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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1885-05-05 · Heft 19 (5.5.1885) · p. Seite 301

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
49 (1885)
Issue
Heft 19 (5.5.1885)
Date
1885-05-05
Page
Seite 301 (sequence 5)
Language
German
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301 „lieber bas Ausbleiben des Rabbiners lamentirt Jedermann! die Bürger dieses Staates sind, in der Regierungspartei, aber Niemand bedauert es. (Ge-^Zustimmung rechts.) lächter unter den Antisemiten.) Die Haltung des Ministerpräsidenten den Juden gegenüber ist überhaupt eine seltsame. Anstatt die obligatorische Civilehe einzuführen, hat er die Mischehe vorgeschlagen; anstatt das Matrikenwesen gesetzlich zu regeln, hat er eine Verordnung über die Matrikenführung der Juden erlaffen; anstatt die Häupter sämmtlicher Kirchen in's Oberhaus zu berufen, hat er die Vertretung der jüdischen Confeffion in einen besonderen Punkt ausgenommen. Wenn! es der Zweck des Minister-Präsidenten ist, die Judenfrage fortwährend auf der Tagesordnung zu erhalten, dann geht er allerdings geschickter vor als die Antisemiten. Wenn der Ministerpräsident es mit der Aufnahme des erwähnten Punktes ehrlich gemeint hat, bann hätte er ihn aufrecht halten müffen. Hat er es aber nur aus Schlauheit gethan, dann haben die Juden schwerlich einen gefährlicheren Feind als den Ministerpräsidenten. Denn wenn er ihr Freund ist, dann ist er ein ungeschickter Freund. (Gelächter links.) Schon während der Reichstagswahlen hat er die Juden in der Theorie der Erlösung unterwiesen (Heiterkeit links); jetzt predigt er ihnen die Wahrheit der Auferstehung; er will sie überzeugen, daß der im Oberhause begrabene Rabbiner bei den Ernennungen wieder auferstehen werde. (Lebhafte Heiterkeit links.) Für dieses Vorgehen giebt es auch ein Beispiel im Alten Testament. Der aus dem Schiff geworfene Jonas wurde von dem Wallfisch verschlungen; dann aber war dies dem Wallfisch wieder leid und er-spie den Jonas wieder aus. (Lebhafte Heiterkeit.)" Nun kam der Antisemiten Jüngster und Verwegenster, Geza Racz, der weidlich auf die Juden schimpfte und u. A. bemerkte, daß trotz der Streichung des Rabbiners die Säle des Oberhauses mit den vornehm denkenden, erleuchteten Nachkommen der Abrahams, Isaaks, Jakobs und Mordechais bevölkert werden, damit sich diese dort von den ermüdenden Fatiguen der Licitationen, Lieferungen, Manipulationen,! Speculationen und anderer edler Machinationen erholen, nicht erlaubt werden kann. GezaRacz schließt seine Rede und erklärt, daß er den Gesetzentwurf selbst in dieser beschnittenen Form mit Indignation zurückweisen müffe. (Zustimmung aus einzelnen Bänken der Linken und äußersten Linken.) Pr äsid ent: Ich bitte, solche Ausdrücke nicht zu gebrauchen, denn auf der Galerie befinden sich Biele, denen ähnliche Ausdrücke unangenehm sein können. (Zustimmung rechts.) Baron Bela Lipthay, der nach dem Antisemiten das Wort ergriff, spricht seine Erwartung dahin aus, das Haus werde sich bei Entscheidung dieser Frage nicht von Gefühlen der Art, wie sie die Antisemiten hegen, leiten lassen, sondern er werde mit staatsmännischer Erwägung sich erst die Ueberzeugung verschaffen, ob des Vorredners Wünsche betreffs des Judenthums correkt seien. Jedenfalls sei schon die Motivirung, mit welcher das Oberhaus die Streichung des die Juden betreffenden Punktes begleitet, geeignet, die Freude der Antisemiten abzukühlen. Denn in dieser Motivirung ist nicht vom Racenhaß und nicht vom religiösen Gesichtspunkt, sondern nur davon die Rede, daß die Juden keine kirchliche Organisation besitzen. Er muß auch die Forderung einer kirchlichen Organisation für einen politischen Fehler erklären. Solange bloß Einzelne die Organisirung der israelitischen Kirche forderten, so war dies nicht so sehr richtig; da dies nun aber ein Haus der Legislative fordert und das andere sich dem anschließt, so ist das entschieden schädlich. Ebenso wie Redner davon überzeugt ist, daß die von den Antisemiten angeführten Motive, wie der Sumpf bei reiner und trockener Luft, ohne Halt sein würden (Lärm auf den Antisemiten-Bänken), glaubt er auch, daß die von der Legislative ausgesprochenen Bedenken von nachhaltiger Wirkung sein werden. Die vom Oberhause vorgenommenen Modifikationen wurden vom Abgeordnetenhause mit großer Majorität angenommen. In der heutigen Specialdebatte über die Modifikationen können. (Heiterkeit auf einzelnen Bänken der Linken und äußersten Linken.) Und daß wir darauf nicht rechnen dürfen, daß diese Mitglieder ihre Pflichten daselbst erfüllen werden, beweist unter Anderem auch der Oberrabbiner von Großwardein, vr. Kohut, der sich nur insolange als Ungar fühlte, als er einen guten Rebach hatte, als dies aufhörte, wendete er auch schon dem Lande den Rücken. Redner hält das Votum des Oberhauses für wichtig, denn damit wurde bewiesen, daß die Juden, dieser Auswurf des semilischen Bolksstammes. haben sie endlich den „Oberhaus-Rabbiner" zu Grabe getragen. Zunächst war es Franz Chorin, der in würdevoller Weise die Streichung des Vertreters der jüdischen Confeffion als einen Verstoß gegen die gesetzliche Gleichberechtigung und als Beleidigung der betreffenden Confeffion bezeichnete. Nachdem von der Vertretung einer 600,000 Anhänger zählenden Confeffion und von der Geltendmachung des Prinzips der confeffionellen Gleichheit die Rede ist, hätte man nicht nach Vorwänden suchen dürfen, dieses Prinzip zu beseitigen, son- Präsident: Geehrter Herr Abgeordnete! Ich muß ge-.dern nach Mitteln, dasselbe in vollem Maße zur Geltung zu stehen, daß der Ausdruck, daß die Juden den Auswurf des i bringen, damit keine einzige der im Lande bestehenden Consemitischen Bolksstammes bilden, 650,000 Menschen gegenüber, j feffionen sich in ihren Rechten verkürzt oder zurückgesetzt sehe.

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