Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 15 (7.4.1885)
- Date
- 1885-04-07
- Page
- Seite 242 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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L42 Jahre in steter Verringerung geblieben, indem sie in den letzten drei Jahren 85 Mitglieder verlor und nur 64 neue! erhielt. Die Zahl der Mitglieder betrug am Schluffe des Jahres 1884 nur 804, wovon 767 Beiträge zahlten. Diese beliefen sich noch 1882 auf 8416 Fl., im Jahre 1884 8049 Fl. Dagegen waren die Zinsen aus den Capitalien der Gesellschaft von 4201 Fl. auf 4571 Fl. gestiegen. Das Vermögen war in den drei Jahren von 90,970 Fl. auf 102,270 Fl. gestiegen. Die Ausgaben im Jahre 1884 beliefen sich auf 20,007 Fl., wovon 3230 Fl. im Saldovortrag auf 1885 verblieben. Wir«, 25. März. (Privatmitth.) Hier findet jetzt eine unliebsame Verhandlung im Abgeordnetenhause über die Nordbahn statt, an deren Spitze Herr v. Rothschild steht. Das Privilegium dieser Bahn läuft ab und allgemein ist der Wunsch nach Verstaatlichung derselben, da die meisten österreichischen Bahnen Staatsbahnen find. Die Staatsregierung jedoch will eine Erneuerung des Privilegiums in einem neu abzuschließenden Vertrage. Hierüber nun eine große Aufregung im Abgeordnetenhause und in der Stadt. Eine Zeit lang drohte sogar die Regierungspartei, über diese Frage auseinander zu fallen, und nur mit großer Mühe wurde eine kleine Mehrheit zusammengebracht. Man wird ftagen, was geht uns die Nordbahn und ihr Privilegium an. Der gesunde Menschenverstand wird antworten: Nichts! aber der Herr v. Rothschild ist ein Jude, und alle Opposition gegen ihn wirft sich nun auf die Juden im Ganzen. Dies ist ein zu charakteristisches Symptom, als daß wir es hier mit Stillschweigen übergehen dürften. In der Sitzung vom 23. sprach es Fürst Alois Liechtenstein aus. Er sagte, er sei überzeugt, daß die Annahme dieses Uebereinkommens dem Antisemitismus neue Nahrung zuführen werde, speciell in Wien, deffen Bevölkerung durch die Nordbahn-Tarife und in so arger Weise übervortheilt wurde und zusehen mußte, wie die Nordbahnleute große Vermögen aufhäuften. Deshalb wird auch die Berliner Bevölkerung im Falle der Annahme dieses Uebereinkommens schaarenweise dem Antisemitismus zulaufen." — Ein trauriges Zeugniß von der Begriffsverwirrung der Menschen und von ihrer Neigung, ihren Zorn gegen Einzelne auf eine völlig unbetheiligte und unschuldige Gesammtheit auszudehnen, um für ihre Rachegefühle Opfer zu finden. Wo ist ein Grund vorhanden, um die Herren von Rothschild mit dem Judenthum zu identificiren? Darum weil sie Juden find und zufällig an der Spitze der Nordbahncompagnie stehen, sollen wir Juden den Haß der Bevölkerung tragen! Wie viele „Eisenbahnkönige" giebt es, z. B. in Amerika, welche Christen sind. Niemandem fällt es ein, deshalb auf die Confession dieser Leute einen Schatten zu werfen. Sobald aber bei einer mißliebigen Angelegenheit ein Jude betheiligt ist, werden alle Juden in die Mitschuld hereingezogen. Was hilft es, daß gegeit eine solche Jdentificirung einzelner jüdischer Finanzgrößen mit Juden und Judenthum wiederholt von uns protestirt worden. Die Thatsache bleibt bestehen, daß das Odium auf uns geworfen wird und daß die antisemitischen Agitatoren sich solcher Mittel eifrigst bemächtigen, um das Volk gegen uns aufzuhetzen. Wie«, 25. März. Daß die antisemitischen Hetzen nicht bloß den Juden, sondern auch den Christen geschadet, führte Graf Salm jüngst in einer Rede im Abgeordnetenhause folgendermaßen aus: „Gegenwärtig wird der Getreidehandel aus zweierlei Art geführt. Entweder fährt der jüdische Händler von Ort zu Ort und kauft dem kleinen Bauer die eben abgedroschenen 2, 3, 4 oder gar 10 Metzen ab. Daß er ihm nicht den höchsten Preis zahlt, der zu erlangen wäre, ist begreiflich; dafür ist er eben Geschäftsmann. Wenn er es aber nicht thut, was geschieht dann? Der Bauer fährt mit seinem Wagen auf den Wochenmarkt, und er kann sich glücklich schätzen, wenn überhaupt ein Händler da ist, der das Getreide um jeden Preis nimmt. Wenn er den Preis nicht nimmt, den der Händler ihm bietet, so kann er mit seiner Fuhr bis Abends stehen und mit seinen 3 oder 4 Metzen wieder ruhig nach Hause fahren. Darum ist es für den kleinen Producenten — und dazu muß ich den mährischen Bauer noch immer zählen — immer noch besser, wenn die Classe der jüdischen Händler existirt und herumfährt und das Getreide aufkauft. Betrachten Sie, was nach den großen antisemitischen Bewegungen und den Judenhetzen in Ungarn geschehen ist. Früher war es dort ebenso wie in Mähren. Die ungarischen jüdischen Händler fuhren von Dorf zu Dorf und kauften das Getreide auf. Sie haben nicht die höchsten Preise gezahlt, aber der Bauer war wenigstens nicht genöthigt, mit seinen paar Metzen den theuren Markt aufzusucheu. Nachdem die antisemitischen Hetzen dort losgegangen find, haben die jüdischen Getreidehändler selbstverständlich nicht mehr die Courage gehabt, ihre Haut zu Markte zu tragen. Sie haben den Getreidehandel Monate lang eingestellt, und es ist eine höchst charakteristische Erscheinung, daß gerade die Gemeinden, in welchen dies vorgekommen ist, sich dringend an die Regierung gewendet haben, sie möge doch dafür sorgen, daß die jüdischen Händler nach wie vor das Getreide im Lande aufkaufen und daß sie nicht genöthigt, selber auf Märkte zu fahren. (Hört! Hört! links.) Pest, 20. März. (Privatmitth.) Wilhelm Horvat alias Hirschmann, der vor einiger Zeit sich taufen ließ und das hier erschienene antisemitische Blatt „Riado" redigirte, wurde vorigen Donnerstag in Stuhlweißenbnrg verhaftet und wegen Begehens von Handlungen, welche die öffentliche Sicherheit, die gesellschaftliche und sittliche Ordnung heftig bedrohen, so