Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 21 (19.5.1885)
- Date
- 1885-05-19
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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"Allgemeine -es Iudenlkums. / Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Jntercffe. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Preis vierteljährig 3 Mark. Abonnement in Deutschland (Postzeitungsliste Nr. lli) und Oesterreich bei allen Postämtern , außerdem durch den Buchhandel. Herausgegeben von Rabbiner Dr. Ludwig Wlipplou in Bonn. Gzepeörliorr: Leipzig, Woßptcrtz 18. In redactionellen Angelegenheiten wende man sich an Dr. 8. Philipps»« in Bonn direct, in allen übrigen an die Berlagshandlung. Beilagen (Gebühr 12 M.) sind gleichfalls an letztere einzusenden. 49. JahrgUNg. Leipzig, den 19. Mai 1885. ,Nä 21. Inhalt. Leitende Artikel: Die Quellen des Unglaubens. — Wie verloren die Juden das Bürgerrecht im west- und oströmischen Reiche? — Rückblick auf die Kämpfe des letzten halben Jahrhunderts. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Berlin, Frankfurt a. M., Königsberg i. Pr. — Oesterreich-Ungarn: Wien, Prag, Krakau, Äus Ungarn. — Rußland: Petersburg. — Bulgarien: Lofia.— Afrika: Zanzibar. — Bonn: Notizen.— Essen, Bonn: Literarische Notizen. — Feuilleton: Hinter den Eoulissen des Annsenntismus. jtcttenc*« £lzlt£ct. Bonn, 13. Mai. Die (Quellen des Unglaubens. Wer wiederholt die tief ergreifende Wirkung eines inbrünstigen Gebetes, sei es eines spontanen oder eines vorgeschriebeuen Gebetes, einer erhebenden gottesdienstlichen Feier oder einer begeisternden Predigt empfunden hat, wie in den Stunden der Angst, des Schreckens, des Leides ein Gebet zum! Weltenvater Beruhigung und Vertrauen einstößt, vor Ver-! zagtheit, ja Verzweiflung rettet, in den Momenten der Freude; und des Glückes der aufjauchzenden Seele Ausdruck verleiht, und selbst in den Tagen des Gleichmaßes dem Geiste Aufschwung und Befriedigung schafft — der wird sich der Verwunderung nicht enthalten können, wenn er gewahrt, wie weit sich in unseren Tagen der Unglaube verbreitet hat, wie viele Menschen sich selbst dieser Wohlthaten einer religiösen Gesinnung und Stimmung berauben. Denn man kann bei aufrichtiger Prüfung nicht verkennen, daß außer den offenkundigen Leugnern und Gegnern der Religion der Unglaube in zahllosen Menschen Wurzel gefaßt hat. wenn auch nicht in so entschiedenen Maßen. Man spricht jetzt öfters von einem religiösen Zuge, der wieder durch das Volk gehe. Allein es ist kein Geheimniß, daß große Kreise sich dahin neigen, woher der Wind aus den maßgebenden Regionen weht, und daß dann die Oberfläche ganz anders erscheint, als es unter ihr ausfieht. Wenn die Tagespresie, die Journalistik überhaupt und die Literatur sich nicht zurückhalten, dem Unglauben das Wort zu reden und alle die Erscheinungen mit Nachdruck auseinanderzusetzen und zu empfehle», welche den Unglauben an der Stirn tragen, verbreiten und stärken: so wird dadurch der Beweis geführt, daß das Lesepublikum damit übereinstimmt oder doch Gefallen daran hat. Denn man weiß recht wohl, wie jene Presse sich nach den Intentionen des Publikums richtet, weil sie nur aus diesen Bestand und . Gewinn zieht. Es ist deshalb immer von großem Interesse, den Quellen dieses Unglaubens nachzuforschen. Als die erste und wirksamste dieser Quellen erkennen wir den weit verbreiteten Jndifferentismus an, die religiöse Gleichgültigkeit, den Mangel an religiösem Bedürfniß, an Steigung, sich mit religiösen Dingen zu beschäftigen, die Flauheit für religiöse Gedanken und Gefühle. Wie sehr sich hierin die Neuzeit von allen ihr vorangegangenen Perioden unterscheidet, wie man namentlich im Judenthume von einem Extrem in das andere verfallen ist, brauchen wir nicht zu bemerken. Kaum daß man die Eltern bewegen kann, ihren Kindern Religionsunterricht ertheilen zu lassen, sie, welche die größte Fürsorge tragen und die möglichsten Opfer bringen, um ihre Kinder in allem profanen Wissen und Können unterrichten zu lasten. Im Hause selbst hat fast jede religiöse Anregung ausgehört, und an dem östentlichen Gottesdienste nimmt man äußerst wenig Theil. Dieser Jndifferentismus, dies Fehlen alles Sinnes für religiöse Bethätigung ist der fruchtbare Boden für den Unglauben, namentlich in der aus- . wachsenden Generation. Denn im Grunde steht derselbe dem Unglauben nicht fern. Er ist noch im Schwanken begriffen; er hinkt noch aus beiden Seilen, wie der Prophet sagt; er 21