Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 17 (21.4.1885)
- Date
- 1885-04-21
- Page
- Seite 270 (sequence 6)
- Language
- German
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270 chen, an einen durchaus fremdartigen Satzbau, an eine ganz undeutsche Abwandlung und Biegung des Wortes, an eine durchweg willkürliche Anwendung der Berhältnißwörter, kurz was bei Jedem noch deutsch war zur Zeit eines Trimberg,! war jetzt in jeder Beziehung so entartet, daß der Jude! deutsche Bücher nicht verstand, und was dem nieder» Volke! und den Frauen dargeboten ward, in dieser Mischsprache! verfaßt und mit hebräischer Schrift gedruckt sein mußte, um! Leser zu finden. Die Jugend wurde auch vor Kenntniß des Deutschen, als zum Abfall führend, möglichst bewahrt; aller! Unterricht beschränkte fich in früherer Kindheit auf hebräisch Lesen und Schreiben, Uebersetzen der Gebete und der mosaischen Bücher, selten ward auch etwas aus den Propheten und bisweilen die Elemente des Rechnens gelehrt, Mädchen wurden frühzeitig aller Schule entzogen, Knaben traten theils in den Kleinhandel, theils in die Rabbinerschulen ein. Hätten nicht die Religionsübung und die damit verbundenen Formeln und Belehrungen viele Bruchstücke der heiligen Schriften in dem Gedächtnisse täglich und festtäglich aufgefrischt, es wäre das wenige Wissen von Religion gänzlich in Vergessenheit gerathen, und es schwand auch großentheils dennoch aus der Erinnerung. Die beim Volke umlaufenden Erbauungsbücher würzten ihre Lehren durch geschmacklose Darstellung oft der schönsten Erzählungen aus dem Midrasch, in sehr wenig entsprechender Auswahl, und drückten der Volkssprache gewissermaßen das Siegel der Heiligkeit auf; sie war die Gerichtssprache und die Gebetsprache; sie war der Ausdruck des Sittenpredigers, wenn er nicht hebräisch sprach, der des! Redners bei der Leiche oder bei einer Gedächtnißfeier. Die hebräische Sprache litt bei den Gelehrtere» nicht minder.! Sie wurde nur eben zur Anwendung bei Schulerörterungen durch den Gebrauch erlernt und dieser hatte frühzeitig viel! Fremdes eingemengt und neue Formen gebildet, ein Hebräisch,; welches der Sprache der heiligen Schrift nicht mehr ähnlich sah. Selten wendete Einer Fleiß auf eigentliche Kenntniß der i alten Sprache. Die Talmudisten fanden reiche Quellen vor, um für alle ihre Schriften die nöthigen Ausdrücke sich anzueignen: hatte ein Geist zum Dichten Talent, so richtete er sich nach reimenden und Bibelverse an eineinder fügenden Vorbildern, ohne auf innere Bindung zu sehen, wenn nur Anspielungen auf Bibelstellen und witzige Anwendungen schlagender Begriffe aus der jüdischen Welt das Ganze belebten. Bon wahrer Dichtung, außer bisweilen in erhabenen Gebeten, fast keine Spur. Geistesübungen in der Volkssprache waren wo möglich noch abgeschmackter, leere Reimereien, Poffenreißerwitze und Spiele." „Die Rabbiner waren durchweg nur Gemeindebeamte, theils um Gewiffensfragen zu beantworten, theils um Akte in gesetzlicher Weise zu vollziehen, theils um junge Leute im Talmud und dessen Verzweigungen zu unterrichten. Man nahm sie nur auf Zeit an und wechselte nach Umständen. Macht hatten sie gar nicht, hier und da einigen Einfluß auf die Vorsteher, jedoch erstreckte sich dieser im Allgemeinen nur auf Bedienstete oder abhängige Beisassen." — So war die Masse beschaffen. Aus ihr heben fich während des ganzen 18. Jahrhunderts nur zwei Erscheinungen charakteristisch ab: El iah von Wilna, der Fromme genannt, und Jonathan Eibeschütz. In dem Ersteren (geb. 1720, gest. 1797) stellt sich fast zum letzten Male die Verklärung des reinen Talmudismus dar. Mit großen Geistesgaben ausgerüstet, beherrschte er seit seinem 13. Lebensjahre das ganze talmudisch-rabbinische und kabbalistische Gebiet, und wurde schon als junger Mann das Orakel aller nahen und entfernten Rabbinen. Er trat in seiner Gemeinde als Lehrer auf und strömten ihm von allen Seiten wißbegierige Jünger und selbst anerkannte Männer zu. Er lehnte, um unabhängig zu bleiben, jedes Amt, jedes Honorar und Geschenk ab. Bon erheirathetem Vermögen lebend, verbrachte er sein ganzes Leben in seinem Studirzimmer und im Lehrhause, in asketischer Frömmigkeit, alle weltlichen Freuden fliehend, bei äußerst wenig Schlaf und geringer Nahrung. Sein klarer Geist verwarf die polnische Lehrweise, forderte vor Allem Einführung der Knaben in die h. Schriften mit sorgfältiger Beachtung der Sprachgesetze und dann erst in die! rabbinischen alten Werke; Spitzfindigkeiten und Phantastereien hielt er für verderblich nnd nur die Allegorie ließ er zu, um dichterischen Sinn und Gefühl zu wecken. Er verfaßte einige Schriften, veröffentlichte aber keine, so daß sie erst nach seinem Tode vereinzelt erschienen, und auch diese find meistens nur Bearbeitungen seiner mündlichen Lehren von zuverlässigen Schälern. Seit 1760 hatte er nichts geschrieben. Sicherlich hätte R. Eliah in einer früheren Epoche eine große Wirksamkeit geübt und sein Geist hätte sich vielleicht zu Schöpfungen erhoben. In diesem Jahrhundert vermochte er zu einem durchdringenden Einflüsse nicht zu gelangen und so wenig er die Gesammtheit der Rabbinen mit neuem Geiste zu befruchten vermochte, ebenso wenig leistete er irgend welchen Dienst gegen die Verbreitung des Chassidismus, gegen welchen er sich nur zurückweisend verhielt, ohne das Wesen und die Grundsätze desselben zu bekämpfen. Charakteristisch ist, daß nach seinem Tode die Gemeinde ein strenges Verbot erließ, sich auf seinen Namen irgend zu berufen, wofern nicht * schriftliche Zeugnisse die Wahrheit bekundeten. Man machte! ihn also gewissermaßen mundtodt. Nur kurze Zeit hatte sein j Licht durch den Nebel seiner Epoche geschimmert. — Eine! größere Aufmerksamkeit zieht die andere von uns erwähnte Persönlichkeit auf sich, Rabbi Jonathan Eibeschütz, weil er von der einzigen Bewegung berührt war, welche in dem Judenthum des 18. Jahrhunderts einige Wellenschläge hervorgebracht hatte. (Schluß folgt.)