Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 19 (5.5.1885)
- Date
- 1885-05-05
- Page
- Seite 307 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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307 hörte Martern, deren Spuren sie noch an Kopf, Brust und Händen in schweren Narben tragen, zum Geständniß besten, was sie nie gethan, gezwungen hatte. Und jetzt ist bereits eine ganze Reihe von wieder aufzunehmenden Prozessen in Aussicht, wo die Persecutoren und Panduren gleiche Frevel verübt und Unschuldige zur Verurtheilung gebracht haben. Sicher ist dies ein Schandfleck an den Zuständen Ungarns, und alle liberalen Reden und Redensarten der herrschenden und maßgebenden Kreise helfen darüber nicht hinweg. Wir wollten dies hier erwähnen, um noch einmal ein Schlaglicht auf jenen unseligen Prozeß zu werfen, dessen vollständige Geschichte zu schreiben, selbst dem unerschrockenen Eötvös noch nicht an der Zeit zu sein scheint. Frankreich. Poris, 19. April. (Privatmitth.) Das neueste Bulletin der Alliance isr. univ. bringt eine alphabetarische Liste aller der Orte, an welchen das 25 jährige Jubiläum gefeiert worden. Wir zählen da 119 Plätze, an welchen die Feier von der Gemeinde selbst ausging und gottesdienstlich stattfand, oder innerhalb der Mitglieder des Vereins begangen wurde. Diese Liste versetzt uns nach allen Ländern der civilisirten Welt und giebt so ein Zeugniß von der weiten Verbreitung der Alliance. Solche Leute, die in jedem dem Judenthume gewidmeten Institute etwas Nationales und darum etwas Gefährliches wittern, mögen immerhin auch an dieser Feier einen Anstoß nehmen. Da die Alliance nur Grundsätze und Ziele humanster Art befolgt, da sie im Grunde nichts Anderes als eine „innere Mission" unter den Juden ist, d. h. die sittliche und intellectuelle und hiermit auch die echt religiöse Hebung der jüdischen Masse im Orient: so wird diese Anerkennung immer mehr durchdringen, und die Verleumdung ihre Kraft verlieren. Nicht minder erfreulich ist cs, daß diese Feier eine beträchtliche Vermehrung der Mitglieder zur Folge hatte, so daß wir dem zweiten Bierteljahrhundert des Vereins mit besten Hoffnungen entgegcnsehen können. — Das Ministerium der Culte ist wieder von dem Justizministerium getrennt und dem Unterrichtsministerium zuertheilt worden. — Bei Gelegenheit der jüngsten.Choleraepidemie hat die Regierung denjenigen Personen, welche sich in aufopfernder Weise der Behandlung der Kranken gewidmet hatten, Auszeichnungen ertheilt. Darunter befinden sich folgende Glaubensgenossen. Die Ehrenlegion erhielt F)r. Moste, Mitglied der medicinischcu Facultät von Montpellier; goldene Medaillen erster Elaste: l)r. Hayem, Arzt am Hospital St. Antoine in Paris, I. Wcyl, Großrabbiner von Marseille, Moise Prosper Levy. Student der medizinischen Facultät zu Montpellier; goldene Medaillen zweiter Elaste: Meyer, Ingenieur der Brücken und Wege in Paris, Felix Cohen, Stadtrath in Marseille, vr. Abram, Arzt am Jrrenhospital in Marseille; silberne Medaillen erster Clafle: Weill, Direktor des Hospitals Rothschild in Paris; silberne Medaillen zweiter Classe: Lyon, Student der medizinischen Facultät von Montpellier, Clement David Levy, Zahnarzt in Marseille; Bronzemedaillen : Clement Levy, Beamter in Marseille; Felix Morse, Beamter in Marseille; Baliche, Hospitalbeamter in Marseille. Rußland. Turek, 10. April. (Privatmitth.) Wie aus Berichten des in Jerusalem erscheinenden hebräischen Blättchen „Hazewi" hervorgeht, haben sämmtliche Gemeindeverbände in Palästina einen „Protest gegen die Colonisation Palästinas", illustrirt durch die traurigen Leidensgeschichten der russisch-jüdischen Colonie „Pessach Tikwah" u. s. w., in hebräischer Sprache, unterzeichnet von 80 der angesehensten Männer, meist Vorsteher und Rabbiner, an sämmtliche Gemeinden „Israels" versendet. Derselbe ergeht sich in den schärfsten Ausdrücken gegen alle, die die Colonisation Palästinas anstreben, er nennt das Ganze eine schwindelhafte, vom Zerrgeiste der Verkehrtheit eingegebene Idee (L-x-.x rv.-. r.n r;™) und macht die hebräischen Blätter für das daraus entstehende Unglück verantwortlich. — Ebenso klagt über die sogen. „Colonisationsbewegung in Palästina" auch ein „Nationalgesinnter", und zwar einer, der es ganz genau wissen kann, Herr Frumkin, der Redacteur der in Jerusalem erscheinenden „Hhawazeleth": daß es gar wunderlich anzuschauen sei, wie es den Zeloten für die Palästinaerwerbung zur Gewohnheit | getoorben ist, alles ihnen „Ungünstige" abzuleugnen und „Hoffnungsreiches" zu erdichten. Alle Berichte über strenge I Verordnungen und Befehle der türkischen Regierung, welche! der „Colonisation" gegnerisch lauten, werden von den hebräij scheu Blättern in Rußland, besonders auch von dem „Ha magid“ in Lyk als „erlogen" hingestellt, fteilich ohne den geringsten Versuch des Beweises. Mit solch nichtssagenden! Redensarten wurden die Verbote des Landesankaufes be-! handelt und „Hunderte" in's Elend gestürzt, die den irrj thümlichen Berichten des „Ha magid“ u. s. w. mehr geglaubt! haben als den Warnungen treuer Freunde und Brüder. — j Nach dem wackeren „Jwri" in Brody sind bereits die Proitocofle der jüngst in Kattowitz stattgefundenen „russisch-östcr-! reichisch-deutschen Confercnz" über die „Colonisation Pa- Ilästinas" in einer hebräischen und deutschen Ausgabe erschienen. Wir erblicken in diesem, in sich selbst unklaren, mit religiös schwärmerischen Zielen vermischten Vorhaben eine ernste Gefahr für die inmitten der verschiedensten Nationen weilenden Juden. Wir müssen vielmehr gegen die in den Leitartikeln der jüngsten, soeben uns zugehenden Nummern! des in Petersburg erscheinenden, gut unterrichteten hebräischen Blattes „Hamelitz" mit dankenswerther Klarheit und Offenheit ausgesprochene Tendenz: daß „Israels Heil" nur in 19*