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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1885-05-19 · Heft 21 (19.5.1885) · p. Seite 331

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
49 (1885)
Issue
Heft 21 (19.5.1885)
Date
1885-05-19
Page
Seite 331 (sequence 3)
Language
German
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331 rang brachte. Nun dehnt sich aber der Kreis dieser speziellen Beobachtungen immer weiter über alle Länder der Erde aus, und da stößt man wieder auf Erscheinungen, die in den Rahmen der geltenden Theorie nicht hineinpaffen, für die sie keine Erklärung giebt, die ihr geradezu widersprechen — und man nimmt bereits neue Anschauungen in Aussicht, die zu einer anderen Theorie führen werden. Dies liegt Alles in der Natur der Entwickelung; die Natur ist eben kein in einseitigem Maßstabe Geschaffenes, den der Mensch mit einem Gedanken anmaßten, die über ihren wisienschafilichen Gesichtskreis hinaus liegen. Sie verleugnen das Uebersinnliche, indem sie aus dem innigen Zusammenhänge und der gegenseitgen Einwirkung des Geistigen und Leiblichen, das erstere in daS letztere bineinzwingen und es als Prozeß und Produkt des Materiellen ansehen und erklären wollen, wobei dann alle intellectuelle und siittliche Bedeutung, alle Selbstbestimmung und Verantwortlichkeit des Geistes verloren gehen. Hierzu verhilft ihnen die moderne Philosophie erst recht. Daß diese verstehen könnte. Jeder Schritt weiter bringt neue Ausgaben, j jedoch hierbei nicht stehen bleiben kann, und daß der gesunde neue Probleme. Ja, selbst in dem Leben eines einzigen! Menschenverstand sich niemals davon wird bethören laffen, Mannes stellen sich solche mehrfache Evolutionen ein. Wer j ist sicher. Aber was dieser ganzen Strömung zu Hilfe die noch heule höchst intereffante, an feinen Beobachtungen > kommt, daß ist jene moderne Tendenz, alles wissenschaftliche überreiche Reise Charles Darwiws um die Welt in der ersten I;u popularisiren, d. h. nicht in der, ihrer Mängel bewußten Hälfte der dreißiger Jahre ') liest, wo er auf fast jeder Seite! und fortschreitenden Wissenschaft zurückzubehalten, sondern sich als kirchlich gläubig zu erkennen giebt und Sätze aus-! die Beobachtungen und Resultate zur Kenntniß und zum spricht, die seiner späteren Theorie schnurstracks zuwiderlaufen,! Berständniß der gebildeten und halbgebildeten Welt, der wissender bemerkt, welche große Umwandlungen im Geiste dieses > schastlichen Form und Schulung entkleidet, zu bringen. Hier bedeutenden Naturforschers mit den Jahren vor sich gegangen-! wird das Halbgewisse als sicher und alles Gefundene als Und doch haben sich bereits so viele Widersprüche gegen seine unzweifelhaft aufgefaßt und die leichtsinnigen Folgerungen Theorie angehäust. daß sie nicht lange mehr Stand wird der Hypothesen als ausgemachte Wahrheit angenommen. Hierhalten können. Lange Zeit hat man von der Zweckmäßigkeit aus erklärt sich der immer weiter um sich greifende Unglaube in den Werken der Natur nichts mehr wissen wollen, umj in faßlichster Weise. — der Gesetzmäßigkeit in ihnen den alleinigen Raum zuzuge- Es ist selbstverständlich, daß neben den gezeichneten stehen; man verlachte jede teleologische Ansicht. Bei Darwin Quellen des Unglaubens auch noch sekundäre besteheu. So findet das Umgekehrte statt; bei ihm ist Alles zweckmäßig, kann es nicht entgehen, daß innerhalb der katholischen Völker aber das Geschöpf, wenigstens die Art, hat selbst diesen Zweck der Kampf gegen die hierarchische Macht der Geistlichkeit den gehabt, und zwar aus dem Bedürfniß heraus, für welches Gegensatz zur Kirche und dann zur Religion überhaupt hervores die Befriedigung selbst durch Veränderung seiner Organe gerufen hat und immerfort nährt. Aehnlich liegt es in den und Körpergestalt erwirkte. Es ist unschwer, hiergegen die protestantischen Kirchen gegenüber der Orthodoxie. Eine solche mannigfaltigsten Einwände vorzubringen. Tie Natur selbst Macht besieht innerhalb des Judenthums nicht; dafür wirken der widerspricht dem und die Paläontologie stellt sich dieser Mangel an aller Autorität und diewachfendeUnkcnntniß derReli- Theorie oft genug entgegen. Die paläontologische Schildkröte gion und des sie begründenden Schriftthums auf nachtheilige z. B. zeigt im Gegensatz zu der gegenwärtigen ihr Schild nicht auf dem Rücken, sondern auf dem Bauch, wobei sie ihr Gebiß und ihre Krallen zur Vertheidigung gebrauchen konnte, wie die gegenwärtige Schildkröte nicht. Man kann Weise. — Nun, alle diese Ouellen des Unglaubens zu verstopfen, wäre ebenso unmöglich wie gefährlich. Die Faktoren, welche den Unglauben bewirken, sind an sich so unentbehrlich und so natürlich, wie die Niederschläge, die Gesteine und die in den entgegengesetzten Einrichtungen dasselbe Bedürfniß! Ackerkrume für die Erde. Das Uebcl besteht nur darin, daß unter denselben Bedingungen Nachweisen oder vielmehr fol-! jene sich als den Zweck und das Ziel des Menschen hin» gern. — So zeigen sich die Naturwissenschaften in ihren Be-! stellen und alles Höhere und Ideale verleugnen, während obachtungen, Experimenten und Theorien immerfort schwan-! Jedermann weiß, daß Niederschläge, Gesteine und Ackerkrume kend, und wir könnten ihnen bei ihren sonstigen anßerordentnur Mittel und Werkzeuge sind. Unsere Zeit ist in einer ge lichen Leistungen dies nickt zum Vorwurf macken, wenn sie nicht, ivaltigen Krise begriffen. Aber wir können der Natur der Menschstolz auf ihre Theorien, über die Grenzen ihres Objekts heit und der göttlichen Weltleitung vertrauen, daß auch diese hinausgriffen und sich die Entscheidung auch auf Gebieten Krise durchgcrungen und zu einem harmonischen Berständniß _ führen werde. Tie richtig verstandene Geschichte des Menschen- 1) Charles Darwin, Reise eines Naturforschers um die Welt, geschlechtes läßt hierüber keine Zweifel. Nach dem schon Aus dem Englischen übersetzt von I. Victor Carus.^ Stuttgarl. gebrauchten Gleichniß ist die Menscheit einem Schisse IgE5'im^esrnbec fwi und^wähÄ stin^Iahre.^^' ähnlich, das unter entgegengesetzten Windesströmnngen kreuzt 2 t*

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