Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 18 (28.4.1885)
- Date
- 1885-04-28
- Page
- Seite 290 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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290 die Thierschutzvereinler dieselbe Sache tausend Mal wieder, möchten es gern durchsetzen, daß das Schächten den Juden verboten werde. Sind diese „Thierschützer" wirklich so kurzsichtig, um nicht cinzusehen, daß hier der Schutz gegen die Thiere zum Trutz gegen die Menschen wird? Einige hunderttausend Juden in Deutschland halten sich in ihrem Gewisien verpflichtet, nur „geschachtetes" Fleisch zu genißen; sie verzichten, wenn sie auf Reisen durch Gegenden kommen, wo es kein „koscheres" Fleisch giebt, lieber überhaupt auf den Genuß von Fleisch; das mag Manchem sonderbar Vorkommen, aber gerade in heißt es in den öffentlichen Blättern — verreist. Niemand weiß wohin. Er wollte zu Verwandten nach Leipzig fahren, ist jedoch daselbst nicht angelangt. Für die von ihm wahrzunehmenden Termine hat derselbe keinen Substituten bestellt. Bemerkt wird, daß der betr. Sachwalter vor seiner „Abreise" nicht verfehlt hat, sich bei einer ganzen Anzahl guter Freunde nicht unbedeutende Geldbeträge zu leihen. Derselbe vertritt im Landtage den Bezirk Dresden-Antonstadt, war früher Vorstandsmitglied des hiesigen conservativen Vereins, zeichnete sich als solches durch eine gewisie antisemitische Färbung aus und hatte es dieser letzteren zu danken, daß er, als die religiösen Fragen läßt sich Keiner gern von Andersgläubigen * antisemitische Bewegung ihre mächtigsten Wellen schlug, seinen darein reden, jeder will gern nach seiner Fayon selig werden. und dem frommen Juden ist sehr wenig geholfen, wenn die Herren Bauwerker und Sondermann, sonst gewiß ganz wackere Männer, ihre nach einer neuen Methode getödteten Thiere für „koscher" erklären. freisinnigen Gegner, den langbewährten, aber sich zum jüdischen Glauben bekennenden Vertreter des Wahlkreises, Rechtsanwalt Emil Lehmann, aus dem Sattel hob. Dresden, 17. April. (Boss. Ztg.) Der conservativantisemitische Reichstagsabgeordnete Hartwig, der — wie Die Thierschützer übersehen den Gewissenszwang, den | bereits gemeldet wurde — am vergangenen Montag wegen der Erfolg ihrer Agitation um Abschaffung des Schächtens! Beleidigung des Dresdener Stadtrathes zu einer vierzehnnach sich ziehen würde.! tägigen Gefängnißstrafe verurtheilr worden ist, hatte auch am Welcher Kohl bei diesen Debatten zu Markte gebracht folgenden Tage wenig Glück, als es sich um eine Privatklagc wird, dafür bietet ein weitläufiger Artikel der „Süddeutschen! in Sachen einer Hypothek von 3i),000 Mk. handelte. Der Fleischerzeitung" einen spaßigen Beleg. j Gegner des Herrn Hartwig beschwor, daß diesem ein Rück' Da wird die tiefsinnige Frage aufgeworfen, warum wohl! haltsrecht nach seiner Ueberzeugung nicht zustehe, und das die Ochsen vor dem Schächten gebunden werden? Man! Gericht verurtheilte dementsprechend Herrn Hartwig zur könnte vielleicht aus den Gedanken kommen, sie werden des-; Herausgabe der zurückbehaltenen Hypothek, sowie zur Rückwegen gebunden, weil selbst Ochsen nicht so dumm find, um! Zahlung der seit mehreren Jahren genossenen Zinsen; auch sich ganz freihändig, wenn sie sich wehren können, schächten' hat derselbe die sehr erheblichen Proceßkosten zu tragen. zu lassen. Weit gefehlt, meint die süddeutsche Cvllegin. Der Grund liegt viel tiefer; die Ochsen werden gebunden, weil dereinst Isaak von Abraham gebunden wurde, als er jenen — nicht schlachtete. Diese Weisheit ist gar zu großartig. Dresden, 15. April. Wie über so viele Antisemiten in Berlin und Ungarn, geht jetzt auch die Vergeltung über die Dresdener Sorte — diese Vergeltung, die wesentlich darin Nordhausen, 16. April. Gestern wurde vor der Strafkammer I des hiefigen königlichen Landgerichts ein Proceß entschieden, dessen Ausgang man schon seit länger als einem halben Jahre mit großer Spannung entgegensah. Es han-! delte sich um die Gefährdung des Landfriedens durch Ber-! breitung antisemitischer Flugschriften. Angeklagter war der 1 Weber Eduard Meier aus Bleicherode, welchen die Anklage besteht, daß der sittliche Charakter dieser Leute offenkundig! beschuldigt, Anfang October in Bleicherode ein Lied verbreitet wird. Sie, die die Juden nicht genug anklagen und in sitt-! zu haben, das, die Melodie dem bekannten Angotliede entlicher Entrüstung über deren Gebühren schimpften, zeigen sich! lehnend, folgenden von der königlichen Staatsanwaltschaft jetzt auch vor dem Verblendetesten Publikum in ihrer wahren! incriminirten Schlußvers hatte: „Drum auf, Ihr Deutschen Gestalt. Der bekannte Antisemit und conservative Reichstagsab¬ Alle— Ermannt Euch, werdet wach! — Die Judenherrschaft falle! — Getilgt sei unsere Schmach! — Aller Juden — geordnete Hartwig ist heute in Dresden nach dreistündiger Handelsbuden — Machen wir der Erde gleich. — Jeder Verhandlung wegen öffentlicher Beleidigung des Dresdener Rathes zu 14 Tagen Gefängniß verurtheitt worden. Noch mehr. Man schreibt der „Boss. Ztg." von hier: Dresden wird wohl bei den im Herbst bevorstehenden Landtagswahlen nicht nur zwei, d. h. die verfassungsmäßig ausscheidenden, sondern drei Abgeordnete zu wählen haben. Einer ist ihm nämlich unter auffälligen Umständen verschwunden. Der Rechtsanwalt 1>r. R. Schmidt ist seit einigen Tagen — so Schwindel, — Jed' Gesindel — Sei verbannt aus unserm Reich!" Die königliche Staatsanwaltschaft beantragte, nachdem in der Sache nicht weniger als 22 Zeugen vernommen waren, die Berurtheiluug des Angeklagten zu 1 Monat Gesänguißstrafe und den aus viele hundert Mark sich belaufenden Kosten; der Gerichtshof jedoch stützte sich aus das Zeugniß des Bürgermeisters von Bleicherode, Major a. D. Francke, welcher den Angeklagten als einen durchaus zuverlässigen, in