Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 20 (12.5.1885)
- Date
- 1885-05-12
- Page
- Seite 321 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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321 Pariser Pölizei erklärt, die Briefe seien fingirt und die Ab-! senderin befände sich in Galizien. Der Uebertritt seiner! Tochter zur katholischen Kirche ist in Lemberg im Kloster! Sakraiuento geschehen, und zwar intervenirte hierbei ein! Krakauer Pater. Dominikaner Biverty. Bis nun haben weder \ Herr Morgenstern noch seine Frau eine Vorladung zu Gericht erhalten. Er dürfte demnächst eine Audienz beim Kaiser! nehmen. — Der Aufenthalt der Rachel Stieglitz ist bereits! ermittelt. Sie ist erst vor Kurzem nach Deutschland gebracht ■ worden, wo auf Requisition des Krakauer Gerichtes ihre Einvernahme stattfand. Die Akten sind auf dem Wege der deutschen Botschaft in Wien, jedoch noch nicht in Krakau eingetroffen. Rumänien. Borm, 30. April. (Privatmitth.) In Leipzig bei Oskar Leiner ist soeben eine Broschüre erschienen, die wir der allgemeinen Ansmerksamkeit empfehlen. Sie ist betitelt: „Die Leiden der rumänischen Juten und Vorschläge zur Abhilfe ihrer Nothlage von Doctoc Juuius." Der erste Theil beschäftigt sich mit der Geschichte der Juden in Rumänien, die seil 1866 eine wahre Leidensgeschichte geworden. Wir brauchen, wo wir so oft darüber berichtet haben, nicht darauf einzugehen. Was uns wunderte, war, daß der Vers, nicht erwähnt, wie am 24. Juni 1848 die Fürsten der „Donaufürste nthüm er" die Emancipation der Juden angenommen haben. (S. Jahrg. 1848 Nr. 31. 38. 1840 Nr. 2.) Der Schluß der Broschüre bringt Vorschläge zur Verbefferung ihrer Lage, und diesen wollen wir wörtlich wiedergeben, indem wir ihn ganz besonders energischer Berücksichtigung seitens der ^.lliunos i8r. tmiv. empfehlen. Er lautet: „Es fragt sich nun, wie wäre all dem Elende abzuhelfen? Die Frage ist schwer zu beantworten. Soviel ist sicher, die rumänischen Juden können sich, wie die Sachen jetzt stehen, selber nicht helfen. Seit Jahren kämpfen sie mit dem riesenhaft anwachsenden Elende, seit Jahren ist jeder, der Etwas besitzt — und die Zahl der Besitzenden ist in Rumänien nicht groß — direct und indirect stark in Anspruch genommen, um die vielen Unglücklichen nicht verhungern zu lasten; die meisten sind moralisch gebrochen und materiell erschöpft; es beginnt eine Art Stumpfheit und Indifferenz für die Leiden Platz zu greifen, wie dies überhaupt der Fall sein muß, wenn man unter immer steigendem Drucke fruchtlos kämpft. Einen Moment dachte man Abhilfe in Unterstützung der Mastenauswanderung aus Rumänien gefunden zu haben. Es bildeten sich in Jasty, Bukarest, Galatz, Braila Local-Auswanderungscomitss, um den über Nacht brodlos gewordenen Hausirern und Handwerkern die Auswanderung zu ermöglichen. Jasty, als größte jüdische Gemeinde Rumäniens war am besten constituirt und leistete am meisten. Es wanderten mehrere hundert Familien aus Rumänien nach Amerika, Palästina, England, Türkei, Bulgarien, Serbien, Bosnien und Herzegowina aus, — allein unvorhergesehene Hindernisse, welche die amerikanische und andere Regierungen in den Weg legten, Mangel an genügenden Mitteln, Abrathen Seiten erfahrener ausländischer Freunde zwangen das Auswanderungscomite im Herbste 1884 zu schließen und nach anderen Mitteln zu suchen. Nach reiflicher Erwägung verschiedener Projekte im Vereine mit mehreren Gesinnungsgenosten, scheint das geeignetste Mittel, die Lage der rumänischen Juden zu bessern im Aushalten und Weiterkämpfen zu sein; um aber diesen Kampf aufnehmen zu können, müssen wir bedeutende moralische und materielle Hilfe von Seiten unserer ausländischen Freunde haben. Moralisch müßten sie uns helfen, indem sie allen ihren Einfluß aufbieten, um die ausländische Presse aller Länder zu veranlassen, daß selbe sich der Sache der rumänischen Juden annehme, zu ihren Gunsten eine Preßcampagne eröffne, um ihre jetzige Lage nach allen Richtungen hin zu beleuchten und das irregeführte Jntereffe der öffentlichen Meinung für diese Unglücklichen wachzurufen. Materiell müßten sie uns beistehen, um den vielen Unglücklichen eine neue auf Arbeit basirte Existenz zu gründen; dies könnte in fruchtbringender Weise geschehen, wenn man der Thätigkeit der rumänischen Inden eine andere Richtung als die bis nun verfolgte zu geben trachtet, indem man sie vom Kleinhandel abzulenken sucht und ihnen neue in Rumänien rentable Arbeitsqnellen eröffnet. Rumänien ist ein ausschließlich ackerbautreibendes Land, hat eine im Lerhältniß zur Ausdehnung schwache Bevölkerung und großen Mangel an agricolen Arbeitskräften. Die früheren jüdischen Dorfbewohner eignen sich für die Feldarbeit, es fänden sich unter ihnen viele Familien, die dazu bereit und fähig wären. Im vergangenen Jahre wurden Proben angestellt, es arbeileten jüdische Familien bei der Ernte in mehreren Ortschaften der Districte Falciu, Jaffy und Roman, und die Arbeitgeber waren mit ihren Leistungen zufrieden. Ein jüdischer Bauernstand würde nicht nur ein glücklicher und lohnender sein, er würde auch noch eine Hauptwaffe den Feinden der rumänischen Juden entreißen. Diese schreien in allen Tonarten, daß die Inden die schwere Feldarbeit scheuen und nur leichte Arbeit, wie Handel und Gewerbe pflegen. Um aber einen jüdischen Bauernstand gründen zu können, genügt es nicht, sie bloß zur Aushilfe Händearbeit verrichten zu lassen, denn die Ernte dauert nur kurze Zeit im Jahre, und von dem Verdienste dieser kurzen Spanne Zeit können sie nicht sich und ihre Familie ein ganzes Jahr hindurch ernähren; man müßte sie mit Pflug, Ackergerätheu 20