Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 17 (21.4.1885)
- Date
- 1885-04-21
- Page
- Seite 269 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3227555-3227573--42566-3311130- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
269 im Jahre 160 vor d. gew. Zeitr. gründeten, und zwar mit! dem ganzen Apparat des israelitischen Opfercultus und wclchen Bespasian im Jahre 73 nach der gew. Zeitr. — also nach 233 jährigem Bestände schließen ließ, weil er die egyptischen Juden dieses religiösen Mittelpunktes berauben wollte, völlig mit Stillschweigen übergeht. Derselbe charakterisirte doch auch die Tendenz der Denationalisirung in Verbindung mit dem Streben nach Erhaltung der Religion. (Fortsetzung folgt.) Das Iudenthum im 18. Jahrhundert. i. Auf allen Gebieten und in allen Erscheinungen des Lebens findet in unsrer Zeit eine rasch pulsirende Bewegung, ein ungewöhnliches Fortschreiten statt, welches, schon wenn wir auf die Zustände am Anfänge unsres Jahrhunderts zurückblicken, wahrhaftes Erstaunen zu erregen vermag. Meist kann man sagen, daß, im politischen, socialen und besonders wifienschaftlichen Leben geradezu eine Umwälzung, im Wesen und in den Tendenzen eine völlige Umgestaltung stattgefunden hat. Auch innerhalb des Judenthums ist dies der Fall. Rasch hat sich das Culturleben der bis dahin so trägen jüdischen Masse bemächtigt, hat hiermit ihre Existenzbedingungen ganz und gar umgewandclt, hat schon deshalb eine Veränderung der Lebensnormen, eine Lockerung der überkommenen Satzungen herbeigeführt; dazu ein geistiges Erwachen im religiösen Leben selbst, Regsamkeit und Aufschwung in der Auffassung des Lehr- und Gedankeninhalts des Judenthums eine neubelebte Literatur, die wissenschaftliche Bearbeitung, das Bedürfnis nach veredeltem Gottesdienste und nach Auffrischung aller Gemeindeinstitutioncn. Wenn man nach den Gründen und Ursachen dieser großen Veränderungen in der Allgemeinheit und so auch im Judcnthumc sucht, so verschafft es mannigfache Erklärung, wenn man auf den Stillstand, auf die Stabilität blickt, welche das 18. Jahrhundert charakterisirt. In den Tiefen des menschheitlichcn Geistes bereitete sich allerdings eine Zukunft der Veränderungen und Umgestaltungen vor. Theoretisch ging das Wehen eines neuen, das Bestehende umwandelnden Geistes durch die Menschheit, drang aber nicht durch die starre Kruste, welche die Oberfläche des Lebens fest cinschloß. Man braucht z. B. nur die Werke eines Friedrich des Großen zu lesen, wie in seiner Seele die Idee der Freiheit, einer freieren geistigen Bewegung lebte, und doch zu sehen, wie er in seiner Regierungsweise nicht einen Zoll breit vom aufgeklärten Despotismus und seiner persönlichen Omnipotcnz abwich, um zu begreifen, welche Starrheit in allen Lebensverhältnissen bestand und wie sich dennoch tief unten eine frische, freie schöpferische Kraft entfaltete, die zuletzt durchbrechen und in einer neuen Zeit die Herrschaft erlangen mußte. Im Judenthume nun ist von diesem neuen Geiste im vorigen Jahrhundert nichts zu bemerken, und selbst Mendelssohn ist eben nur als ein Wegweiser zu der neuen Aera zu betrachten. Dieses 18. Jahrhundert war für das Judenthum eine Zeit trostloser Erstarrung, völliger Verödung des'Geistes, wie kaum ein früheres Säculum. Keine bedeutsame Erscheinung unterbrach die Vereinsamung, kein Sonnenstrahl den dichten Nebel. Es war wie eine Frage: waltet in diesem verknöcherten Judenthume noch eine Lebenskraft, welche verjüngend und erneuernd dasselbe zu einer umgestalteten Daseinsphase zu erwecken vermag, oder ist sie erloschen und vermag nicht wieder aus den Fesseln des Todes sich zu erlösen? Es war dies eine Existenzfrage und das 19. Jahrhundert hat sie beantwortet. Dies ist schon öfter gesagt worden und verdient deshalb einmal eine ausführlichere Betrachtung. Eine zutreffende Schilderung giebt Jost in seiner objektiv wissenschaftlichen „Geschichte des Judenthums und seiner Sekten" (Leipzig, Dörffling u. Franke 1859) Bd. III. S. 208: „Von der bürgerlichen Gesellschaft durchweg ausgeschlossen, zusammengedrängt in engen Judcngaffen, waren sie selbst körperlich vernachlässigt, und unterschieden sich immer mehr von allen freicrn Mitbürgern durch ihre äußere Erscheinung; es hätte der Spitzhüte, der gelben Ringe und anderer ihnen aufgehefteten Schandflecke nicht bedurft, um sie dem Uebermuthe bloßzustellen. Je öfter sie von diesem zu leiden! hatten, desto zaghafter zogen sie sich in sich selbst zurück, i Trost und Hoffnung nur in ihren Religionsübungen und in | Religionsbüchern, sowie im engen Familienkreise findend, be- I friedigt, wenn es ihnen gelang, bald durch Leihgeschäfte, bald durch Handel mit alten Waaren und Hausir-Artikeln den Lebensbedarf herbeizuschaffen, was häufig nur unter Erniedrigungen und Entbehrungen aller Art ermöglicht wurde. Diese i Abgeschiedenheit bewirkte gleichzeitig eine gänzliche Verderbj uitf ihres sprachlichen Ausdrucks, welcher immer weiter zu einer eigenthümlichen Mundart sich bildete, zumal die hochdeutsche Sprache fortschritt, sie dagegen, wo ihnen der Ausdruck! mangelte, ihn durch hebräische Wörter ersetzten, welche sich sogar deutschen Formen fügen mußten. So entstand ein allem Ge- ^schmack hohnsprechendes Wortgemisch, ein Grund mehr zum ’ Spott und zu traurigen Neckereien. Das Uebel ward noch; verstärkt durch den Einfluß ausländischer Lehrer, Vorsänger, Rabbiner und Gemeindebeamtcn, wozu man fast überall nur j cinwandernde Polen verwenden konnte, die, in der Heimath i ohne Nahrung, dergleichen Beschäftigungen für geringen Sold! übernahmen. Durch sie mengten sich noch slavische Elemente! in die schon entstellte deutsche Sprache, durch sie gewöhnte [ficf) die Jugend an einen widerwärtigen Gesang beim Spre-