Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 15 (7.4.1885)
- Date
- 1885-04-07
- Page
- Seite 246 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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246 man jetzt das Beispiel von Lodz nach, durch Errichtung von Volksküchen dem hier herrschenden Elend in Etwas abzuhelfen, welches durch die immer mehr anwachsende Geschäftslofigkeit im steten Wachsen begriffen ist. — In dem von Versöhn und Baumann begründeten jüdischen Krankenhause zu Warschau erhielten im Jahre 1884 im Ambulatorium 9774 Juden und 3410 Christen unentgeltliche ärztliche Behandlung und Arznei. Die Einnahmen betrugen 6655 Rubel und die Ausgaben 6178 Rubel. — Da jetzt in Petersburg allen jüdischen Kranken, die kein Wohnrecht daselbst haben, die Aufnahme in Krankenhäusern verweigert wird, so wird dieses Beispiel jetzt auch in Moskau befolgt. — Im verflossenen Jahre besuchten in Petersburg unter 2276 Studenten nur 246 Juden die Universität, also über 100 weniger als im Vorjahre, weil jetzt die Zahl der jüdischen Studenten beschränkt wird. .So wurden auch zu Riga vom Polytechnicum ungefähr 20 Juden zurückgewiesen, weil ihre Eltern in Riga zu wohnen nicht das Recht hatten. — In vielen Synagogen sand eine Trauerfeier mit Gedächtnißreden für den verstorbenen Fürsten Demidow, den bekannten Bertheidiger der Juden, statt. Nach dem „Hamaggid" sind im verflossenen Jahre in New-Aork 1356 Juden in großer Bedürftigkeit angekommen, und zwar 713 russische, 345 österreichische, 260 deutsche, 34 rumänische, 3 französische und 1 englischer. — Der russische, sehr fromme Philosoph Wlademir Solowiew in Petersburg veröffentlichte eine Reihe von Artikeln, in welchen er einerseits als zukünftig.die Bereinigung der griechisch- und römisch-katholischen Kirchen verkündet und daß dann die Juden sich mit ihnen vereinigen werden, andrerseits beschuldigt er in lebhafter Weise die Christen, die Juden ungerecht und unchristlich zu behandeln; was man den Juden vorwerfe, das sei keine Schuld dcr> selben, sondern Auswüchse des modernen Lebens, die Christen aber verführen in der Behandlung der Juden gegen das Evangelium und thäten, als ob dieses für sie gar nicht existire. Moses Feinkind. Bonn, 29. März. .(Notizen.) Man schreibt aus Kopenhagen: Dänemarks letzter Kupferstecher, Joel Ballin, ist am 20. d. M. im Alter von 63 Jahren in Kopenhagen gestorben. Nach Bollenduug seiner Studien an der Kopenhagener Kunstakademie ging er nach Paris, woselbst er 22 Jahre verweilte und durch viele tüchtige Stiche einen angesehenen Namen errang. Im Jahre 1870 ging er nach London und von dort nach einigen Jahren nach Kopenhagen, um mit Hilfe einer Staatsunterstützung eine Kupferstecherschule an der Kunstakademie zu gründen, was jedoch nicht glückte. — Man theilt uns aus Colberg mit: Es ist bereits erwähnt worden, daß Herr Jakob Israel in Berlin zum 50 jährigen Geschäftsjubiläum eine sehr hohe Summe für wohlthätige Anstalten bestimmte. Auch für das jüdische Kurhospital allhier hat er eine Stiftung von 10,000 M. gemacht mit der Bestimmung, daß aus den Zinsen 3 Kurbetten für Kinder auf ewige Zeiten erhalten werden sollen. Da in jeder Saison eine viermalige Belegung der Betten stattfindet, würden also jährlich nach dem Willen des Stifters 12 Kinder die Wohlthat dieser Stiftung genießen. Der Stifter hegt den Wunsch, daß diese seine Stiftung allmählich sich fortbilde und zu einer Kinderheimstätte entwickele. — Herr Israel hat bei derselben Gelegenheit u. A. der Kaiser Wilhelm Stiftung 12,000 M., der Alterversorgungs - Anstalt 24,000 M., der Synagoge des Potsdamer Viertels 27,000 M., dem Auerbach'schen Waisenhause 3000 M. und dem Verein! für Ausstattung armer jüdischer Bräute 3000 M. zugewiesen. — Aeuitleton. Vermischtes. Der Hochstapler Brimanus alias Justus. Aus dem Leben dieses gelehrten Schwindlers liegen noch die folgenden interessanten Mittheilungen vor: In Innsbruck setzte Brimanus die schon früher entrirte Verbindung mit deutschen und französischen Ultramontanen fort, andererseits wurden neue werthvolle Konnexionen angeknüpft, deren bedeutender Einfluß den Verfasser des „Judenspiegelmächtig förderte. Diese in der Stille wirkenden Faktoren öffneten ihm die Pforten kirchenfürstlicher Residenzen und verschafften ihm auch die Geldmittel, deren er zur Ausführung eines kühn konzipirten Planes bedurfte, eines „partei- | wissenschaftlichen" Planes. Er wurde zu diesem Zwecke mit j 2000 fl. subventionirt. Bemerkenswerth ist es, daß in den > Kreisen der österreichischen Theologen die Identität des Dr. Brimanus mit Dr. Justus kein Geheimniß war; wenigstens j machte er kein Geheimniß daraus. Ja, er gab Papiere aus l der Hand, die die Gleichheit der Person bestätigen und über-! dies auch in die geheime Werkstätte der „partei-wiffenschaft-! lichen" Gelehrtenwelt blicken lassen. — Nicht unintereffant! ist es, zu erfahren, in welcher Weise Brimanus über seinen j bereits geschilderten Konflikt mit der Innsbrucker Buchhandlung dachte. „Der Verleger will mir nichts mehr geben," sagte er zu einem intimen Bekannten, „weil ich kontraktj brüchig geworden bin — aber was liegt daran . . . Der