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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1885-05-19 · Heft 21 (19.5.1885) · p. Seite 330

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
49 (1885)
Issue
Heft 21 (19.5.1885)
Date
1885-05-19
Page
Seite 330 (sequence 2)
Language
German
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330 neigt bald auf diese, bald auf jene Seite; er hat noch gewisse Lebensakte, Geburt, Hochzeit, Tod, für welche er der Religion den Zutritt läßt, gewisse Tage im Jahre, die er aus den Resten der Pietät gottesdienstlich begeht; er ist auch bereit, die Geldmittel herzugeben, die für Erhaltung der gemeindlichen Institutionen erfordert werden. Hiermit ist aber auch seine Religiosität zu Ende; es liegt ihm fern, seine Kräfte für die Religion und ihre Bethätigung nach innen und außen einzusetzen, und dem Andrängen der materialistischen Tendenzen und Ideen Widerstand entgegenzustellen;! dazu hat er sich zu sehr entwöhnt, die Religion wohlthätig auf fich einwirken zu lassen. Damit ist aber dem Unglauben Thür und Thor geöffnet. Die Ansichten nehmen immer mehr die Färbung und dann den Gehalt desselben an. In der Natur der Religion liegt es aber, daß sie die Tiefen der Menschenseele erfüllen, die Gedanken und Grundsätze beherrschen, die Gefühle beleben und regieren muß; sonst ist ihre Einwirkung nur sehr gering und fehlt bei den Erwägungen und Entschlüssen im Großen und Kleinen. — Eine zweite Quelle besteht in dem Ueberwuchern des politischen und des gewerblichen Lebens, in der Verwirrung dieser Verhältnisse, im Parteistreit und der Concurrenz, die sich darin geltend gemacht, und welche alle geistigen und materiellen Interessen , hier hineinziehen. Zahllose Individuen kennen weiter nichts > mehr als ihre gewerbliche Thätigkeit und die politischen Zei-! tungen. Niemand verkennt die Wichtigkeit der Tyeilnahme! am politischen Leben; Niemand bestreitet die Verpflichtung! des Menschen zur gewerblichen Arbeit, die in unserer Zeit^ die Thätigkeit jedes Individuums in überspanntem Maße in z Anspruch nimmt. Dennoch aber ist es ein schlimmer Zu-! stand, wenn jene beiden Beschäftigungen den ganzen Menschen! einnehmen, wenn er außer ihnen nichts kennt und nichts hat,' wenn alle höheren Gefühle und alle darüber hinausgehenden Gedanken von ihm gewichen, wenn Politik und Erwerb die Grenzlinien seines inneren Lebens, seines ganzen geistigen Daseins abstecken, wenn es für ihn keine weiteren Fragen und Ausgaben, keine weiter reichende Empfindung giebt. Wenn das Materielle den ganzen Gesichtskreis des Menschen ausfüllt, so fehlt ihm der Blick über diesen eng gezogenen Horizont hinaus, und was bleibt da für die Religion übrig? Oft genug tritt dies im Leben uns entgegen; ist doch bereits der Selbstmord zu einer wahrhaft epidemischen Krankheit geworden und gerade der Selbstmord bezeugt den Mangel, das Fehlen aller religiösen Kraft, aller religrösen Gewissenhaftigkeit. — Die unmittelbare Quelle des Unglaubens, aus welcher er sich in reißendem und überfluthendem Strome über alle Fluren ergießt, ist die moderne Philosophie, die moderne Wiffenschast. Der modernen Philosophie, wie sie sich in Schopenhauer und Hartmaun in Deutschland, im Posilivismus in Frankreich verkörpert hat, fehlt aller dogmatische Inhalt; wie sie sich auch geberden mag: sie ist die Negation, der philosophische Nihilismus. Der moderne Skeptizismus ist das Gegentheil vom antiken. Der letztere geht darauf hinaus, jeder sinnlichen Wahrnehmung den objektiven Werth zu nehmen und sie als subjektiv und der Täuschung unter, worfen jeder philosophischen Bedeutung verlustig zu erklären. Darum lag im antiken Skeptizismus, wie er sich im wiederholten Kreislauf als Schluß einer Entwickelung einstellte, die Zersetzung, die Selbstvernichtung der Philosophie. Der moderne Skeptizismus hingegen verleugnet alles llebersinnliche und sieht als die Unterlage jeder Erkenntniß allein die sinnliche Wahrnehmung, das Experiment und seine Resultate an; von diesem Boden aus will sie das, was sich sinnlich nicht! darstellen und begreifen läßt, dennoch erklären, indem sie es als das Product des Sinnlichen hinstellt. Von diesem Ge- > sichtspunkte geht nun auch die Wissenschaft, vorzugsweise die I Naturwissenschaft aus. Was sie nicht messen und zählen, was! sie nicht stofflich Herstellen oder betrachten kann, was sie nicht i der Beobachtung und dem Experimente unterziehen kann, ist! nicht für sie da. Hierin wäre sie nun voll berechtigt, wenn! sie nicht aus diesen Beobachtungen und Experimenten eine Alles umfassende Theorie zu construiren, wenn sie nicht zugleich über die Grenzen ihres Objektes und über ihre eigenen Kräfte hinausgehend auch das Reich des Uebersinnlichen ihrer Doctrin unterziehen wollte. In allen diesen drei Momenten steht sie jedoch auf schwanken Füßen. Man braucht nur gegenwärtig, wie es häufig geschieht, zu lesen: Humboldt meinte noch, Euvier glaubte noch u. s. w., um zu bemerken, wie schwankend doch die Beobachtungen der größten Naturforscher fein müssen, wenn sie von ihren Nachfolgern als unvollständig und irrig erkannt werden muffen, und wie nothwendig es ist, immer wieder alle Beobachtungen zu erneuern, alle Berechnungen noch einmal anzustellen, alle Resultate wieder und wieder zu prüfen. Um so mehr findet dies bei den Theorien statt. Welche Umwandlung in den Theorien innerhalb jedes Jahrzehnts! Wer wie wir ein halbes Jahrhundert zurückblickt, weiß, wie auf allen naturwissenschaftlichen Gebieten drei oder vier Mal solche Evolutionen neuer Theorien, die fich zur Zeit allgemeine Anerkennung erwarben, vor sich gingen. Da sehen wir z. B. die Geologie. Wer - jetzt die klassischen Schriften Leopold v. Buch's und Alexander v. Humbold's, z. B. des Ersteren Reise in Norwegen und Lappland (Berlin 181.0, zwei Bände), des Letzteren große Reisewerke liest, erstaunt über die mißverständliche, oft naive Auffaffung der geologischen Erscheinungen, die fich ihrer scharfsichtigen Beobachtung geboten hatten. Die Spezialbeoi bachtungen eben häuften fich und drängten zu einem neuen theoretischen Aufbau, der geistreich und umfassend die Gefammtheit der Erscheinungen zu eurer ernhenlrchen Erkla-

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