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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1885-05-26 · Heft 22 (26.5.1885) · p. Seite 348

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
49 (1885)
Issue
Heft 22 (26.5.1885)
Date
1885-05-26
Page
Seite 348 (sequence 4)
Language
German
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848 seinem Gedächtniß bereits entschwunden sei und machte ihn j auf dieselbe aufmerksam, die er jedoch bis jetzt nicht berück- > sichtigte. 1 Ich will offen gestehen, ich wollte dadurch nicht bloß der historischen Gerechtigkeit genügen, sondern aucki einem anderen Moment Rechnung tragen. Schon der Jugend wird die Geschichte als die große Lehrmeisterin der Menschen hingestellt. Nun war es mir gegönnt, den ziffermäßigen Nachweis zu liefern, welcher ungeheure Schaden durch die Austreibung der Juden aus Wien im Jahre 1670*) und jene aus Prag im Jahre 1744 nicht bloß den betreffenden Städten, sondern den respectiven Grönländern und dem Staate im Ganzen zugefügt wurde. Ich sollte denken, daß in einer Zeit, in welcher von manchen Seiten der Ruf: „Juden raus" erschallt, es nicht schaden könne, wenn man den Leuten ins Gedächtniß ruft, wie weit man früher mit dieser Theorie, die man praktisch durchführte, kam. G. Wolf. Petersburg, im Mai. Petersburger Sriefe. Unsere Gegenwart und Zukunft. VII. Wie man bei uns die Frauenfrage lösen will? Die Beantwortung dieser unbedingt hochwichtigen wie brennenden Frage soll, meinem Versprechen gemäß, Gegenstand dieses Briefes sein. Bevor ich aber zur Beantwortung derselben schreite, sehe ich mich genöthigt, auf die Frage selbst kurz einzugehen, weil ffe von Verschiedenen verschieden verstanden wird. „Für die in der Ehe glücklich lebende Frau giebt es keine Frauenfrage." Daß sie zur Ausübung gewiffer politischer Rechte nicht zugelaffen und dem entsprechend von der Erfüllung gewisser Pflichten dispensirt wird, kann für sie, wenn sie nur ihre so schwer zu lösende Aufgabe als Gattin, Mutter und Herrin des Hauses zu würdigen weiß, die ungeheure Tragweite ihrer gesellschaftlichen Stellung richtig be greift und es mit der Erfüllung ihrer speciellen Pflichten genau nimmt, nicht bloß keine Frage abgeben, sondern muß ihr als eine große Wohlthat, als eine gerechte Würdigung ihrer I Bestimmung erscheinen und wird sie zu dankbarer Anerkennung' und ehrfurchtsvoller Bewunderung der weisen gesellschaftlichen, Ordnung stimmen, welche ihr eine Thätigkeitsfphäre zugewiesen, die am Meisten ihren Kräften und Fähigkeiten, ihrer Gesinnung und Neigung zusagt. Nur für die Frau, welche die gewünschte Befriedigung in der Ehe nicht gefunden hat, oder der das Eheleben nicht vergönnt war, nur für sie kann es eine Frauenfrage geben. In der in Folge verschiedener sittlicher, *) Bergl. unser: „Die Juden in der Leopoldstadt in Wien". öconomischer und socialer Ursachen wachsenden Anzahl der Umstände, welche die Frau hindern oder zuweilen ihr völlig unmöglich machen, ihrem speciellen Beruf zu leben, liegt eben der eigentliche Brennpunkt der Frauenfrage. Auf den Charakter dieser Ursachen, wie auf die Mittel, durch welche der Judaismus dem Auftreten dieser Ursachen zuvorkam, hier einzugehen, hieße wohl: Eulen nach Athen tragen. Nur . verlangt es meine Aufgabe, daß ich auf Beides kurz Hinweise, iund das soll nun geschehen. Ohnmacht religiöser und sittlicher Ueberzeugungen, Unmäßigkeit und Ausschweifung, ungerechte politische und sociale > Stellung der Frau, zweckwidrige Einrichtung der Ehe und > Ehescheidung, Mangel an einer richtigen Erkenntniß und Würdigung der Natur und Bestimmung der Frau, Mangel an Verhelfung zur Verehelichung und an organisirter Unterstützung der Wittwen und alten Jungfrauen von Seiten des Staates oder der Gesellschaft, wie überhapt die falsche Stellung der letzteren zur Familie bilden die Ursachen der Frauenfrage, welchen der Judaismus zuvorkam durch Stärkung des religiösen Sinnes, durch Förderung der Keuschheit, durch gerechte Würdigung und Stellung der Frau, durch zweckmäßige und humane Organisation der Ehe und des Ehelebens, durch Zulassung der Scheidung auf Grund nationaler und sittlicher Principien und durch das Verbot der temporären separatio a mensa et toro und durch Hülfe und Fürsorge der Gemeinde — die in internen Angelegenheiten den Staat ersetzte — für Verehelichung der Armen, wie für Unterhaltung der Wittwen und Waisen. Kurz die ganze Beschaffenheit der jüdischen Gemeinde und Familie, getragen von! tiefster Religiosität, haben einerseits der in der Ehe lebenden j Frau das größtmögliche Glück gesichert und andererseits die! Zahl der außerhalb der Ehe lebenden Frauen auf das mögj lichste Minimum reducirt, für welche nach Kräften gesorgt i wurde und daher wurde das Aufkommen einer Frauenfragc rein unmöglich gemacht, bis erst das moderne Leben, in welches auch Juden eintraten, die altjüdische Lebens- Denk- und Handlungsweise tief untergraben und gehörig erschüttert hat. Die locker gewordene religiöse Ueberzeugung, welche leider sich immer mehr bemerkbar macht, läßt ungehemmt den modernen übermäßigen Anforderungen hinsichtlich der Lebensbequemlichkeilen, des wachsenden Luxus überhand nehmen, welche den Eintritt in die Ehe wie das Eheleben vielfach erschweren und oft sogar unmöglich machen oder wenigstens unerwünscht erscheinen lassen. Zu späte Ehen, wie die Zahl der unverheirathet gebliebenen beiderlei Geschlechts, Erschei- , nungen, denen so selten bei unseren hiesigen Glaubensgenossen zu : begegnen war, häufen sich jetzt mit jedem Tage und untergraben | indirekt die von den Vorfahren vererbte Sittlichkeit, was wiederum eine verderbliche Rückwirkung sowohl auf die Berehelichung als auf das Eheleben hat, und so haben wir denn

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