Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 15 (7.4.1885)
- Date
- 1885-04-07
- Page
- Seite 245 (sequence 13)
- Language
- German
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245 Bei der Papierfabrik in Bacau ist ein gewisser Vorumbar, besten Name unseren Lesern bereits aus zahlreichen Scrndalgeschichten bekannt ist, als Bauleiter angefiellt, welcher, unterstützt von einer Anzahl italienischer Arbeiter, die er für seine Zwecke eigens dressirt hat. So oft es ihm gelingt, einen Juden in seine Krallen zu bekommen, läßt er denselben in arglichster Weise mißhandeln, so daß man ihn in Bacau nicht anders als den Henker der Juden nennt. Vergangenen Donnerstag brachte nun ein jüdischer Lohnkutscher — ein noch junger Mann — einen Fahrgast nach der Fabrik und wollte, als er denselben abgesetzt hatte und bevor er den Rückweg nach der Stadt antrat, seine Pferde noch eine Weile verschnaufen lasten. Aber ehe er sich's versah, wurde er von mehreren Arbeitern überfallen, vom Kutschbock gerissen und nach einem Zimmer gebracht, wo sich alsbald Porumbar einstellte, der ihn binden und ohne jedwede Veranlassung in barbarischester Weise durchprügeln ließ, worauf man dem armen Burschen das Gesicht mit verschiedenen Farben bemalte. Porumbar ergötzte sich anfänglich an dem „komischen" Anblicke seines Opfers, bald aber fand er dieses Späßchen zu harmlos und schritt nun zu folgender Procedur: Er nahm ein Stück Wachsleinwand in der Größe und Form einer Gesichtsmaske, schnitt an jenen Stellen, wo Stirne, Wangen, Nasenrücken und Kinn zu liegen kommen, Löcher aus, drückte diese Maske, nachdem er die Farbe vorerst hatte entfernen lassen, auf das Gesicht des Kutschers und bestrich hierauf die zu Tage liegenden Stellen der Haut mit einer Flüssigkeit (Vitriol), i so daß das unglückselige Schlachtopfer wahrhaft gräßliche! Brandwunden davontrug. Trotz seines entsetzlichen Jammerj geschreies und der flehentlichen Bitte, man möge ihn ziehen! lassen, wurde der Mann noch eine volle Viertelstunde dort j behalten, während welcher Zeit sich Porumbar an den Qualen! des Gepeinigten weidete; dann wurde er von seinen Fesseln! befreit und mit Faustschlägen aus der Fabrik gejagt. Seinen; Schmerz unterdrückend und nur von dem Wunsche erfüllt, sich Gerechtigkeit zu verschaffen, eilte der Unglückliche nach der Wohnung des Procurors, um die Anzeige zu erstatten, erhielt jedoch zur Antwort, er möge am folgenden Tage in das Amtslocal kommen; dies geschah auch, allein die Untersuchung wurde abermals verschoben und da der Mißhandelte ahnen mochte, daß möglicher Weise eine Vertuschung dieses Falles beabsichtigt werde, machte er kurzen Proceß und fuhr direct nach Bukarest, um seine Sache hier an competenter Stelle vorzutragen. Vorgestern überreichte der junge Mann dem Justizminister eine Petition, welche eine genaue Darstellung des Sachverhaltes enthielt und hatte die Genugthuung, daß Herr Nacu sofort im telegraphischen Wege die Ordre an das Tribunal zu Bacau ergehen ließ, man möge die Angelegenheit genau constatiren. Der unglückliche junge Mensch, den wir zu sehen Gelegenheit hatten, ist an den ' oben bezeichnelen Stellen des Gesichts mit schwarzen Brandwunden bedeckt, die noch nicht geheilt, theilweise sogar in > Eiterung übergangen sind und wird derselbe nach dem Aus- Spruche der Aerzte zeitlebens gezeichnet bleiben. , Nachdem der Justizminister von dieser Schandthat bereits >Kenntniß hat, wird wohl von einer Vertuschung derselben nicht mehr die Rede sein können und es dürfte sich wohl! auch kein Journal finden, welches den Muth hätte, im vor- ftegenfcen Falle von einer Verleumdung zu sprechen. Wir jfmb weit entfernt, für dieses Ereigniß das rumänische Volk verantwortlich zu machen; tauchen ja selbst in den civilisirtesten Staaten Scheusale, verthierte Menschen aus dem Schlamme der Gesellschaft auf, welche ihren Nebenmenschen Verderben bringen; aber dort behandelt man sie wie reißende Thiere und verhindert sie, irgend einen Schaden anzurichten, während i hier ein roher, verkommener, von brutalen Jnstincten geleiteter i Geselle gleich Porumbar, nicht nur frei umhergeht, sondern! sich sogar der Intimität und des Schutzes solcher Persönlich-; leiten erfreut, welche in erster Linie berufen sind, derartigen ' Auswürflingen die eiserne Faust des Gesetzes fühlen zu lassen. Wie man uns mittheilt, soll der Judenhcnker Porumbar be-! reits ein Dutzend ähnlicher Verbrechen auf seinem Gewissen haben und es ist nunmehr zu hoffen, daß der Krug, nachdem er schon so lange zum Brunnen gegangen, endlich doch brechen werde. Nur ein strenges Walten der Justiz kann im vorliegenden Falle das Land von dem Vorwurfe befreien, daß man hier Missethäter ftei schalten und walten lasse." — Nußland. Turek, 18. März. (Privatmitth.) In Rußland denkt man jetzt daran, die Selbstverwaltung der Ortsgemeinden zu erweitern und die „Judencommission" erörterte deshalb jüngst die Frage, welche Stellung man hierbei den Juden einräumen wolle, die in vielen Städten der ehemals polnischen Provinzen die Mehrheit der Bevölkerung bilden und denen bis jetzt trotzdem in den städtischen Collegien nur ein Drittel der Mitglieder zugestanden war. Hierbei brachte ein Mitglied die unter den Juden sich immer mehr verbreitende Idee der Auswanderung nach Palästina zur Sprache, um daselbst sich zu colonisiren, wofür sich in vielen Gemeinden Vereine bilden und Geldsammlungen veranstaltet werden. Zu irgend einem Austrage gelangte man in beiden Fragen nicht. — In Warschau hat der Stadtmagistrat bei der jüdischen Gemeinde angefragt, ob nicht beim Schlachten der Thiere, wenn die Luft- und Speiseröhre durchschnitten ist, durch einen Genickstoß der sofortige Tod herbeigeführt werden könne. Das Rabbinat hat dieses Verfahren zurückgewiesen. — Das Ministerium hat dem neuhebräischen Literaten Abraham Beer Gottlober wieder gestattet, seine Zeitschrift „Haboker — Or" in Rußland wieder herauszugeben. — In Warschau ahmt