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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1885-04-21 · Heft 17 (21.4.1885) · p. Seite 278

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
49 (1885)
Issue
Heft 17 (21.4.1885)
Date
1885-04-21
Page
Seite 278 (sequence 14)
Language
German
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278 Luzzatto und Rapoport') in unseren Tagen reicht, kommt hierbei nicht in Betracht, weil sie den eben angedeuteten Ursprung nicht hat. Was mich aber in jenen zuerst genannten klassischen Briefen am meisten anspricht, ist, daß -ich darin das persönliche Sein der Versasier in einer gewisien Unmittelbarkeit beobachte und ihren Empfindungen lausche, die unbemerkt von der großen Welt, in der stillen Kammer ihres Herzens, unter dem Eindruck des Augenblicks entstehen und zu unverfälschter Aussprache gelangen. Und wenn dort oft genug zu lesen ist: „ich habe eigentlich nichts zu schreiben, allein ich will den Boten benutzen, der zu Dir abgeht",2) oder wenn cs heißt: „Schreibe mir nur einfach, wie es die Väter zu thun pflegten: wenn Du gesund bist, so freue ich mich; ich meinerseits bin gesund" 3), dann dürfen jene Sammlungen als Maaßstab für die Schätzung der Briefe dienen, die wir an Kurorten, beziehungsweise an den der Zurückgezogenheit und der Muße gewidmeten Orten schreiben, und der Leser darf überzeugt sein, daß in diesen selbst unser eigenes Bild geistigen und sittlichen Lebens sich treulich widerspicgelt. Neben der Correspondenz nimmt bei den Einen die wiffenschaftliche Beschäftigung einen bestimmten Platz in dem Stundenplan des balneologischen Tages ein. von welchem diese sich eben so wenig abdrängen läßt, wie das Kartenspiel bei Andern, dem oft ein leidenschaftlicher Cultus gewidmet wird, und wie andere Zerstreuungen, denen Frauen und Jungfrauen mit liebenswürdiger Hingabe huldigen. Wie wäre es auch denkbar, daß Seele und Geist wochenlang auf die Kraftübung verzichten könnten, an welche sie gewöhnt find, und daß sie solange der Nahrung entsagen sollten, ohne welche sie gemeinhin sich in keinem gesunden Zustande befinden. Dieses und jenes Buch wird oft schon beim Einkauf zum Studium während der Kurzeit bestimmt und manche Literaturgattnng ganz besonders dafür bevorzugt. Weil aber das enge Zimmer der Stimmung des Badegastes nicht entspricht, zieht er in den Wald hinaus und begiebt sich dort unter den Schutz aller guten Geister, welche die Völker von jeher dort geahnt haben, — unter den Schutz des großen Weltengeisles „den die Flur preist und Alles was sie trägt, dem die Bäume jubeln in beglücktem Lobgesang, 4) — vor dem die Berge jauchzen, Wald und Baum 5). Ueberall erhöht der Wald die Poesie des Kurorts, und überall ist die Verwaltung darauf bedacht, den Wald durch frcigelegte Wege, durch lauschige Plätze und Ruheorte den Besuchern besonders angenehm zu machen. Dort ruhen und wandeln in duftigen Gängen und ll In noch nicht vollendeter Herausgabe von Eisig Gräber. 2) Ciceronis epistol. ad Attic. VII., 6; 9. -XIV, 12. — XVI. 15. — Quint. Fratr. II, 15. 3) Plinii epist. I, 11. 4) Chronik I; 16, 33—34- 5) Jesaias 44, 23. stärkender Luft Schwache und Kranke, muntere Gruppen, in froher Lust entzückt, ziehen an einander vorüber des Gottes voll, der ihn aufgebaut hat den schönen Wald, „wo die Bäume des Ewigen blühen in saftigem Grün und die Cedern des Libanon, die er gepflanzt *)," und wieder Andere haben auf einer Bank Platz genommen, oder ruhen in der Hängematte oder lagern auf dem Moosteppich des Waldes und lesen in einem Buche, oder halten die Palette, um das Bild eines schönen Baumes, einer schönen Fernsicht durch den Farbenpinsel sestzuhalten. Dort suche ich mir einen Platz aus, dem Auge der Wandernden entrückt, und lese in einem gefälligen Buche, das Denken und Empfinden angenehm unterhält, oder vertiefe mich in das Studium eines die geistige Anspannung mehr herausfordernden Werkes. Nur Frau und Kind, beide von Bildungstrieb und Freude an Naturgenuß beseelt, umgeben mich. Das find Stunden, die kostbarer sind, als viele Tage eines gesellschaftlich bewegten Lebens; bei ihrer gleichmäßigen Wiederkehr und ihrem steten Einerlei find sie anregender und lohnender, als die Mannichfaltigkeit wechselvoller Bilder auf der großen Weltbühne, im bunten Getriebe der Stadt. In solchen Stunden und an solchen Plätzen fühlt man das Entzücken derer nach, die niederschrieben: „In dieser Einsamkeit spreche ich mit Niemandem, und wenn ich am frühen Morgen mich in den dichten, ernsten Wald zurückziehe, komme ich vor Abend nicht wieder heraus. Nichts ist köstlicher, als diese Einsamkeit. Dort pflege ich mit der Wisienschaft eiftigen Umgang 7). Die Einsamkeit und Zurückgezogenheit ist meine Provinz3). Dort lese und schreibe ich nichts, was ich scheue oder bereue; dort plagt mich Niemand mit werthlosem Geplauder. Dort stehe ich nur mit mir und den Büchern im Gespräch. Das ist ein rechtes und wahres Leben, eine süße und ehrenvolle Muße, fast schöner als jede Thätigkeit^)." Ich kann mich an dieser Stelle, verehrter Freund, nicht enthalten, den Faden meiner Gedanken in weite Fernen zurückzuleiten und in dem „Waldleben" der alten Inder, wie unfaßbar dies auch unserer Vorstellung erscheint, etwas unserem Waldempfinden Verwandtes zu erkennen. Denn was uns die Waldeinsamkeit so angenehm macht und aufsuchen läßt, ist das Verlangen nach einer ungestörten inneren Sammlung, — das unbewußte Gefühl, daß der reine unentweihte Odem, der uns dort unmittelbar aus dem Tempel der Natur anweht, ebensowohl unsere Seele zu höherer Schau und unseren Geist zu reicherem Erkennen emporträgt, wie er des Leibes Kraft und Gesundheit erneut und den Herzschlag des gesammten Lebens kräftigt. Aber auch dem Waldleben der Inder lag nichts Anderes zu Grunde, als die Absicht 6) Psalm 104, 16. 7) Ciceronis epist. ad Attic. XII, 15. 8) Das. 26. 9) Plinii epp. I, 9.

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