Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 15 (7.4.1885)
- Date
- 1885-04-07
- Page
- Seite 239 (sequence 7)
- Language
- German
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$39 %cvK\AA^<^y\xcic^iA^ Xc/w Deutschland. Berlin, 29. März. (Privatmitth.) Bekanntlich haben die Antisemiten von ihrem ersten Auftreten an, Herrn v. Treitschke an der Spitze, die Behauptung ventilirt, daß unsere östlichen Provinzen von russischen Juden überschwemmt würden. Nachdem Dr. Neumann in einer Broschüre nachgewiesen, daß die Zahl der Juden in diesen östlichen Provinzen während des ganzen letzten Jahrzehnt nicht zu-, sondern abgenommen habe, ließen die Antisemiten jene Klagen allmählig fallen. Thatsache ist nun, daß in der letzten Zeit von hier eine nicht geringe Zahl jüdischer Einwanderer aus Rußland, und zwar nicht von der Categorie der polnischen Bettler, ausgewiesen worden, und gleiches fand in den östlichen Provinzen statt. Bemerkenswerth ist nun ein Artikel der officiösen „Nordd. Allgem. Ztg." vom 27. d. Monats, welcher folgendermaßen lautet: „Der Umfang, welchen die Einwanderung russisch-polnischer Elemente in unsere östlichen Provinzen gewonnen hat, ist im Laufe der letzten Jahre ein so erheblicher geworden, daß er nicht nur die Beachtung der Regierungsorgane, sondern zugleich auch die Aufmerksamkeit der national gesinnten Presse auf sich gezogen hat. Während einerseits zwar Uebereinstimmung^ darüber herrscht, daß dieser Zuzug eine in wirthschastlicher Beziehung nicht unwillkommene Ergänzung der durch die Auswanderung stark gelichteten ländlichen Arbeitskräfte jener Gegenden in sich schließt, kann man sich andererseits doch nicht verhehlen, daß die Durchsetzung der Bevölkerung mit schwer zu assimilirenden fremden Elementen Gefahren und Unzuträglichkeiten der ernstesten Art im Gefolge haben muß, denen gegenüber jene wirthschastlichen Vorth eile ^zurücktreten müssen. Die angestellten Ermittelungen haben ergeben, daß die Besorgnisse vor einer vollständigen Verschiebung der nationalen Verhältnisse einzelner, dem Zuzuge von Ueberläufern besonders ausgesetzter Grenzdistricte nicht übertrieben sind. Gegenüber einer Erscheinung, die, wenn sie weiteren Fortgang nehmen sollte, zu einer förmlichen Polonisirung gewisser Grenzgebiete des Staates führen müßte, kann die der Staatsregierung obliegende Aufgabe nicht zweifelhaft sein. Wie wir vernehmen, sind die erforderlichen Anordnungen bereits getroffen, um sowohl fernerem Zuzuge einen Riegel vorzuschieben, als auch durch Zurückoerweisung in die Heimath dem Uebermaße der Belästigung durch die einer fremden Nationalität angehörigen Elemente ein Ziel zu setzen." Wenn von Ergänzung der ländlichen Arbeitskräfte und Polonistrung^ gesprochen wird, so kann dies nicht aus jüdische Einwanderer Bezug haben, da bekanntlich die russischen Juden nicht polnisch sprechen und, bei ihrer Ausschließung von allem Grundbesitz, auch keine ländlichen Arbeiter abgeben können. Es frägt sich demnach, wie die wirklichen Verhältnisse in jenen Ostprovinzen liegen, und es wäre deshalb überaus wünschenswerth, wenn von Königsberg, Posen, Bromberg oder einem anderem Orte her Aufschluß über die thatsächlichen Vorgänge gegeben würde. Bekanntlich haben gelegentliche Auslassungen der „Norddeutschen Allg. Ztg." noch lange nicht die Bedeutung und den Werth einer behördlichen, amtlichen Mittheilung. Auch die „Boss. Ztg." fügt der Stelle aus der „N. A. Ztg." folgende Bemerkung hinzu: „Unter der „national gesinnten Presse", die sich über die „Einwanderung" beschwert haben soll, können wohl nur einige antisemitische Hetzblätter verstanden werden. Die „Polonisirung", über die gelegentlich auch geklagt ist, ist durch andere Ursachen herbeigeführt als durch die Einwanderung russisch-polnischer Elemente. Man wird nähere Mittheilungen über die angekündigten Regierungsmaßregeln abwarten müssen, ehe man die Tragweite derselben bemeffen kann. Bisher handelte es sich immer nur um vereinzelte Ausweisungen." Breslau, 25. Marz. Die „Brest. Ztg." enthält einen lesenswerthen Artikel über die Oehlke'sche Angelegenheit, aus welchem wir folgende Stelle über Julius Wolff hervorheben: „Es ist unmöglich, an der Sache vorüberzugehen, ohne sich mit Herrn Julius Wolff zu beschäftigen. Er spielt in dem traurigen Drama eine Rolle, die kaum minder wichtig ist, als diejenige der Hauptacteure. Wir denken uns, er wird nachträglich gleich uns den Wunsch hegen, daß er diese Rolle nicht gespielt hätte. Wenn in unserer von politischen Kämpfen aufgeregten Zeit ein Mann von der Stellung des Herrn Wolff in eine öffentliche Versammlung geht und in derselben eine Rede hält, so kann man an ihn die Anforderung stellen, daß er weiß, wie die Versammlung beschaffen ist, in welche er geht und in welcher er spricht, und welche Tendenz die Personen verfolgen, die sich dort versammeln. Man darf von ihm erwarten, daß er sich von einer Versammlung fern hält, deren Tendenzen er mißbilligt. Hat sich Herr Julius Wolff von dem hohen Dichterschwung hinreißen lassen, in dieser Versammlung zu sprechen, so hat er sich etwas weit hinreißen lassen. Man darf ferner von einem Manne in einer solchen Stellung erwarten, daß er, wenn er zu einer feierlichen Erklärung aufgefordert wird, entweder von seinem unbestreitbaren Rechte zu schweigen, einen consequenten Gebrauch macht, oder wenn er spricht, so spricht, daß er nicht mißverstanden werden kann. Wir haben die poetischen Arbeiten des Herrn Wolff bisher hin und wieder mit einem gewissen Behagen