Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 17 (21.4.1885)
- Date
- 1885-04-21
- Page
- Seite 266 (sequence 2)
- Language
- German
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266 ständige Gemeinde. Es geschah dies, weil die Juden eine der artige specifische Jurisdiction als durch ihre Nationalität oder, was auf dasselbe hinauskommt, ihre Religion gefordert, bezeichneten. Weiter nahmen die allgemeinen staatlichen Ordnungen auf die nationalreligiösen Bedenken der Juden in ausgedehntem Umfang Rücksicht und halfen nach Möglichkeit durch Exemptionen aus. Das Zusammenwohnen trat wenigstens häufig hinzu; in Alexandreia zum Beispiel waren von den fünf Stadtquartieren zwei vorwiegend von Juden bewohnt. Es scheint dies nicht das Ghettosystem gewesen zu sein, sondern eher ein durch die anfängliche Ansiedluug begründetes und dann von beiden Seiten festgehaltenes Herkommen, wodurch nachbarlichen Conflikten einigermaßen vorgebeugt ward." „So kamen die Juden dazu bei der makedonischen Hellenisirung des Orients eine hervorragende Rolle zu spielen; ihre Gefügigkeit und Brauchbarkeit einerseits, ihre unnachgiebige Zähigkeit andererseits müsien die sehr realistischen Staatsmänner, die diese Wege wiesen, bestimmt haben sich zu solchen Einrichtungen zu entschließen. Nichts desto weniger bleibt die außerordentliche Ausdehnung und Bedeutung der jüdischen Diaspora gegenüber der engen und geringen Heimath wie einerseits eine Thatsache, so andererseits ein Problem. Man wird dabei nicht übersehen dürfen, daß die palästinensischen Juden für die des Auslandes nicht mehr als den Kern geliefert haben. Das Judenthum der älteren Zeit ist nichts weniger als exclusiv, vielmehr von misfionarem Eifer nicht minder durchdrungen wie späterhin das Christenthum und der Islam. Das Evangelium weiß von den Rabbis, welche Meer und Land durchziehen, um einen Proselyten zu machen; die Zulassung der halben Proselyten, denen die Beschneidung nicht zugemuthet, aber dennoch eine religiöse Gemeinschaft gewährt wird, ist ein Zeugniß dieses Bekehrungseifers wie zu gleicher Zeit eines seiner wirksamsten Mittel. Motive sehr verschiedener Art kamen dieser Propaganda zu Statten. Die bürgerlichen Privilegien, welche die Lagiden und die Seleukiden den Juden ertheilten, müsien eine große Zahl nichtjüdischer Orientalen und Halbhellenen veranlaßt haben sich in den Neustädten der privilegirten Categorie der Nichtbürger anzuschließen. In späterer Zeit kam der Verfall des traditionellen Landesglaubens der jüdischen Propaganda entgegen. Zahlreiche Personen, besonders der gebildeten Stände, deren gläubige und sittliche Empfindung von dem, was die Griechen und noch mehr von dem was die Aegyptier Religion nannten, sich schaudernd oder spottend abwandte, suchten Zuflucht in der einfacheren und reineren, der Vielgötterei und dem Bilderdienst absagenden jüdischen Lehre, welche den aus dem Niederschlag der philosophischen Entwickelung den gebildeten und halbgebildeten Kreisen zugeführten religiösen Anschauungen weit entgegenkam. Es giebt ein merkwürdiges griechisches Moralgedicht wahrscheinlich aus der späteren Epoche der römischen Republik, welches aus den mosaischen Büchern in der Weise geschöpft ist, daß es die monotheistische Lehre und das allgemeine Sittengesetz aufnimmt, aber alles dem Nichtjuden Anstößige und alle unmittelbare Opposition gegen die herrschende Religion vermeidet, offenbar bestimmt für dies denationalisirte Judenthum weitere Kreise zu gewinnen. Insbesondere die Frauen wandten sich mit Vorliebe dem jüdischen Glauben zu. Als die Behörden von Damaskus im Jahre 66 die gefangenen Juden umzubringen beschlossen, wurde verabredet diesen Beschluß geheim zu halten, damit die den Juden ergebene weibliche Bevölkerung nicht die Ausführung verhindere. Sogar im Occident, wo die gebildeten Kreise sonst dem jüdischen Wesen abgeneigt waren, machten vornehme Damen schon früh eine Ausnahme; die aus edlem Geschlecht entsprossene Gemahlin Neros Poppaea Sabina war, wie durch andere minder ehrbare Dinge, so auch stadtkundig durch ihren frommen Judenglauben und ihr eifriges Judenprotektorat. Förmliche Ncbertritte zum Judenthum kamen nicht selten vor; das Königshaus von Adiabene zum Beispiel, König Jzates und seine Mutter Helena, sowie sein Bruder und Nachfolger, wurden in der Zeit des Tiberius und des Claudius in aller Form Juden. Sicher gilt von allen jenen Judenschaften, was an der antiocheischen ausdrücklich bemerkt wird, daß sie zum großen Theil aus Uebergetreteuen bestanden." — Wenn diese Darstellung auch im Allgemeinen richtig ist, so ist doch die Hinneigung vieler gebildeten Griechen und Römer zum Fudenthume nicht mit Mommsen als »ein Zeugniß des jüdischen Bekehrungs eifers" anzusehen. Diese, doch nur halb für das Judenthum zu gewinnenden Proselyten konnten gar nicht abgewieseu werden und drängten sich mehr dem Judenthume auf, als dieses ihnen. An mehreren Stellen des Talmuds wird von d. h. „Proselyten, die sich aufdrängen" gesprochen, i so wie vom -pir der nur Gewinnes halber zum Judenthume Übertritt. Schriften, welche nur den dogmatischen und ethischen Lehrinhalt des Judenthums, ohne das Gesetz zu berühren, darstellten, wurden nicht, wie Mommsen meint, um Proselyten zu machen, verfaßt, sondern um das Judenthunr zu vertheidigen und ihm Achtung zu verschaffen. Man erinnere sich der theils lächerlichen, theils verleumderischen Fabeln und Borurtheile, welche bei Griechen und Römern über Judenthum und Juden vorherrschten und angestrengt verbreitet wurden. Die Unkenntniß des Judenthums war in jenen Zeiten allgemein; aber ein Urtheil, d. h. eine Berurtheilung maßte sich, wie dies ja noch heute geschieht. Jedermann an. Man faßte nur einige auffällige Momente aus dem Leben der Juden auf, namentlich den Sabbath, die Beschneidung und das Nichtesien des Schweinefleisches, und hielt diese für die eigentlichen Grundsätze des Judenthums. Man glaubte sogar, daß die Inden am Sabbath fasteten. 7 2 »