Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 20 (12.5.1885)
- Date
- 1885-05-12
- Page
- Seite 315 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3224737-3227555-3227576--42615-3311188- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
315 liegt für sein Denken und Fühlen, für sein Thun und Lassen die unveränderliche Richtschnur, sondern in Gott. Gott ist! heilig, d. h. die unendliche Vollkommenheit, das Ideal der sittlichen Vollendung, und nun hat der Gott ebenbildliche Mensch die Nacheiferung, das Anstreben, den Aufschwung zu Gott als Bestimmung und Endzweck. Tie Pflichten, die er zu erfüllen, die Tugenden, die er zu erstreben hat, sie stellen sich ihm als Gebote Gottes dar, durch deren getreue Beobachtung er sich heiligt, er sich Gott nähert, er erstrebt und erreicht, nach dem Maße seines Könnens, was in Gott vollendet ist. Durch die Beobachtung dieser Gebote wird er „heilig", wie und weil Gott heilig, der Allerheiligste ist. In dem Abschnitte nun, von welchem wir handeln, wird voran das Princip festgestellt und dann ein Ueberblick der vorzüglichsten Momente der zu bewirkenden Heiligung, der Momente, in welchen die menschliche Heiligung besteht, angereiht. Die Heiligung ist demnach die Wurzel, aus welcher der ganze Apparat deS Gesetzes, sein Cultus, sein Recht und seine Moral herauswächst. Diese Heiligung ist cinenthcils die Enthaltung von aller moralischen, seelischen und leiblichen Befleckung, anderenthcils durch die Erfüllung aller Pflichten der Liebe und des Rechts, die Erhebung zu Gott, die Erlangung der Gottähnlichkeit in ansteigendem Maaße. Selbst jeder aufrichtige Denker muß einsehen, daß durch die Erkenntniß des göttlichen Wesens aller Zweifel über das, was recht und gut ist, was die wahre Sittlichkeit ausmacht, ausgeschloffen wird, und wenn nun in seinem ganzen Wesen, in seinem Thun und Lassen der-Mensch auf Gott hingewiesen und zur Nacheiferung und dem „Wandel in Gottes Wegen" hingeführt wird, so hört auch für ihn jedes Schwanken, jede Unsicherheit und Unzuverlässigkeit auf, seine Sitilichkeit hat eine unerschütterliche Grundlage gewonnen und er selbst wird vom Boden des Materiellen in die Sphäre des Göttlichen, des sittlichen Ideals gel oben. Andererseits ist es durchaus falsch, wenn man behauptet, daß hierdurch die menschliche Freiheit und Selbstbestimmung beschränkt und Tugend und Edelmuth eines Theils ihres Wertstes verlustig würden. Tein Menschen bleibt die vollständige Freiheit, das Gebot Gottes, also der Sittlichkeit, zu vollziehen oder zu unterlassen, und diese freie Selbstbestimmung prägt seiner That den Charakter der Tugend oder des Frevels auf - jedenfalls ist es aber vorzuziehen, den Gedanken an Gott und dessen Willen zu treibendem Motiv zu haben, als das mehr oder minder dunkle Gefühl des Guten oder die Anschauung der menschlichen Würde und der Forderungen der menschlichen Gesellschaft. Ist nun zum Beginn und zum Schluß unseres Abschnittes die Heiligung als das Prinzip der menschlichen Lnttüchkeil aufgestellt, so bedeutet das \'n bei den einzelnen Geboten nichts Anderes, als den Hinweis, daß durch deren Erfüllung und Beobachtung der Mensch sich heiligt, wie Gott heilig ist. Dieses einzelne Gebot, erinnert uns der Zusatz, ist nicht losgelöst vom Ganzen, ist nicht irgend etwas Besonderes, sondern ein wesentliches Glied der Heiligung, damit wir uns heiligen, wie Gott heilig ist. — — Wir haben es deshalb immer als eine wesentliche Mangelhaftigkeit in den verschiedenen Religions- und Sittenlehren angesehen, wenn in ihnen nur beiläufig der „Heiligung" gedacht, nicht aber diese als das oberste Prinzip aufgestellt und dann durch die einzelnen Glieder des ethischen Systems durchgeführt worden. Wir haben dagegen in unserer „Israelitischen Religionslehre" Band III die Heiligung nicht blos als erstes Prinzip, sondern auch als das bestimmende Element in der ganzen Ethik behandelt, zuerst in des Menschen Verhältniß zu sich selbst, dann in seinem Verhältniß zu seinen Nebenmenschen und zwar in der Allgemeinheit der Menschen, im Staat, in der Religionsgemeinde und in der Familie. Hierauf erst zu den einzelnen Menschen und endlich die Heiligung des Menschen im Berhältniß zu den übrigen Wesen. Denn hieraus geht auch hervor, was wir stets nachdrücklich aufrecht erhalten haben, daß im Mosaismus und hieraus im ganzen Judentksume die Gotteslehre und die Lehre von der Sittlichkeit nicht getrennt werden können, daß die letztere durchaus aus der crsteren fließt, von ihr begründet und getragen wird. Noch einige Semerkungen zu Theodor Mommsens Römischer Geschichte Sand V. Man wird es uns nicht verargen, wenn wir der Darstellung, welche Mommsen Judäa und den Inden unter den heidnischen römischen Kaisern angedeihcn ließ, eine besondere Aufmerksamkeit zuwcnden. Mommsen besitzt eine zu verbreitete und wohl begründete Autorität, und sein Werk bietet durch die ausgedehnte Forschung und angemessene Zusammenfassung der Details so viele anschauliche Geschichtsbilder, daß wir voraussetzen müssen, auch seine Beurtheilung der jüdischen Verhältnisse in der gedachten Periode werde eine lange Zeit eine nachdrückliche Geltung besitzen, und zwar um so mehr, je willkommener sie in ihrer ausgesprochenen Antipathie vielen Gesinuungsgenoffen sein wird. Jndeß vertrauen wir zu sehr auf den Fortschritt der unparteiischen Geschichtsforschung, um nicht zu erhoffen, daß in nicht zu ferner Zukunft Mommfen's Einseitigkeit und Voreingenommenheit in diesem Abschnitt seines Werkes zur Anerkennung kommen werde. Mommsen tritt überall mit großem Nachdruck für die römische Staatsidee und die römische Cultur ein, so daß er jede Erhebung eines unterdrückten und jeden Widerstand eines freien Gegners als ein „Unrecht", als eine verwerfliche Hartnäckigkeit, als einen Frevel gegen die Civilisation an- 20*