Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 16 (14.4.1885)
- Date
- 1885-04-14
- Page
- Seite 250 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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250 ist es eigenthümlich, fohne über die Entwickelung, Tendenzen j und Regierungsmaximen der allgewaltigen Centralregierung aufgeklärt zu sein, sich mit den einzelnen Gliedern der Peripherie und ihrer, gewissermaßen vom Ganzen abgelösten Geschichte bekannt machen zu sollen. Wir haben demnach ge wissermaßen kleine Monographien vorliegen, die natürlich aus der Feder eines Mommsen die Aufmerksamkeit in nicht gewöhnlichem Grade wecken. Was nun unser Kapitel betrifft (von S. 487—553), so urtheilt Prof. O. Hirschfeld in seiner Besprechung dieses 5. Bandes in der Zeitschrift „die Nation" (vom 14. März), der die höchste Bewunderung für das ganze Werk ausspricht, über das betr. Kapitel folgendermaßen: „Judaea und die Juden, so lautet die Ueberschrift des eilsten Kapitels, in welchem Mommsen den hoffnungslosen Berzweiflungskampf und die Vernichtung des jüdischen Volkes in drastischer Weise schildert. Mit kühler Objectivität, etwa wie ein vorurtheilsloser römischer Staatsmann jener Zeit, erwägt er die Rechtsfrage und entscheidet sie fast bedingungslos zu Gunsten des Siegers. Die maßlosen Bedrückungen der kaiserlichen Prokuratoren, die selbst einem Hasser und Verächter der Juden die Worte: duravit tarnen patientia Judaeis usque ad G-essium Florum proeuratorem; sub eo bellum ortum abgezwungen haben, werden wohl mit einem kurzen Worte erwähnt, aber höchstens als Milderungsgrund anerkannt. Man wird dieser Auffassung logische Konsequenz nicht abstreiten; aber daß dieselbe der religiösen Bedeutung dieses ersten Zusammenstoßes des orientalischen Monotheismus und des occidentalen Götter- oder richtiger Kaiserkultes ganz gerecht werde, möchte ich bezweifeln. Freilich, wer darf hoffen, in dieser Tragödie der Irrungen zwischen zwei Völkern, die sich nie verstanden haben, den rechten llrtheilsspruch zu finden?" So leise der Tadel hier angedeutet wird, so geht doch hervor, daß Professor Hirschfeld den Standpunkt Mommsens als den eines damaligen römischen Staatsmannes, also pure den römischen bezeichnet, und daß er Mommsen das Berständniß für das religiöse Moment dieses Kampfes abspricht. Dies ist denn auch vollständig richtig, und wir unsererseits können dieses Kapitel nur als höchst einseitig und verfehlt erklären, wofür wir natürlich in Folgendem den Beweis führen werden. Mommsen ist bekanntlich ein freisinniger Mann, dem jedoch aus vielen seiner Aeußerungen Inkonsequenzen und Eigenthümlichkeiten in seinen politischen Anschauungen längst erwiesen find. Bei Gelegenheit der antisemitischen Agitationen hat er sich in einer bekannten Broschüre selbstverständlich als Anhänger des Princips der Gleichberechtigung, sonst aber als Feind des Judenthums, folglich auch als kein Freund der Juden ausgesprochen. In seinem römischen Geschichtswerke zeigt nun Mommsen, daß er, aus dem römischen Standpunkte verharrend, keinen Sinn für den Freiheitsdrang eines Volkes, sich des drückenden römischen Joches zu entledigen, für das Verlangen einer Nation nach Selbständigkeit und Unabhängigkeit besitzt. Man kann also denken, wie er die letzten Kämpfe der Juden gegen den unerträglichen römischen Druck beurtheilt. Für Mommsen find die Römer und Griechen die alleinigen Träger der Cultur und was nun in diese, doch bereits in Zersetzung gerathene und zum völligen Niedergang schnell absteigende Cult« sich nicht hinein begeben, nicht in sie aufgehen oder doch innerhalb derselben die Eigenart bewahren will, das erscheint chm verwerflich und verkehrt. Noch weniger hat Mommsen die Vorstellung von einer religiösen Ueberzeugung und der Gewalt, die sie über den gewissenhaften und charaktervollen Menschen ausübt. Vom Judenchum, vom Lehr- und Gedankeninhalt desselben, von dem, durch dasselbe getragenen Monotheismus und Sittengesetz hat er keine Ahnung; er sieht nur wie ein echter Römer, die Auffälligkeilen der nach Außen sich manifestirenden Satzungen, und diese find ihm das ganze Judenchum. Man kann deshalb voraussetzen, wie er über dasselbe urtheilt. Andererseits ist Mommsen ein zu scharfsinniger und gewissenhafter Kritiker der Thatsachen, daß er diesen nicht die vollste Aufmerksamkeit und Prüfung angedeihen laffen sollte. Auf dem Felde der Thatsachen kann man ihm folgen und Vertrauen schenken. Nur erst wenn er zur Beurcheilung derselben geht, wenn er ihrer Darstellung eine bestimmte Färbung zu geben hat, wird er einseitig und sagen wir es offen, auch kritiklos. Deshalb geschieht es ihm auch, daß er gerade in diesem Kapitel sich öfter selbst widerspricht und dem denkenden Leser dadurch eine ganz andere Perspektive unwillkürlich eröffnet. — Folgen wir chm nun in seiner Darstellung. Einleitend sagt Mommsen u. a.: „Die durch die Fremdherrschaft ausgetriebene und durch den Wechsel der Fremdherrschaft wieder zurückgeführte kleine Gemeinde frommer Exulanten" war „das Ideal nationaler Exclufivität und priesterlicher Geistesfeffelung", und hatte „unter dem Regiment der Seleukiden die sogenannte mosaische Theokratie entwickelt, ein geistliches Collegium mit dem Erzpriester an der Spitze, welches bei der Fremdherrschaft sich beruhigend und auf staatliche Gestaltung verzichtend die Besonderheit der Seinigen wahrte. Dies den Staat ignorirende Festhalten der nationalen Eigenart in religiösen Formen ist die Signatur des späteren Judenthums." Diese einleitende Darstellung schon enchält mehrfache Jrrthümer und eine daraus folgende schiefe Auffassung. Eine Priesterherrschaft und die von dieser bewirkte Geistesfeffelung fand während des zweiten Bestandes gar nicht statt. Das von M. „geistliches Collegium" genannte Sanhedrin und deffen Vorgängerin „die große Synode" war durch und durch ein demokratisches Institut, das sich fort und fort aus dem Volke recrutirte, sowie jemand durch Gelehrsamkeit sich