Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 17 (21.4.1885)
- Date
- 1885-04-21
- Page
- Seite 267 (sequence 3)
- Language
- German
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267 Hiergegen nun richteten sich jene Schriften, um das Dunkel! zu verscheuchen, das für die Griechen und Römer das Juden-! thum verhüllte. Aber selbst die eigentliche Gottesanschauung des Judenthums blieb vielen Geistern, und zwar nicht den schwächsten, ein Räthsel. Fand doch selbst ein Mann wie Tacitus es lächerlich, daß die Juden „eine einzige böchste ewige und unveränderliche Gottheit" anbeteten! Was nun das Proselytenwesen anbetrifft, ohne uns in diesen viel veniilirten Gegenstand näher einzulaffen, so war man zu der Zeit, welche Mommsen hier bespricht, allerdings wohl nachsichtiger als später. Es wurde ein Unterschied gemacht zwischen p-ns i:, der das Judenthum vollständig annahm, und dem itr.n der dem Götzendienste entsagte und nur die sieben noachidischen Gebote annahm. Aber später mußten sich die Nachtheile solcher Halbjuden Herausstellen, indenr durch ihren Uebertritt theils der Unwille der Nichtjuden hervorgerufen, theils das Beispiel von Nichtbefolgung des Gesetzes gegeben wurde. Man erschwerte deshalb den Ueberj tritt. In Jebam. 47, 1 heißt es: „In dieser Zeit, wenn^ Jemand kommt, um Proselyt zu werden, frägt man ihn um den Grund seines Verlangens und macht ihn aufmerksam auf die Unterdrückung, der Israel unterworfen ist." „In! dieser Zeit" bekundet, daß es es früher nicht der Fall ge-\ wesen. Man erklärte den für keinen Proselyten, der sich! nicht der Beschneidung und der Untertauchung unterzogen hatte, und dies vor einem Collegium von drei Gelehrten. Ja, man erklärte die Proselyten für eine Last für Israel (Nid. 13, 2.), und zwar aus den oben angeführten Gründen. Was den Uebertritt des Herrscherhauses von Adiabene betrifft, so haben wir in einem früheren Aufsatze gezeigt, daß hiermit nicht der Uebertritt des Volkes und namentlich der Großen jenes kleinen Reiches verbunden war. Etwa wie der Uebertritt des sächsischen Kurfürstenhauses zum Katholicismus, jedoch ohne ein Motiv, wie es bei diesem letzteren der Fall war. — Mommsen fährt fort: „Diese Verpflanzung des Judenthums auf den hellenischen Boden, unter Aneignung einer fremden Sprache, vollzog sich, wie sehr sie auch unter Fesihaltung der nationalen Individualität stattfand, nicht ohne in dem Judenthum selbst eine seinem Wesen zuwiderlaufende Tendenz zu entwickeln und bis zu einem gewissen Grad dasselbe zu denationalisiren. Wie mächtig die inmitten der Griechen lebenden Judenschaften von den Wellen des griechischen Geisteslebens erfaßt wurden, davon trägt die Literatur des letzten Jahrhunderts vor und des ersten nach Christi Geburt die Spuren. Sie ist getränkt von jüdischen Elementen und es sind mit die hellsten Köpfe und die geistreichsten Denker, welche entweder als Hellenen in das jüdische oder als Juden in das hellenische Wesen den Eingang suchen. Nikolaos von Damaskus, selber ein Heide und ein namhafter Vertreter der aristotelischen Philosophie, führte nicht bloß als Literat und Diplomat des Königs Hcrodes bei Agrippa wie bei Augustus die Sache feines jüdischen Patrons und der Juden, sondern es zeigt auch seine historische Schriftstellerei einen sehr ernstlichen und für jene Epoche bedeutenden Versuch, den Orient in den Kreis der occidentalischen Forschung hineinzuziehen, während die noch erhaltene Schilderung der Jugendjahre des ihm auch persönlich nahe getretenen Kaisers Augustus ein denkwürdiges Zeugniß der Liebe und Verehrung ist, welche der römische Herrscher in der griechischen Welt fand. Die Abhandlung vom Erhabenen, geschrieben in der ersten Kaiserzeit von einem unbekannten Verfasser, eine der feinsten, uns aus dem Alterthum erhaltenen ästhetischen Arbeiten, rührt sicher, wenn nicht von einem Juden, so doch von einem Mann her, der Homeros und Moses gleichmäßig verehrte'). Eine andere, ebenfalls anonyme Schrift über das Weltganze, gleichfalls ein in seiner Art achtbarer Versuch, die Lehre des Aristoteles mit der der Stoa zu verschmelzen, ist vielleicht auch von einem Juden geschrieben, sicher dem angesehensten und höchst gcstellten Juden der neronischen Zeit, dem Generalstabschef des Corbulo und des Titus, Tiberius Alexandras gewidmet2). Am deutlichsten tritt uns die Vermählung der beiden Geisteswelten entgegen in der jüdisch-alexandrinischenPhilosophie, dem schärfsten nnd greifbarsten Ausdruck einer das Wesen des Judenthums nicht bloß ergreifenden, sondern auch angreifendcn religiösen Bewegung. Die hellenische Geistesentwickelung lag im Kampf mit den nationalen Religionen aller Art, indem sie deren Anschauungen entweder negirte oder auch mit anderem Inhalt erfüllte, die bisherigen Götter ans den Gemüthern der Menschen austrieb und auf die leeren Plätze entweder nichts setzte oder die Gestirne und abstrakte Begriffe. Diese Angriffe trafen auch die Religion der Juden. Es bildete sich ein Neujudenthum hellenischer Bildung, das mit Jehovah nicht ganz so arg, aber doch nicht viel anders verfuhr als die gebildeten Griechen und Römer mit Zeus und Jupiter. Das Universalmittel der sogenannten allegorischen Deutung, wodurch insbesondere die Philosophen der Stoa die heidnischen Landesreli- 1) Diese Abhandlung wird dem Longinus zugeschrieben, welcher aber erst um 250 nach der gew. Zeitr. gelehrt hat. S. über die Abhandlung und die darin ausgesprochene Verehrung Moses' unser Israelitisches Predigt- und Schulmagazin 2. Auflage. S. 371 ff. Redaktion. 2) Dieser Tiberius Julius Alexander, ein alexandrinischer Jude, hat in den letzten Jahren Neros die Statthalterschaft in Egypten geführt. Wie Mommsen aus einer Abhandlung Bernays' bemerkt, gehörte ec einer sehr reichen und vornehmen, selbst mit dem kaiserlichen Hause verschwägerten Familie an und harte im Partherkriege als , Generalstabschef Corbulo's sich ausgezeichnet, welche Stellung er bald nachher in dem jüdischen Kriege des Titus abermals übernahm. Ec muß einer der tüchtigsten Offiziere dieser Epoche gewesen sein. Hieraus geht also hervor, daß die Juden sich dem Kriegsdienste durchaus nicht so entzogen, wie Mommsen an mehreren Stellen behauptet. > Dieser Offizier diente also dem Titus gegen seine Glaubens- und Stammesgenoffen, was auch nicht unbeachtet gelassen werden darf. Redaktion. 17’