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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1885-04-14 · Heft 16 (14.4.1885) · p. Seite 252

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
49 (1885)
Issue
Heft 16 (14.4.1885)
Date
1885-04-14
Page
Seite 252 (sequence 4)
Language
German
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252 Zwischen zwei religiösen Richtungen. Aber die sogenannte traditionelle Auslegung war die freiere, welche den veränderten Verhältnissen Rechnung tragen wollte und selbst davor nicht zurückschreckte, Vorschriften der Thora zu modifiziren und sogar aufzuheben. Hierin standen ihr eben die Sadducäer entgegen. Es ist bereits vielmals erwiesen worden, daß die Pharisäer vielmehr als Gegner der Priesterherrschaft, denn als Freunde derselben anerkannt werden müssen. Nach dem Untergange der Priesterschaft durch den Fall des Tempels trösteten sie sich deshalb über das Ende des OpfercultuS sehr bald und erklärten selbst das Gebet für wichtiger als das Opfer. Ueber die Diaspora läßt sich M. folgendermaßen aus: „Mer die Bewohner Palästinas waren nur ein Theil, und nicht der bedeutendste Tbeil der Juden; die babylonischen, syrischen, kleinastatischen, egyptischen Judengemeinden waren den palästinenfischen auch nach der Regeneration durch die Makkabäer weit überlegen. Mehr als die letztern hat die jüdische Diaspora in der Kaiserzeit zu bedeuten gehabt; und fie ist eine durchaus eigenartige Erscheinung." „Die Judenanfiedelungen außerhalb Palästina sind nur in untergeordnetem Grade aus demselben Triebe entwickelt wie die der Phoeniker und der Hellenen. Bon Haus aus ein ackerbauendes und fern von der Küste wohnendes Volk find ihre Ansiedelungen im Ausland eine unfreie und verhältnißmäßig späte Bildung, eine Schöpfung Alexanders oder seiner Marschälle. An jenen immensen, durch Generationen fortgesetzten griechischen Städtegründungen, wie fie in gleichem Umfang nie vorher und nie nachher vorgekommen find, haben die Juden einen hervorragenden Antbeil gehabt, so seltsam es auch war, eben fie bei der Hellenifirung des Orients zur Beihülse zu berufen. Bor allem gilt dies von Egypten. Die bedeutsamste unter allen von Alexander geschaffenen Städten. Alexandria am Nil, ist seit den Zeiten des ersten Ptolemäos, der nach der Einnahme Palästinas eine Masse seiner Bewohner dorthin überfiedelte, fast ebenso sehr eine Stadt der Juden wie der Griechen, die damalige Judenschaft an Zahl, Reichthum, Intelligenz, Organisation der jerusalemitischen mindestens gleich zu achten. In der ersten Kaiserzeit rechnete man auf 8 Millionen Egyptier 1 Million Juden, und ihr Einstnß reichte vermuthlich über dieses Zahlenverhältniß hinaus. Daß wetteifernd damit in der syrischen Reichshauptstadt die Judenschast in ähnlicher Weise organifirt und entwickelt worden war, wurde schon bemerkt. Bon der Ausdehnung und der Bedeutung der Juden Kleinasiens zeigt unter anderem der Versuch, den unter Augustus die ionischen Griechenstädte, es scheint nach gemeinschaftlicher Verabredung, machten, ihre jüdischen Gemeindegenossen entweder zum Rücktritt von ihrem Glauben oder zur vollen Uebernahme der bürgerlichen Lasten zu nöthigen. Ohne Zweifel gab es selbständig organifirte Judenschafteu in sämmtlichen neuhellenischen Gründungen und daneben in zahlreichen althellenischen Städten, selbst im eigentlichen Hellas, z. B. in Korinth. Die Organifirung vollzog sich durchaus in der Weise, daß den Juden ihre Nationalität mit den von ihnen selbst daraus gezogenen, weit reichenden Consequenzen gewahrt, nur der Gebrauch der griechischen Sprache von ihnen gefordert ward. So wurden bei dieser damals von oben herab dem Orient aufgeschmeichelten oder aufgezwungenen Gräcifirung die Juden derGriechenstädte griechisch redende Orientalen." „Daß bei den Judengemeinden der makedonischen Städte die griechische Sprache nicht blos im natürlichen Wege des Verkehrs zur Herrschaft gelangt, sondern einen ihnen auferlegte Zwangsbestimmung ist, scheint aus der Sachlage sich mit Nothwendigkeit zu ergeben. (?) In ähnlicher Weise hat sich späterhin Trajan mit kleinasiatischen Colonisten Dacien romanifirt. Ohne diesen Zwang hätte die äußerliche Gleichförmigkeit der Städtegründung nicht durchgefuhrt, die Material für die Hellenifirung überhaupt nicht verwendet werden können. Die Regierungen find hierin sehr weit gegangen und haben viel erreicht. Schon unter dem zweiten Ptolomäos und auf seine Veranlassung wurden die heiligen Schriften der Juden in Egypten in das Griechische übertragen, und wenigstens im Anfang der Kaiserzeit war die Kenntniß des Hebräischen unter den alexandrinischen Juden ziemlich so selten wie heutzutage in der christlichen Welt die der Ursprachen der heiligen Originale; es wurde mit den Uebersetzungsfehlern der sogenannten fiebzig Alexandriner ungefähr ebenso argumentirt, wie von unseren Frommen mit den Uebersetzungsfehlern Luthers. Die nationale Sprache der Juden war in dieser Epoche überall aus dem lebendigen Verkehr verschwunden und behauptete sich nur, etwa wie im katholischen Religionsgebiet die lateinische im kirchlichen Gebrauch. In Judaea selbst war fie ersetzt worden durch die der hebräischen freilich verwandte aramäische Volkssprache Syriens; die Judenschaften außerhalb Judaeas, mit denen wir uns beschäftigen, hatten das semitische Idiom vollständig abgelegt, und erst lange nach dieser Epoche ist jene Reaction eingctreten, welche schulmäßig die Kenntniß und den Gebrauch derselben allgemeiner bei den Juden zurückgesührt hat. Die literarischen Arbeiten, die sie während dieser Epoche in großer Zahl geliefert haben, sind in der besseren Kaiserzeit alle griechisch. Wenn die Sprache allein die Nationalität bedingte, so wäre für diese Zeit von den Juden wenig zu berichten." Alles dies ist richtig, jedoch nur in Bezug auf die westlichen Colonien. In Judaea wurde die hebräische Sprache stets gepflegt, wie die Wahrsprüche der Weisen aus den letzten Jahrhunderten vor der Zerstörung Jerusalems und dic Mischna mit den Verhandlungen der Weisen bezeugen. In den östlichen Colonien verblieb es bei der aramäischen Sprache, die

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