Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 16 (14.4.1885)
- Date
- 1885-04-14
- Page
- Seite 251 (sequence 3)
- Language
- German
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251 zum Mitglieds eignete. Ein „Erzpriester" (Hoherpriester) stand nicht an seiner Spitze, sondern ein von den Mitgliedern des Sanhedrin zum Vorsitz erwählter Mann aus seiner Mitte; Priester, und selbst der Hohepriester, hatten nur den Eintritt in dasselbe, wenn sie sich durch Gelehrsamkeit dazu qnalifizirten; Priester, und selbst der Hohepriester, standen unter der Jurisdiction des Sanhedrin und mußten im Falle einer Anklage vor ihm erscheinen und ihr Artheil empfangen. Mommsen urtheilt hier also ohne irgend welche Kenntniß des Sachverhältniffes. Wie unrichtig betrachtet er die Verhält-- nisse der anfangs so kleinen und von Feinden umringten Colonie in Jerusalem! Sie hatte um ihre Existenz zu kämpfen und die größten Anstrengungen zu machen, um die Stadt wieder zu erbauen und in einigen Vertheidigungszustand zu setzen. Wie sollte sie im Stande sein, sich von der persischen Herrschaft ftei zu machen und einen unabhängigen Staat zu bilden! Dazu mußten erst ganz andere Momente hinzutreten, und zwar der direkte Angriff auf ihre Religion, wie vom Antiochus Epiphanes geschehen. Dann standen die Juden nicht an, ihre Unterdrücker anzugreifen und mit den Waffen in der Hand sich einen fteien Staat zu erobern. Was hatten sie sich wohl bis dahin um den persischen Staat zu bekümmern? Sie gaben ihm, was er forderte, Tribut und Soldaten. Sonst aber beschäftigten sie sich nur, die Verhältnisse ihres Gemeinwesens unter den gegebenen Berhältniffen zu entwickeln und auftecht zu erhalten. Wie deshalb Mommsen darauf kommt, aus diesen Umständen „die Signatur des späteren Judenthums" zu folgern, ist nur erklärlich aus einer Vorliebe für Consequenzmacherei. Und hier ist er abermals in hohem Grade ungerecht. Wo irgend es den Juden, auch in den späteren Zeiten, gestattet ward, in das staatliche Leben einzutreten, gegen den Staat ihre Pflichten zu erfüllen und ihm Dienste zu leisten, haben sie es redlich und gern gethan, so in Egypten, in Spanien, in der Türkei. „Den Staat ignorirten sienur, wenn er sie ausschloß und zum Jgnoriren zwang. Auch „daß in religiösen Formen nur ein Festhalten der nationalen Eigenart" enthalten gewesen, ist eine falsche Auffassung. Bor Allem bezweckten die religiösen Formen die Erhaltung des Monotheismus in der überlieferten Weise. Mommsen widerspricht sich auch selbst hierin: denn wenn er später die jüdische Propaganda als ausnehmend stark betrieben schildert und sogar meint, daß die Juden vielen zu ihnen Uebertretenden die Beobachtung der Satzungen erlassen hätten, so läge doch hierin ein Aufgeben, nicht aber ein Festhalten der nationalen Eigenart. Hierüber noch später. Einen gleichen Werth hat der folgende Satz: „Wohl ist jede: Gottesbegriff in seiner Bildung volksthümlich; aber kein anderer Gott ist so von Haus aus nur der Gott der Seinen gewesen, wie Jahve, und keiner ist so ohne Unterschied von Zeit und Ort geblieben." Borurtheil und nichts als Borurtheil! Herr Mommsen weiß vom Judenthume gerade so viel, wie alle, die dasselbe Borurtheil theilen. Ein Blick in die heilige Schrift und in den Talmud kann jeden belehren, daß dieser „Jahve" der Gott des Universums, der unendliche, unveränderliche Weltgeist, der „Richter der ganzen Erde" (1. Mos. 18.), der Lenker aller menschlichen Geschicke, der Völker wie der Einzelnen, der Allgegenwärtige, in allen Höhen und Tiefen, „vom Aufgang bis zum Niedergang" war, als solcher im Judenthume erkannt und angebetet wurde. Dies ist eine geschichtliche Thatsache, und dieser gegenüber sollte ein Mommsen sich nicht zu einem engherzigen und einseitigen Borurtheil bekennen. — In der kurzen Betrachtung der maccabäischen Kämpfe ergeben sich dann aus den obigen Voraussetzungen Mommsens mehrfache Widersprüche für ihn. Diese Kämpfe sind ihm denn doch „die Auflehnung gegen die Fremdherrschaft, die aus dem begeistetten Volksglauben ihre besten Kräfte zog." Also muß er die Auflehnung gegen Fremdherrschaft als einen Ausfluß des Volksglaubens anerkennen. Und wer stand an der Spitze dieser Auflehnung? Priester. „Sie erneuerten auch das ehemalige, wahrhaft staatliche, den Priestern gebietende Königthum." Vor dieser Thatsache muß sich Mommsen beugen und hilft sich damit, daß dies „das Erzeugniß und der Gegensatz jener Priester- Herrschaft zugleich war." Also nach Mommsen hat die Priesterherrschaft sich durch die Fremdherrschaft erhalten, „die ihm als Schirmherr oder auch als Büttel diente"; dieselbe Priesterherrschaft hat aber auch die Fremdherrschaft gebrochen und ein Königthum hergestellt, von dem sie beherrscht ward; der Gegensatz zwischen Priesterherrschaft und Königthum blieb — obschon beide in einer Person verbunden waren! Nach Mommsen entstanden aus diesem Gegensatz die Sadducäer und Pharisäer. „Weniger Glaubenssätze und rituelle Differenzen standen hier sich einander entgegen, als einerseits das Verharren bei einem lediglich die religiösen Ordnungen und Jntereffen festhaltenden, im übrigen für die Unabhängigkeit und die Selbstbestimmung der Gemeinde gleichgültigen Priesterregiment, andererseits das Königthum, hinstrebend zu staatlicher Entwickelung und bemüht im politischen Ringen." Die Sadducäer vertreten ihm das fteiere Denken und Handeln. Wir glauben nicht, daß man jene beiden Secten falscher beurtheilen kann. Daß später politische Interessen in diesen religiösen Meinungsstreit hineingetragen wurden, und aus Seiten der Sadducäer?ie Reicheren und nach der staatlichen Herrschaft Strebenden standen, ist richtig. Aber an sich waren es allerdings Glaubenssätze und rituelle Differenzen, welche die beiden Secten entstehen ließen. Die sich kräftig entwickelnde sogenannte traditionelle Auslegung rief als Gegensatz das strenge Festhalten am Buchstaben des geschriebenen Gesetzes hervor; die Anhänger jener waren die Pharisäer, die strengen Buchstabengläubigcn die Sadducäer. Es galt hier also eine» tief liegenden Kampf 16*