr ärmlichen gehört, in welchen die Leiden des Letzteren am heftigsten zum