Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 20 (12.5.1885)
- Date
- 1885-05-12
- Page
- Seite 316 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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316 sieht, daß er daS Scheitern eines solchen Versuchs mit einem I gewissen Wohlgefallen, den Sieg des römischen Feindes mit! Ungunst betrachtet. Dies fühlt man sehr deutlich z. B. in I den Kapiteln über die Germanen und Britten heraus. Um i so näher liegt es, den Werth dieser römischen Staatsidee und! römischen Cultur ein wenig zu prüfen. Man verargt gegen-! wärtig und zwar schon seit längerer Zeit Mommsen die Ber-| götterung Julius Casars, die er in seinem Werke darthut.! War auch Cäsar ein eminenter Geist, der an die Stelle der republikanischen Anarchie ein neu geordnetes Staatswesen, wenigstens die Grundlagen desselben setzte; aber was be-! gründete er dafür? Einen militärischen Despottsmus, verschleiert durch einige scheinbare Reste der Constitution, was! man in unserer Zeit Cäfarismus zu nennen pflegt. Nicht lange, und es entfaltete sich daraus die persönliche Autokratie, die Präfektenwirthschaft und das Prätorianerthum. Zu der Zeit, wo Jerusalem und Judäa fielen, hatte der römische Staat bereits einen Caligula und Nero aufzuweisen, und die Kaiser Galba, Otho, Vitellins und Bespafianus waren durch die Legionen gewählt und die drei ersteren gefallen. Wer den Legionen den meisten Gewinn verhieß, den erhoben sie auf den Thron der Cäsaren. Dabei beruhte der Fortbestand dieses Staates auf der fortwährenden Vergrößerung, auf der immer weiter schreitenden Unterwerfung der Völker, deshalb auf nimmer endenden Kämpfen, die zur Erschöpfung der Kräfte und zum Verfall und Untergang führen mußten. Der römische Staat lag also wie ein schwerer Alp auf den Völkern, bedrohte, so lange er existirte, die Existenz aller anderen Nationen, bis es diesen gelang, seine Grenzen zu durchbrechen, in das Innere einzudringen, den Staat und! Thron der Cäsaren zu zertrümmern. Nun, vielleicht entj schädigte dieser römische Staat die unterworfenen Völker durch j die ihnen zugeführte Cultur? Wir geben zu, daß die Ent-! Wickelung des römischen Rechts ein Produkt dieser römischen! Cultur war; begründet unter der Republik, fand es seine! großartige Entfaltung unter den Cäsaren: Theodosius und! Justinian nehmen darin noch eine ehrenvolle Stelle ein. Aber man kann sich nicht verhehlen, daß dieses Recht mehr eine formale Bedeutung, als eine positive im römischen Staate selbst erlangte. Die Willkürherrschaft, die Beamtentyrannei, Denunciantenwesen und Bestechlichkeit, sociale Verwirrung, Unfug der Soldateska, unbegrenzte Ausdehnung der Sklaverei, Ueppigkeit und sittliche Entartung, intellektueller Niedergang, Verkommenheit der Wissenschaft und Literatur, alle diese Uebel traten immer stärker, immer schrankenloser hervor und konnten auch auf die unterworfenen Völker keinen anderen als einen entnervenden Einfluß üben. Daher kam es, daß gerade die Völker, welchen die römische Cultur sich am ehesten imprägnirte, bald von der Schaubühne verschwanden, und hingegen die Lebenskraft der einströmenden Barbaren der Menschheit einen neuen Culturboden bereitete. Aber wie dem auch sei, so fühlt man sich doch zu der Frage gedrängt: traf die römische Cultur bei den Juden nicht auf eine andere Cultur, die mit ihr mindestens gleichwerthig war, so daß Mommsen hier nicht von der Bedeutung der ersteren für das unterworfene Volk geschützt wird? wenn die damaligen Germanen und Britten der römischen Cultur weit nachstanden und auf sie civilisatorisch gewirkt werden konnte: war dies bei den Juden auch der Fall? Auch diese, das könnte doch selbst Mommsen nicht leugnen, waren ein Culturvolk; ihr Land war mit größtem Fleiße angebaut, mit Städten und Dörfern übersät, von guten Straßen durchzogen, für welche schon Moses Sorge getragen *), ihr Ackerbau und ihre Viehzucht blüheten in reichem Maße, so daß sie den Ueberfluß ihrer Erzeugnisse schon seit einem Jahrtausend -) ihren Nachbarn abgaben und auf die Weltmärkte brachten; sie hatten ihre Wissenschaft,! Philosophie — wenn auch nicht in Systemen — und Poesie, ein reiches Schriftthum, Akademien und Volksunterricht, eine i ausgezeichnete unparteiische Rechtspflege, und ihre socialen Verhältnisse standen denen aller übrigen Nationen voran. Sie hatten keinen Geburts- und keinen Geldadel, Gleichheit vor dem Gesetze und persönliche Freiheit; eine Willkürherrschaft war bei ihnen, die das Gesetz über Alles stellten, weil sie es als göttlich verehrten, nicht möglich, und was man von einer Priesterherrschaft faselt, das war Herrschaft des Gesetzes und Einfluß der aus dem Volke entstandenen Gelehrten. So vielen Werth Mommsen also auch auf die römische Cultur legt, so durfte er doch bei den Juden nicht vergessen, daß sie eine ebenbürtige Cultur besaßen. Was hatten sie von den Römern zu lernen? Theater, Thier- und Gladiatorenkämpfe, einen, trotz seines Glanzes fadenscheinig gewordenen Götzendienst und rohe Eroberungssucht.'') Hatten doch die Juden nach ihrer Zerstreuung, ebenso wie die Römer nach dem Verlust ihrer republikanischen Freiheit, die Kraft, ein über alle Lebensverhältnisse ausgedehntes .Ins auszuarbeiten, und zwar zu derselben Zeit. Statt dieses zu würdigen, sieht M. Alles, was die Juden als Ueberreste : ihrer Cultur aus dem Heimathlande in die Zerstreuung Mitnahmen, einem Tacitus und Juvenal gleich, als staats- und menschenfeindlich an, weil es eben dem römischen Culturunwesen sich nicht unterordnete. Und doch war es diese jüdische Cultur, aus deren schöpferischem Boden die die Zukunft beherrschenden Culturerscheinungen, das Christenthum und der Islam, erstanden und ihre zukünftige Gestaltung vorbereiteten, als das weströmische Reich seinem Untergange,; das oströmische seinem tiefen Verfall entgegeneilte. Man 1) S. 5. Moses 19, 3. Die Freistädte für de» absichtslosen Tobtschläger waren so gewählt, daß sie in allen Theilen des Landes lagen, und die Wege dahin mußten sorgfältig gehalten werden. 2) S. 1. Kön. 5, H. Jechesk. 27, 17.