Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 17 (21.4.1885)
- Date
- 1885-04-21
- Page
- Seite 275 (sequence 11)
- Language
- German
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275 bewirkten Beschränkung der Räumlichkeiten des Hauses ge-! Finanzmänner, die im Gutschenken und zuletzt im Ablösen nöthigt, viele bei ihm einlaufende Gesuche zurücklegen zu! einer Hypothek von 350000 Mark einen ganz besonderen müssen. Denn bei einer Einnahme im Jahre 1884 von! Eifer und Erfolg bewiesen haben? Wenn man an den jü- M. 13,383 — die aus Geschenken von M. 2282, Beitrügen dischen Geldspenden keinen Anstoß genommen hat, so sollte von 661 Mitgliedern von M. 4146, Zinsen von M. 2500 j man an der idealen Redespende doch erst recht keinen und Pensionsgeldern von M. 5055 bestanden — beliefen i nehmen. Es ist aber immerhin lehrreich, daß fich der Anti, stch die Ausgaben auf M. 14,446, so daß ein Defizit von semitismus bei dieser Gelegenheit wieder einmal bemerkbar M. 462 erstand, die aus dem Fond gedeckt werden mußten.! Möge daher der Werth dieser Anstalt auch außerhalb Frank-' furts immer mehr gewürdigt werden, da ja die meisten' Pfleglinge von auswärts sind und dadurch die Mittel des In-! stituts zu seiner Erhaltung und Vergrößerung vermehrt werden, j Karlsruhe, (Baden), 10. April. Hierselbst hot bie | Bismarck-Feier einen häßlichen Nachklang gehabt. Die Fest- ■ rede hatte der nationalliberale Prof. Goldschmidt gehalten.! Nun kommt die conservative „Bad. Landz." mit folgender! Kritik: „Daß Redner die christlich germanische Seite ganz übersah, ist, da Professor G. Jude ist, zu begreifen; aber zu! tadeln ist, daß man überhaupt einen Juden zum Panegyriker eines echt deutschen, echt christlichen Mannes ausersah." Damit nicht genug, läßt fich auch das Leibblatt des Kanzlers,; die „Nordd. Allg. Ztg.", aus der badischen Residenz schrei-! ben: „Es hat vielfach sehr befremdet, daß das nationalliberale Festcomitö als Festredner für das Bismarck-Bankett einen jüdischen Mitbürger, der nicht einmal als Redner besonders dafür qualificirt war, gewählt hat, da auch solche christliche Kreise, die nicht zu den „Antisemiten" gehören, das Gefühl haben, daß gerade für diese Feier die Wahl eines christlichen Mannes am Platze gewesen wäre." Hierzu bemerkt die „Boss. Ztg.": „An der Bismarckspende haben sich große Bankhäuser in hervorragendster Weise betheiligt, wir hab^n aber nicht gehört, daß von ir gend einer Seite, welche es auch sein mag, ein Unterschied zwischen jüdischem und christlichem Gelde gemacht ist." (Und wir sagen: „Der Mohr hat seine Schuldigkeit gethan — der Mohr kann gehen!" —) — Zu diesem Vorgänge in Karlsruhe und der Aeußerung der „Nvrdd. Allg. Ztg." bemerkt die Frankfurter Zeitung" vom 11. April: „Das Organ des Herrn Reichskanzlers hat Anstoß daran genommen, daß bei der Bismarckfeier in Karlsruhe ein jüdischer Professor die Festrede gehalten hat. Es hätte lieber einen christlichen Mann an der Stelle gesehen. Warum bei dieser Gelegenheit die Confesston in Betracht kommen soll, ist nicht gesagt. Der Borwurf ist schon deshalb sehr ungerecht, weil sich die Conservativen, die sonst den Juden immer eine angeborene Neigung zur Opposition vorwerfen, doch freuen sollten, wenn sie sich mit ihnen in der praktischen Bethätigung des Kanzlerdienstes begegnen. Es ist aber doppelt ungerecht und eine offenbare Thorheit in diesem speciellen Falle. Wer hat denn die Hauptsummen zur Bismarckspende geliefert? Sind es nicht gerade jüdische macht. Es geht dieser edlen Richtung nämlich feit längerer Zeit nicht mehr sehr gut. Sie ist osfiziell bedeutend eingeschränkt und in den Hintergrund gedrängt worden und wagt auf eine direkte Unterstützung der maßgebenden Persönlichkeiten, ans die sie früher gerechnet hatte, längst nicht mehr zu hoffen. Tie Zeilen des wüsten Auftretens der Herren Henrici, Förster, Liebermann und Genoffen sind vorüber; auch die Herren Stöcker, Wagner und Cremer find gemäßigter geworden, und die antisemitischen Rohheiten haben sich aus den angeseheneren conservativen Blättern in die conservative Winkelpresse geflüchtet. Die Gründe dafür liegen nicht etwa in dem Erwachen einer besicren Einsicht und in der Ueberzeugung von der Verwerflichkeit der antisemitischen Agitation, sondern in praktischen Erwägungen. Man hat sich überzeugt, daß die antisemitischen Rohheiten praktisch namentlich bei den Wahlen den Regierungsparteien nichts genützt, sondern mehr geschadet haben. Man rechnet auf bessere Erfolge, wenn man jetzt unter der Firma der sogenannten anständigen Conservativen austritt. Dann aber und hier liegt der Humor der Sache — wagt man nicht mehr gewissen sehr einflußreichen Finanzkreisen durch antisemitische Rohheiten vor den Kopf zu stoßen, weil man ihre Mitwirkung zu den Zwecken, die in erster Reihe für „national" gelten, nicht entbehren kann. Wer das den Stöcker und Wagner, Henrici und Förster vor drei Jahren gesagt hätte! Judenthum und „nationale Politik" sind nach ihrer Meinung unversöhnliche Gegensätze. Was ist wohl „nationaler" gewesen, wie die Bismarckfeier! Und das „Nationalste" an ihr war doch die große Geldsammlung und der Gutsankauf, bei dem nationale Gesinnung und ideale Dankbarkeit so glücklich cvncurrirten. Wäre diese nationale That ohne die Mitwirkung gewisser jüdischer Bankhäuser wohl zu Stande gekommen, die der verstorbene Abgeordnete v Ludwig noch vor wenigen Jahren unter direkter Nennung ihrer Namen zum Gaudium der Conservativen in offener Parlamentsfitzung injurirte? Der Brave würde fich in seinem Grabe umdrehen, wenn <t wüßte, daß die ihm verhaßten Finanzbarone bei dieser Gelegenheit eine Rolle gespielt haben, und daß die Namen seiner Freunde Stöcker und Wagner gar nicht genannt worden find. Giebt es etwas „Nationaleres" als die Colonialpolitik? Sie ist so „national", daß man sie in ihren Anfängen am liebsten nur von Leuten mit blonden Haaren und blauen Augen hätte ausführen lassen, und heute rekurrirt sie in der Hauptsache auf die Hülfe der der 17*