Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 15 (7.4.1885)
- Date
- 1885-04-07
- Page
- Seite 240 (sequence 8)
- Language
- German
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240 gelesen; in Zukunft wird uns dieses Behage« getrübt werden durch den Schatten, welchen der Proceß Oehlke wirft." Witte« a. d. R., 25. März. (Privatmitth.) Auch hier hatte sich ein sogenannter „Deutscher Verein" gebildet, dessen Statuten den § 1 enthielten: „Zweck des Vereins ist: Auf dem Boden unerschütterlicher Liebe zu Kaiser und Reich, auf dem Boden der durch die kaiserliche Botschaft vom 17. Nov. 1881 inaugurirten sozialen Reformpolitik, so wie auf dem Boden gesetzlich erlaubter Selbsthülfe dem im deutschen Baterlande überhand nehmenden unverhältnißmäßigen Einfluß des Judenthums entgegenzuarbeiten." Der Verein zählt ungefähr 150 Mitglieder. In einer Versammlung hielt nun ein vr. meä. König einen Vortrag, in welchem er über den Geschäftsverkehr des Kaufmanns Moritz Lindenbaum die compromittirendsten Geschichten erzählte. Lindenbaum gab hierüber nicht bloß eine öffentliche Erklärung in den Zeitungen ab, sondern verklagte den König wegen verleumderischer öffentlicher Beleidigung. Die Verhandlung vor dem Schöffengerichte zu Witten fand am 12. d. M. statt. König hatte, allerdings sehr spät, eine Gegenklage wegen jener öffentlichen Erklärung erhoben. Er machte die größten Anstrengungen, um den Beweis der Wahrheit zu führen. Als seinen Hauptzeugen führte er einen Mann ein, der bereits drei Male wegen Betruges Gefängnißstrafe erlitten hatte. Der Gerichtshof verurtheilte den Dr. König zu einer Geldstrafe von 200 Mark und in die Kosten des Verfahrens, Lindenbaum wurde frei gesprochen. In dem Erkenntniß heißt es, daß die Verurtheilung nicht auf Gefängniß erfolge, weil „der Gerichtshof nicht die Ueberzeugung gewonnen hat, daß der Angeklagte wider befferes Wiffen die Geschichten erzählt hat, sondern angenommen, daß er von diesen Geschichten, die sich als Wirthshausgespräche erwiesen, geglaubt hat, daß er Thatsachen vor sich habe." — Freilich sollte man annehmen, daß ein Di. naeä., bevor er solche Anschuldigungen gegen einen Dritten öffentlich vorträgt, sich von der Wahrheit derselben eine Ueberzeugung verschaffen müsse. Wie dem aber auch sei, eine lange Reihe von Zeugen, welche mit dem P. Lindenbaum in sehr langem Geschäftsverkehr gestanden, bekundete die Rechtlichkeit und Solidität dieses Geschäftshauses, und somit giebt dieser Prozeß abermals den Beweis, auf welchem sittlichen Standpunkt die Antisemiten sich befinden, und dabei ihre sittliche Entrüstung gegen die Juden proklamiren. Paderbor«, im März. (Privatmitth.) Die seit 28 Jahren bestehende „Israelitische Waisen-Erziehungs-Anstalt für Knaben und Mädchen aus Westfalen und Rheinland" hat ihren 25. Jahresbericht ausgegeben und befindet sich zufolge desselben in immer steigendem Wachsthum. Seine Einnahmen beliefen sich im verflossenen Jahre auf M. 43,974, worunter allein für gestiftete Jahrzeiten M. 19,500 sich befinden — die Zahl derselben beträgt bereits 616. Außerdem für auSgeloste Werthpapiere 2)1 3089. Dagegen betragen die Ausgaben, obschon für angekauste Werthpapiere M. 6443 berechnet sind, nur M. 36,044, so daß ein Kaffenbestand von M. 7919 verblieb. Die Werthpapiere des Waisenhauses betragen M. 135,853, wozu noch „verzinslich angelegte Reserve" von M. 21,000 kommen, und ein bedeutendes Grundstück mit Inventar zum Besitze der Anstalt gehört. Bei solchem günstigen Finanzzustande kann man auch bedeutende Leistungen erwarten; und in der That unterhält und erzieht die Anstalt jetzt 57 Zöglinge, nämlich 27 aus Rheinland und 30 aus Westfalen. Im verflossenen Jahre wurden 11 Waisen ausgenommen und 10 entlassen. Von den 7 entlassenen Knaben erlernen 6 den Kaufmannsstand, 1 die Schlosserei. Dies ist noch immer das alte ungesunde Berhältniß. Man frägt sich, was soll aus den vielen vermögenslosen Commis werden? und warum erlernen so wenige mittellose Waisenknaben ein Handwerk, wozu doch die Unterstützungen vorhanden find? Der Vorstand bemerkt, wohl im Gefühle dieser Uuverhältnißmäßigkeit: „Wir werden in Zukunft darauf Rücksicht nehmen, bei den Knaben Lust und Neigung für das Handwerk zu erwecken, jedoch müssen wir an dem Grundsatz festhallen, kein Kind zu zwingen, einen Beruf zu ergreifen, der seiner Neigung widerspricht." Diese Entschuldigung genügt wenig; denn warum hat er nicht schon längst darauf Rücksicht genommen, Lust und Neigung für das Handwerk zu erwecken? Bon Zwang kann nicht die Rede sein, wohl aber von Anleitung und Vorbildung. Ein solches Waisenhaus muß seinen Zöglingen Unterricht und Anleitung zu Handarbeiten geben und so die Lust an Manipulationen und technischen Arbeiten wecken und pflegen. Wir haben diese Rathschläge für alle jüdischen Waisenhäuser oft genug wiederholt. Man findet sie richtig, aber — führt sie nicht aus. Dazu gehört das Heraustreten aus dem Schlendrian und der viel betretene Weg ist doch so recht bequem. Die Anstalt bedarf, um noch mehr Zöglinge aufnehmen zu können, eine Vergrößerung der Räumlichkeiten. Der Plan ist fertig und der Kostenanschlag beläuft sich auf M. 20,000. Wir wünschen lebhaft mit dem Vorstände, daß die Wohlthätigkeit unsrer Glaubensgenossen recht bald die Mittel biete, um den Bau ausführen zu können. Oesterreich-Ungarn. Wie«, 19. März. In der heutigen Sitzung des Abgeordnetenhauses brachte Abgeordneter Rabb. Dr. Bloch folgenden Fall zur Sprache: Vor drei Jahren ist dem Tapezierer Stieglitz in Krakau seine fünfzehnjährige Tochter verschwunden. Die Polizei hat sich keine Mühe gegeben, dem räthselhasten Verschwinden auf die Spur zu kommen. Als