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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1885-04-21 · Heft 17 (21.4.1885) · p. Seite 271

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
49 (1885)
Issue
Heft 17 (21.4.1885)
Date
1885-04-21
Page
Seite 271 (sequence 7)
Language
German
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271 Literarischer Wochenbericht. Bonn, 9. April. Zu dem Jahresbericht der israelitischen Religionsschule gab der Rabbiner vr. M. Horowitz die Fortsetzung seines verdienstlichen Werkes: „Frankfurter Rabbinen, ein Beitrag zur Geschichte der israelitischen Gemeinde in Frankfurt a. M." (Frankfurt a. M. Jäger 1885), nämlich das 4. Heft: „ Rabbinatsverweser Nathan S. Maaß und R. Pinchas Horovitz (1769—1805). Mit der schon hinsichtlich der ersten Hefte gerühmten Gründlichkeit und Unparteilichkeit, bei voller Pietät, führt uns auch diese Lieferung an dem Bilde zweier bedeutender und charaktervoller Talmudisten vorüber. Maaß war Rabbinatsverweser von 1769—1771 und Horovitz Oberrabbiner von 1771—1805. Wir blicken hier wiederum in das Stillleben des vorigen Jahrhunderts, welches nur hier und da von vorübergehenden Kämpfen und Streitigkeiten bewegt war, Kämpfen um die Keime einer herannahenden Zukunft, jedoch ohne Erschütterung und tiesergchenden Einfluß. So sah das Rabbinat des Rabbi Pinchas Horovitz den Streit mit R. Nathan Adler, der sich einige Abweichungen von der üblichen Liturgie gestattet und dafür den „großen Bann" zugezogen hatte, aus dem er sich aber nichts machte und der kurz vor seinem Tode wieder aufgehoben wurde; so wie gegen Mendelssohn» Pentateuch-Uebersetzung. Man verbrannte zwar diese Uebersetzung in Frankfurt nicht, wie dies in Wilna, Fürth, Altona geschah, aber N. Pinchas hielt ciue donnernde Rede gegen sie und verwarnt Alle vor dem Besitz und der Benutzung derselben, weil sie die ganze traditionelle Auslegung der H. Schrift gefährde. Zur Unterstützung seiner Anklage wußte er jedoch nur eine Stelle (3. Mos. 19, 17.) anzuführen. Man hat sehr oft aus jenen Schritten gegen die Pentateuchübersetzung Mendelssohns die Feinfühligkeit der Orthodoxie gefolgert, welche in dieser den Anfang einer Umwandlung der jüdischen Glaubensansichten vorhergesehen. Es ist dies aber gerade so, wie Biele diese Uebersetzung als die wirkliche Quelle der ganzen folgenden Entwickelung im Judenthum ansehen wollen. Beides ist übertrieben; schon längst hatte eine Culturbewegung unter den Juden stattgefunden, und sich schon mehrfach fühlbar gemacht. Die Pentateuchübersetzung Mendelssohn's war ein Ausfluß derselben und fand deshalb an vielen Orten sehr günstige Aufnahme. Dies war für die Orthodoxie eine Gelegenheit, sich entschieden gegen diese aufkeimende Richtung zu äußern. Herrn vr. Horovitz sind wir auch für dieses Heft recht sehr verbunden und erwarten für das nächste Jahr die Fortsetzung. — Wir begrüßen mit Anerkennung das Erscheinen einer Schrift aus dem Nachlasse des sel. Rabbiners vr. Leopold Stein: „Morgenländische Bilder in abendländischem Rahmen. Talmudische Parabeln, Gleichnisse und Erzählungen, ausgewählt und metrisch wiedergegeben." (Frankfurt a. M. Auffarth, 1885.) Der selige Stein hatte diese Sammlung bereits druckfertig gemacht und mit einem Vorwort versehen im Jahre 1879. Man kann sie als unmittelbar von ihm zur Veröffentlichung bestimmt ansehen, und sicherlich ist sie werth, der Leserwelt übergeben zu sein und aufrichtig empfohlen zu werden. Der Herausgeber hat „biographische Vorbemerkungen" vorangeschickt, die jedoch eine sorgfältiger und ausführlicher geschriebene Biographie nicht unnöthig machen würden. So z. B. übergehen sie die ausgezeichnete Leitung der zweiten Rabbinerversammlung, die 1845 unter Stein's Vorsitz stattgefunden und in welcher er ebenso viel Geschick wie Beredsamkeit entwickelte, ganz mit Stillschweigen. Was die vorliegende Sammlung betrifft, so müssen wir bei ihr auf zweierlei verzichten: zuerst daß wir in ihr irgend neue Funde aus den Schachten und Schichten des Talmuds und Midrasch antreffen; vielmehr werden uns nur in neuer Bearbeitung alte befreundete Stoffe geboten, die uns bereits bei Jakob Weill „Fragmente aus dem Talmud und den Rabbinen" (Frankfurt, 1811 und 12), bei Michael Sachs „Stimmen vom Jordan und Euphrat" (Berlin 1853), dann in den bekannten rabbinischen Anthologien von Fürstenthal (Breslau, 1834) und Leopold Dukes (Leipzig, 1844) und zuletzt bei Giuseppi Levi (Firenze, 1861) begegneten. Alsdann werden wir bei Stein jene Gedrungenheit der Erzählung und die epigrammatische Form und Pointe der Kernsprüche vermissen, welche in den Originalen so meisterhaft ausgeführt sind. Stein arbeitet vielmehr ins Breite, oft allzu sehr, hier und da auch ins Tiefe, wenn er in der Erzählung den leitenden Gedanken auffucht und in scharfsinniger Weise findet. Er schmückt die Darstellung mit poetischen Bildern und Schilderungen aus, bisweilen auch mit glücklichem Humor. Er wird hierdurch für den modernen Leser, der die Detailschilderungen liebt und bei dem, was ihn intereffirt, gern länger verweilt, anziehend. Jedoch verliert die talmudische Fabel dadurch an Originalität und ursprünglichem Charakter und die trefflichen Kernsprüche, die ebenso kernhaft wiederzugeben Stein nicht gelingt, verfehlen den Eindruck, durch welchen sie in der Seele haften bleiben und im Laufe des Lebens bei Gelegenheit rath- und maßgebend hervortreten. Jedenfalls ist das Buch eine willkommene Gabe, welche den Familienvätern für das Haus und die Jugend ernstlich zu empfehlen ist.

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