Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 17 (21.4.1885)
- Date
- 1885-04-21
- Page
- Seite 268 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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268 ginnen überall in höflicher Weise vor die Thüre gesetzt hatten, paßte für die Genesis ebenso gut und ebenso schlecht wie für die Götter der Ilias; wenn Moses mit Abraham eigentlich den Verstand, mit Sarah die Tugend, mit Noah die Gerechtigkeit gemeint hatte, wenn die vier Ströme bc§( Paradieses die vier Cardinaltngenden waren, so konnte der > aufgeklärteste Hellene an die Thora glauben. Aber eine Macht war dies Pseudo-Judenthum auch, und der geistige Primat der Judenschaft Aegyptens tritt vor allem darin hervor, daß diese Richtung vorzugsweise ihre Vertreter in Alexandreia gefunden hat." —! Was hier Mommsen über die alexandrinisch-jüdische Philosophie sagt, ist durchaus einseitig. Wenn er die Methode des Midrasch gekannt hatte, würde er sich vor solchen Uebertreibungen gehütet haben. Die alexandrinische Philosophie hält neben der fteien allegorischen Deutung die Aktualität des Bibelwortes und insonders des Gesetzes nachdrücklich > fest. Das Auffälligste ist, daß dies Mommsen selbst aner-! kennen muß und dies im folgenden Absatz klar und bestimmt! ausspricht, also mit seiner obigen Darstellung in vollen Widerspruch tritt. Er fährt nämlich fort: „Trotz der innerlichen Scheidung, welche bei den palästinensischen Juden sich vollzogen und nur zu oft geradezu zum Bürgerkriege gesteigert hatte, trotz der Versprengung eines großen Theils der Judenschaft in das Ausland, trotz des Eindringens fremder Massen in dieselbe und sogar des destrukliven hellenischen Elements in ihren innersten Kern blieb die Gesammtheit der Juden in einer Weise vereinigt, für welche in der Gegenwart nur etwa der Batican und die Kaaba eine gewisse Analogie bieten. Das j heilige Salem blieb die Fahne, Zions Tempel das Palladium! der gesammten Judeuschast, mochten sie den Römern oder den j Parthern gehorchen, aramäisch oder griechisch reden, ja an den alten Jahve glauben oder an den neuen, der keiner war. (?!)! Daß der Schirmherr dem geistlichen Oberhaupt der Juden! eine gewisse weltliche Macht zugestanden hatte, bedeutete für 5 die Judenschaft ebenso viel, der geringe Umfang dieser Macht' ebenso wenig, wie seiner Zeit für die Katholiken der sogenannte Kirchenstaat. Jedes Mitglied einer jüdischen Gemeinde hatte jährlich nach Jerusalem ein Didrachmon als Tempelschoß zu entrichten, welcher regelmäßiger einging als die Staatssteuern; jedes war verpflichtet, wenigstens einmal in seinem Leben dem Jehovah persönlich an dem Orte zu opfern, der ihm allein in der Welt wohlgefällig war. Die theologische Wisienschaft war gemeinschaftlich; die babylonischen und alexandrinischen Rabbiner haben daran sich nicht minder betheiligt wie die von Jerusalem. Das unvergleichlich zähe Gefühl der nationalen Zusammengehörigkeit, wie es in der rückkehrenden Exulantengemeinde sich festgesetzt und dann jene Sonderstellung der Juden in der Griechenwelt mit durchgesetzt hatte, behauptete sich trotz Zerstreuung und Spaltung. Am bemerkenswerthesten ist das Fortleben des Judenthums selbst in den davon in der inneren Religion losgelösten Kreisen. Der namhafteste, für uns der einzige deutlich greifbare Vertreter dieser Richtung in der Literatur, Philon, einer der vornehmsten und reichsten Juden aus der Zeit des Tiberius, steht in der That zu seiner Landesreligion nicht viel anders als Cicero zu der römischen; aber er selbst glaubte nicht sie aufzulösen, sondern sie zu erfüllen. Auch ihm ist wie jedem anderen Inden Moses die Quelle aller Wahrheit, seine geschriebene Weisung bindendes Gesetz, seine Empfindung Ehrfurcht und Gläubigkeit. Es ist dies sublimirte Judenthum dem sogcnanten Götterglauben der Stoa doch nicht völlig identisch. Die Körperlichkeit des Gottes verschwindet für Philon, aber die Persönlichkeit nicht, und es mißlingt ihm vollständig, was das Wesen der hellenischen Philosophie ist, die Göttlichkeit in die Menschenbrust zu verlegen; es bleibt die Anschauung, daß der sündhafte Mensch abhänge von einem vollkommenen außer und über ihm stehenden Wesen. Ebenso fügt das neue Judenthum sich dem nationalen Ritual-! gesetz weit unbedingter als das neue Heidenthum. Der Kampf jt>e£ alten und des neuen Glaubens ist in dem jüdischen! Kreise deswegen von anderer Art als in dem heidnischen,! weil der Einsatz ein größerer war; das reformirte Heidenj thum streitet nun gegen den alten Glauben, das reformirte Judenthum würde in seiner letzten Consequenz ras Bolksthum aufheben, welches in dem lleberfluthen des Hellenismus mit der Verflüchtigung des Landesglaubens nothwendig verschwand, und scheut deshalb davor zurück, diese Consequenz zu ziehen. Daher ist auf griechischem Boden und in griechischer Sprache, wenn nicht das Wesen, doch die Form des alten Glaubens mit beispielloser Hartnäckigkeit festgehalten und vertheidigt worden, vertheidigt auch von denen, die im Wesen vor dem Hellenismus capituliren. Philon selbst hat, wie weiterhin erzählt werden soll, für die Sache der Juden gestritten und gelitten. Darum aber hat auch die hellenistische Richtung im Judenthum auf dieses selbst nie übermächtig eingewirkt, niemals vermocht, dem nationalen Judcuthum | entgegenzutreten, kaum dessen Fanatismus zu mildern und! die Verkehrtheiten und Frevel desselben zu hemmen. In allen wesentlichen Dingen, insbesondere dem Druck und der Verfolgung gegenüber verschwinden die Differenzen des Judenthums, und wie unbedeutend der Rabbinerstaat war, die reli ' giöse Gemeinschaft, der er Vorstand, war eine ansehnliche, I unter Umständen eine furchtbare Macht." — I Mit den Schlußworten dieses Absatzes giebt Mommsen ^nun doch zu, daß es „eine religiöse Gemeinschaft" war, welche die Juden in der Diaspora verband. Immerhin bemerkenswerth ist es, daß Mommsen den Tempel zu Helio-! polis, welchen die alexandrinischen Juden unter Philometer r *