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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1885-04-28 · Heft 18 (28.4.1885) · p. Seite 286

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
49 (1885)
Issue
Heft 18 (28.4.1885)
Date
1885-04-28
Page
Seite 286 (sequence 6)
Language
German
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eine Buchdruckerei unter dänischem Privilegium errichtet hatte, brachte einen gewaltigen Sturm gegen Rabbi Jonathan herauf. Dieser stand in so allgemeiner Achtung, in so autoritativem Ansehen, daß er mit einer einfachen Erklärung seiner Rechtgläubigkeit dem ganzen Handel ein Ende gemacht hätte. Aber er that dies nicht und stellte den Anklagen verachtendes Schweigen entgegen, bewirkte sogar, daß der Gemeindevorstand den Jakob Emden feierlich in den Bann that. Emden ruhte aber nicht und bewirkte (1751), daß das Rabbinat zu Venedig und Rabbinen in Metz, Amsterdam und Frankfurt den Jonathan für einen Sektirer erklärten. Dagegen bestimmte der letztere Rabbinen in Lublin, seine Feinde in den Bann zu thun. Diesen erklärte nun wieder das Oberhaupt der polnischen Bierländer-Synode Abraham in Liffa für ungiltig. Der friedliebende Rabbi Josia in Frankfurt erließ zwei schöne Briefe an R. Jonathan, sich doch offen auszusprechen, um alle Beschuldigungen niederruschlagen. Eibeschütz hingegen beantwortete diese Briefe in barscher und dünkelhafter Weise. Seine Gegner klagten ihn nun bei dem Hamburger Rath und den dänischen Landesbehörden an. Die letztere forderte Gutachten von christlichen Gelehrten ein, die jedoch nur ihre volle Unkunde erwiesen. Darauf ließ sie die Anklage gegen Jonathan auf sich beruhen; auch wurde der Lubliner Bann aufgehoben. Nichtsdestoweniger setzte Jakob Emden seine Wühlereien und Flugschriften gegen Jonathan, selbst über deffen 1764 erfolgten Tod hinaus fort.— Wie man auch über diese Vorgänge urtheile, Rabbi Jonathan war ein erleuchteter Geist und hätte jede Zweideutigkeit vermeiden sollen. Verfaßte er ja sogar ein Loblied auf Mendelssohn, den er 1761 in Hamburg persönlich kennen gelernt hatte. Für die Zeit aber ist dieser Streit durchweg charakteristisch und bietet ein trauriges Bild geistiger Entartung und Verwahrlosung dar, in welcher die edelsten und die niedrigsten Eigenschaften, ein gewiffer Geschmack und absurde Geschmacklosigkeit. Scharfsinn und blöder Sinn, Gelehrsamkeit und Unwiffenheit, oft in einer und derselben Person, sich vermischen. Nichts giebt mehr Zeugniß für den geistigen Verfall, als daß ein solcher Streit nicht sowohl an sich entstehen, als vielmehr die ganze Zeit die allgemeinste Aufmerksamkeit auf sich ziehen und ausfüllen konnte. Wenn wir das jüdische Schriftthum des vorigen Jahrhunderts durckmustern — von Mendelssohn sehen wir natürlich ab — so wandern wir durchaus durch eine Steppe, durch welche zwar Pfade gehen, wie sie von weit her angelegt waren, aber ohne zu irgend einem bemerkenswerthcn Platze, zu einem Aussichtspunkte oder dauerndem Monumente zu führen. Keine einzige wichtige Erscheinung, keine einzige bedeutsame Schöpfung. Jene großartige Thätigkeit der hebräischen Buchdruckereien und Buchdrucker, die während der beiden vorangegangenen Jahrhunderte so bewunderungswerth ist, war erlahmt, und brachte nur hervor, was der gewöhnliche Gebrauch forderte, und dies mangelhaft und in schlechter Ausstattung. Bon den Produkten der Rabbiner sind höchstens Gutachten und Streitschriften bemerkenswerth, die irgend einen vorgekommenen schwierigen Fall betreffen. Sie hatten sich immer mehr in das erstarrte talmudisch-rabbinische Wiffen zurückgezogen, waren selbst in seelsorgerischer Hinsicht unthätig und besaßen nicht den geringsten Zug von Bolksthümlichkeit, so daß sie dem Volke fremd gegenüber standen, das sie als Schatzkammern des religiösen Wiffens ehrte, aber nichts von ihnen verlangte und erhielt. Deshalb war die religiöse Unwiffenheit allgemein, und da aller Religionsunterricht der Jugenh fehlte, verbreitete sich Gleichgiltigkeit, ja Mißachtung der Religion, die bei vielen Wohlhabenden bereits zur Vernachlässigung, ja zur Beseitigung der religiösen Satzung führte. Doch nein! ganz unproduktiv war das 18. Jahrhundert für das Judenthum nicht, und dies ist gerade das Schlimmste, was wir ihm nachzusagen haben. Es brachte den Chassidismus, die Sekte der Chassidim hervor. Wir brauchen hier nicht in eine nähere Beschreibung dieser Sekte einzugehen, da sie gegenwärtig allgemein bekannt ist. Sie erwuchs aus jener Messiasbewegung, als sich der Glaube an den Messias getäuscht fand und die aufgeregte Phantasie des unwiffenden Volkes, namentlich in den slavischen Ländern, wo das Elend des Volkes unerträglich geworden, nach einer Befriedigung suchte. Der sie ihr verschaffte, war ein Rabbi Israel Bal Schem, gekürzt Bescht, der um 1730 in Tlusti, einem Flecken im Kreise Czartkow, später zu Medziboze in Podolien lebte. Er war Wunderthäter, erzählte was er auf seinen Seelenfahrten in den Himmel erlebte, heilte Kranke, erlöste Seelen, I welche in Thiere gebannt waren, und gründete auf diesen , Erzeugnissen des Aberglaubens und Wahnwitzes seine Sekte, ' in welcher der Zaddik oder Rebbe den unbedingtesten Ge» ' horsam findet, mit Gott in der unmittelbarsten Verbindung § steht, dadurch alle möglichen Wunder zu vollbringen vermag, die er sich von den Gläubigen gut bezahlen läßt. Er häuft Reichthümer auf, genießt sie in Ueppigkeit und beherrscht seine Gemeinde als Despot. Alle Anstrengungen der Rabbinen, diese Sekte zu bekämpfen, waren fruchtlos; vielmehr verbreitete sie sich immer mehr bis an die Grenzen Deutschlands, wo sie jedoch Wurzel zu sasien vergebens versuchte. In Polen, namentlich auch Galizien und Oberungarn ist sie noch heute von großer Ausdehnung, und dies um so mehr, als Nichtanhrnger derselben bei Gelegenheit zur Wunderkraft des Rebbe ihre Zuflucht nehmen. Dies ist das traurige Erbe, welches uns das 18. Jahrhundert hinterlaffen hat. So ist es dieses gewesen, welches, und zwar vermittelst seiner Geistlosigkeit und seines traurigen Stabilismus das ver> ' kehrteste Produkt hervorbrachte, das jemals aus dem Boden

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