Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 19 (5.5.1885)
- Date
- 1885-05-05
- Page
- Seite 308 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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308 rrS: y',z~ „Sammlung der Zerstreuten" und y~s 2'<v< j „Ansässigmachung Palästinas" liege, protestiren. — Es ist schon in Ihrer Zeitung vielmals wiederholt worden, -aß die Zeitungen im Auslande, und zwar die antisemitischen, stets bestrebt sind, über die ruffischen Juden in gehässigster und verleumderischester Weise Nachrichten und Berichte zu bringen. Die Kunst, eine neue Art, Lügen aus der Lust zu greifen, zeigt uns die extrem antisemitische „LutherischeKirchenzeitung". So las ich jüngst in dem angegebenen Blatte und zugleich in mehreren deutschen Zeitungen beifolgende grundlose Verleumdung: „Es sollen sich in Warschau unzählige Kreise von gebildeten und reichen Juden vereint haben, zum „lutherischen" Glauben überzutreten, und daß sie immer mehr Anhänger fänden." Die „Luther. Kirchenztg." begrüßt mit Jubel dieses famose Unternehmen und gratulirt ihren neuzukommenden Glaubensgenossen. Wie aber die in Warschau erscheinenden sämmtlichen Blätter und zwar mit Bezugnahme auf das hebräische Wochenblatt „UareLrad" nach eingezogener authentischer Erkundigung zu melden wissen, ist diese Nachricht einfach Schwindel. — Gegen die in Preußen befindlichen jüdischen Flüchtlinge aus Rußland — wie man aus Berichten aus verschiedenen Orten ersieht — fängt die preußische Regierung an, mit aller Schärfe vorzugehen. Wie dem Schreiber dieses bekannt, ist vielen Cultusbeamten russischer Nationalität, darunter solchen, die schon länger als 15 Jahre in einer Gemeinde in Preußen fungiren, jede Amtshandlung gegen sofortige Landesverweisung untersagt worden. Allein aus Memel wurden schon mehrmals 50 russisch-jüdische Familien, die sich in äußerstem Elend befinden, ausgewiesen, und aus Schneidemühl wurden einige Juden, sogar Handwerker, per Schub über die Grenze spedirt u. dergl. Diese harte Maßregel, welche vom Ministerium des Innern ausgehen soll, hat in den Kreisen der russisch-jüdischen Familien in Preußen viele Bestürzung hervorgcrufen, weil sie wenig Hoffnung hatten, die Naturalisation in Preußen zu erhalten, da Rußland sehr selten ihre Staatsangehörigen aus dem Unterthanenverbande entläßt. — Ter „Kuryer" meldet aus Warschau, daß sämmtliche Dorfbehörden im Bezirke Ws. angewiesen sind, die auf dem Lande wohnenden ausländischen Juden der Regierung zu bezeichnen, da solche nicht länger als einen Monat geduldet werden sollen. — Unsere überaus traurige Lage verschlimmert sich wesentlich noch mehr, denn auf Grund der „temporären Vorschriften" und bezugnehmend auf die „sehr verschärfte Bewachung" dauern die strengen Maßregeln gegen Aufenthalt und Betriebsthätigkeit unserer Glaubensgenossen in Südrußland, und besonders in der „Residenz", noch immer fort und jeder Tag bringt uns tief betrübende Neuigkeiten. — Ein Cirkular hat der Delegirte des Ministeriums der Volksaufklärung in der „Juden-Commission" jüngst an die Schulobrigkeiten der Lehrbezirke abgesandt, welches Auskunft über die jüdische Privat- und öffentliche Lehranstalten zu ertheilen ersucht wird. Außer der verlangten Auskunft in diesem Cirkular über die Zahl der jüdischen Schüler in den christlichen und jüdischen Schulen wird ferner noch eingefordert: genaue Auskunft über den Zustand der Melamdim und Leiter der Chedarim und Jeschiboth, und die Zahl ihrer Bocherim und mit> wessen Genehmigung eine jede jüdische Lehranstalt, Cheder, eröffnet wurde. — — Der Senat hat die Bestätigung der Stadtverordneten-Wahlen in Chersson, welche aus 17 Christen und 10 Juden bestanden, verweigert, weil die Juden nicht mehr als ein „Drittel" der Stadtverordneten ausmachen dürfen. — Daß sich unsere Glaubensgenossen in Rußland auch in der Industrie, sowie in der Wissenschaft immer sehr auszeichnen, ist bekannt und bedarf keiner besonderen Belege. So wurde kürzlich, wie der „Reg.-Anz." meldet, in Anerkennung seiner verdienstvollen nützlichen Thätigkeit aus dem Gebiete vaterländischen Handels und Gewerbfleißes, der durch seine Humanität rühmlichst bekannte Großzuckerindustrielle Herr Israel Brodski in Kijew von dem Kaiser zum „Commerzienrath" ernannt. Diese Ernennung ist bei uns in Rußland eine sehr hohe Auszeichnung. — Bon 19 vertheilten Prämien auf dem jüngsten Actus der Universität zu Petersburg haben dem „Hamelitz" zufolge jüdische Studirende fünf erhalten: Zwei stuä. phil. Chaim Rick und Isaak Hurewitz die große goldene; zwei staä. jur. Wasilji Behrmann, Emanuel Pocher und ein stuä. phil. Alexander Saß die silberne „Verdienst-Medaille". — Nach dem russisch-jüdischen „Woschod " sind in der kaiserlichen medicinischen Akademie in Petersburg „2" Juden, l)r. Schapira und vr. Rosenbach, zu „Privat-Docenten" berufen worden. Diese zwei Juden sind die „ersten" in Rußland, welche eine solche Auszeichnung erlangten. — Infolge einer im Monat December v. I. getroffenen Verfügung der Odessaer Kaufmannschaftsdirection, wonach die ausländischen jüdischen Kaufleute zum Betrieb ihrer Geschäfte in Odessa außer dem Aufenthaltsrechte und Patente erster Gilde noch von dem Ministerium des Innern, des Auswärtigen und der Finanzen die Erlaubniß haben müssen, hat der Generalgouvernemcntsmarschall des gehörigen Ortes — wie die „Odessaer Ztg." schreibt — vor Kurzem eine Vorschrift über die obige Anordnung an die „Odessaer Kaufmanns-Verwaltung" gesandt: daß diejenigen ausländischen Kaufleute jüdischer Religion, welche ihre Geschäfte in Odessa und sogar in ganz Rußland von nun an betreiben wollen, dem Ministerium eine Schrift, welche folgende gestellte Bedingungen enthalte, einreichen müssen: 1) Die Erlaubniß wird ertheilt, wenn die betreffende Bittschrift mit einem von Banken, Geschäftsetabliffements und Privatpersonen, zu welchen die Petenten in geschäftlichen Beziehungen stehen, ausgestellten Zeugnisse versehen, in welchem der Umfang und Charakter ihrer Geschäfte bescheinigt werden