Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 16 (14.4.1885)
- Date
- 1885-04-14
- Page
- Seite 261 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3227555-3227572--42557-3311120- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
261 nun einmal öffentliche Persönlichkeit; er kann über Alles und noch Etliches befragt, ebensoviel kann ihm mitgetheilt werden, Rücksicht braucht man auf ihn nicht zu nehmen und er selbst — besitzt Anstand genug, den Zudringlichen nicht zurückzuweisen. Es war in meinem ersten oder zweiten balneologischen Jahrgang, als ich — Einer unter Vielen — nach ärztlicher Anordnung den von Natur kalten Brunnen entgasen ließ, bevor ich ihn trank, und deshalb den gefüllten Becher fünf Minuten in warmes Waffer stellte, das zu diesem Zwecke neben der Quelle unterhalten wurde. Es war an einem Sabbath. und empfänglich sind, die mit verständigem Sinn über ihren eigenen Schaffenskreis Hinausblicken, aber auf dem Boden ihres Lebens, ihres Erwerbs und Betriebes jene edlen Blüthen der Bildung und wisfensreicheu Erfahrung gezeitigt haben, welche auch den in anderen Bahnen Wandelnden Bereicherung an Einsicht und Erkenntniß gewähren. Denn kein Stand und keine ehrliche Arbeit, welcher Art auch immer, ermangelt der bildenden Kraft und des versittlichenden Einfluffes auf weitere Kreise, und überaus hoch schlage ich den geistigen und sittlichen Erwerb an, welchen ich meinem Berkehr mit Da tauchte Jemand aus der Menge hervor und läßt hörbarj nicht fachgenösfischen Kreisen verdanke, den ich gern pflege, alle Codices und Responsen Revue passiren, um zu prüfen, Und bedarf es der Erwähnung, daß solche Personen in ungeob man zur Erwärmung des Brunnens am Sabbath rituell; zählter Menge im Badepublicum vorhanden sind, deren Umberechtigt wäre. Ich entsinne mich nicht mehr, zu welchem! gang Freude bereitet! Resultat der gelehrte Mann gekommen ist, aber ich habe es j Immerhin aber führen die Gesetze des gesellschaftlichen noch im Gedächtniß, daß er mir täglich zur Plage wurde; Lebens und innere Neigung meist zum Umgang mit Collegen und jedes Mal die vermeintlichen Schätze seines Wissens aus und Solchen, die ihnen durch eine gewisse Gemeinschaft des der Enge seines geistigen Behälters vor mir ausbreitete. Sie! Arbeitsfeldes nahe stehen, mit denen gleiche Interessen, gleiche meinen, ich hätte den Plagegeist weit von mir weisen sollen.! Ersahrungcn, gleiche Bildung, wenn auch nicht immer gleiche Schon recht; allein unweit Charybdis fließ! Scylla in Ge- Gesinnung und Anschauung uns verbinden. Fast immer traf stalt eines unerschöpflichen Fragekastens, zu dessen Beantwor-' ich mit mehreren derselben zusammen, und gern bewahre ich tung vier Wochen Kurzweil bei weitem nicht ausreichen. Er, dem bei Weitem größten Theil unter ihnen ein dankbares Gefragt nach Größe und Wohlstand meiner Gemeinde, nach j dächtniß für den anregenden, Geist und Seele erquickenden Umfang und Inhalt meiner Leistungen, nach der Höhe meines Verkehr, den wir mit einander hatten. Da knüpfte sich so Honorars, nach der Art meiner Anstellung, nach meiner Fa- J manches Band der Freundschaft, deren andauernde Pflege milic, nach meiner religiösen Richtung und Gesinnung, und! mich beglückt: dort wurden ehemalige in Studiengcmeinschaft was er heute zufällig nicht fragt, das kommt sicherlich morgen entstandene Bekanntschaften erneut; mit theuren, durch innige an die Reihe! Nein, da war mir der Gelehrte doch lieber, verwandtschaftliche Bande eng verknüpften Collegen lebte ich als der Neugierige. Man muß sich allerdings klar machen, j dort ein Paar Wochen in treuem licbeerfüllten Zusammendaß im Allgemeinen so etwas herkömmlich ist in einem moj sein. Nichts ist fruchtbringender für den denkenden Menschen, saikartig zusammengesetzten Publikum und daß es im Besonderen; als der gesellige Verkehr mit edlen, begabten, kenntnißreichen gewissen nationalen Neigungen entspricht, überall gegenwärtig! Genossen, die unmittelbar auf ihn einwirken und auch dazu sein und mitzuthun. Fast möchte ich glauben, daß cs unter; Gleichgiltige zu einer gewissen Höhe erheben können. Ich den Kurgästen eine Spezialität giebt, welche sich ans gewiffe habe das Glück eines solchen Umganges im Badeorte fast Anreden und Aufputzung ihrer Unterhaltung durch biblische immer empfunden, wissenschaftlich hochstehende Männer und und talmudische Citate vorbereitet, um diese im Badeorte bei hochgebildete Frauen standen mit mir und meiner Frau in dem Rabbiner — den man bestimmt antrifft — als Legitilebhaftem Verkehr, und am wenigsten darf ich dabei einer mationskarte oder richtiger als Passepartout-Billet zu benutzen. Anzahl Collegen und deren Frauen unerwähnt lassen, die ich So ist mir fast in jeder Saison, an welchem Orte auch ich zu denr festen Bestand meiner balneologischen Erinnerungen mich der Kur wegen befand, ein und derselbe Herr begegnet— zähle, auf welchen ich stolz bin. Wer von diesen sich nicht ein wohlhabender und wohlthätiger Private — der kaum jebewährt hat in Reinheit des Charakters, in Zuverlässigkeit mals einen Satz sprach, ohne ihn mit biblischen oder talmuseines religiösen Denkens und Handelns: ich habe ihn nicht dischen Stellen zu durchsetzen, dafür aber auch stets in der mehr im Gedächtniß, und er wird mir deshalb nicht zürnen. Gesellschaft der Rabbiner sich bewegte. Ich verhehle Ihnen Gut, daß Sie mich daran erinnert haben! Im Badenicht, daß solche Fälle häufig Vorkommen und in hohem Publikum bewegt sich so Mancher, dessen Umgang sehr inte- Grade geeignet sind. die Ruhe des Kuraufenthaltes, die restant ist und den man in gutem Glauben Pflegt, ohne eine Sammlung der Kräfte, die daheim in angespannter Thätig- Ahnung von der unsympathischen Eigenart der betreffenden keit gestanden haben und zu neuem Dienst sich stärken sollen, Person oder ihres Berufs zu haben. Allerdings ist es wahr, zu beeinträchtigen. Desto wohlthuender aber wirkt der Umdaß im Badepublikum sich Sendlinge befinden, mit dem ganz gang mit all' denen, welche in taktvoller Weise mittheilsam bestimmten Zwecke, jüdische Kurgäste von dem Boden ihres