Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 18 (28.4.1885)
- Date
- 1885-04-28
- Page
- Seite 285 (sequence 5)
- Language
- German
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285 Moriz Jokai, Graf Ladislaus Cscaky, Gustaf Vizsolyi, mit einem Worte die hervorragendsten Mitglieder der liberalen; Partei gaben ihrem Bedauern Ausdruck, daß die jüdische Vcrtretung zur Zeit fallen gelassen werden müsse, nur Ladislaus Bossanyi äußerte sich schlechtweg im Sinne einer Annahme des Standpunktes des Oberhauses. Graf Ludwig Tißa meinte, die Frage sei die, ob man den Gegenstand für genug wichtig erachte, um deswegen das Zustandekommen des ganzen Gesetzes zu hindern. Es wurde schließlich ein Antrag des Referenten Lang angenommen, der dahin geht, es mögen die heutigen Declarationen des Minister-Präsidenten in den Bericht ausgenommen werden, damit es sichtbar sei, daß die Commission nur mit Bedauern und dem Zwange der Umstände weichend, in die Streichung des jüdischen Vertreters gewilligt habe. Der Minister-Präsident präzisirt diesen Antrag dahin, cs möge in dem Berichte gesagt werden: nachdem der Minister- Präsident die absolute Unmöglichkeit einer Durchführung des Prinzips im Oberhause betont und das Versprechen abgegeben habe, bei der Ernennung die Juden zu berücksichtigen — habe die Commission den Vorschlag der Magnatentafel angenommen. Die Majorität erklärte sich bei der Abstimmung für die Annahme des Oberhaus-Vorschlages. Vorgestern kam die Szegediner Petition auch im Ausschüße der hiesigen israelitischen Gemeinde, an welche dieselbe behufs Unterstützung gelangte, zur Berathung. Derselbe erklärte einhellig, sich der Petition nicht anzuschließen. Die Petition ist von ungefähr dreißig Gemeinden dem Abgeordnetenhause eingereicht. Die Vertretung der Juden im Lberhause, welche, wie der nach Amerika ausgewanderte U>r. Kohut ausposaunte, ihm von Tißa bereits angetragen worden war, ist nun vorläufig auf unbestimmte Zeit verschoben. Das Äudenthum im 18. Jahrhundert. 31. In der Mitte des 18. Jahrhunderts war zu Smyrna (1641) ein Mann geboren worden, der von seinem siebenten Lebensjahre an sich als Messias träumte, und unglücklicher Weise bald auf Männer stieß, die theils aus Schwärmerei, thcils aus ehrgeizigen Absichten ihn in seinem Wahne bestärkten. Die in jener Zeit wieder verjüngte Kabala, die sich diesmal mit Wunderthuerei und Amuletten- und Talismankrämerei verbunden, hatte eine weite Verbreitung, eine theils offene, theils heimliche Verehrung in zahllosen jüdischen Geistern, in Rabbinen und Halbgelehrtcn gesunden und so den Boden bereitet, auf welchen: der Glaube an einen erschienenen Messias üppig wuchern konnte. Bei der Unermüdlichkeit und Gewandtheit der Satelliten des Sabacthai Zwi entstand in kurzer Zeit eine große Bewegung unter den Juden des Morgenwie des Abendlandes; Spaltungen und Streitigkeiten knüpften sich in reichem Maße daran, bis das schmähliche Ende des „betrogenen Betrügers", der sich, um sein Leben zu retten, zum Islam bekannte, dem Wahne und der durch ihn verursachten Aufregung ein Ziel setzte. Jndeß versuchten die unmittelbaren Anhänger des Sabatthai Zwi den Glauben an ihn zu erhalten und die Ereigniffe künstlich als dem Messiasreiche nothwendig vorangehende zu erklären; sie bildeten sogar eine Sekte, Sohariten genannt, welche die Dreieinigkeit in ihr Glaubensbekenntnis aufnahm, und den Weg zum Christenthum und Islam bereiteten. Da erkannten die Rabbiner die Gefahr, welche dem Judenthume erwachsen mußte, bekämpften den noch immer unter der Asche glimmenden Sabatthaismus und die sog. praktische Kabala, und sprachen in den verschiedenen Ländern über deren Anhänger den Bann aus. Diese Bewegung pflanzte ihren Wellenschlag auch über die erste Hälfte des 18. Jahrhunderts hin. Sehr viele Gelehrte und Rabbinen erkannten den tiefen Gegensatz, der zwischen Talmud und Kabala bestand, nicht, sahen jenen noch immer als die vollgiltige Quelle des religiösen Gesetzes an, aber auch die Kabala als eine Schatzkammer tiefsinniger Lehren. Beide vertrugen sich also, obschon man die Wunderthäterei und das abergläubische Treiben praktischer Kabalisten aufs Strengste verurtheilte. Unter diesen Umständen entspann sich ein Streit, der großes Aufsehen erregte, und selbst Regierungen in seine Wirbel hineinzog. Jonathan Eibeschütz, 1690 in Krakau geboren, war jedoch zu Eibeschitz in Mähren heimathsberechtigt, und erhielt hiervon seinen Zunamen. Frühzeitig erwarb er sich einen Ruf als Talmudist und Redner, wurde Rabbiner in Bunzlau, 1728 in Prag, wurde 1740 wegen politischer Verdächtigung aus den kaiserlichen Staaten verwiesen, 1742 Rabbiner in Metz und 1750 als Oberrabbiner der drei deutschen Gemeinden Altona, Hamburg und Wandsbcck berufen. Rabbi Jonathan zeichnete sich nicht bloß durch rabbinische Gelehrsamkeit, durch Scharfsinn und geistvolle Vortragsweise aus, sondern auch durch große Menschenkenntniß und die Würde, die er sich beizulegen verstand. Sicher ist, daß er in seiner Jugend viel mit Sektirern umgegangen und daß er es nicht verschmähte, sich ein geheininißvolles Ansehen zu geben, und Talismane und Amulette an Kranke und Schwangere vertheilte. Es ist daher erklärlich, daß seine Feinde und Neider sich dieser Umstände bemächtigten, ihn der Sektirerei anschuldigten. Ein sehr entschiedener Feind der noch immer umherwühlenden Sektirrrei, der gelehrte und redegewandte, vormals Rabbiner zu Emden, Jakob Herrschet, Emden genannt, der in Altona